Lesen und lesen lassen: Berliner Autoren auf der Leipziger Buchmesse: Moritz Rinke


Am Vormittag stand Paul im Moor.
Nullkück hatte ihm bereits die
Gipsmarken gezeigt, die er seit vielen
Jahren zur Kontrolle an die Außenwände setzte. Das Haus war in den vergangenen vier Monaten um fast fünf Zentimeter
abgesunken. Foto: promo
Tobias Schwartz
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Als vor mehr als 100 Jahren Thomas Manns „Buddenbrooks“ erschien, gab es in Lübeck großes Rätselraten über reale Entsprechungen des Romanpersonals. Auch der 1967 im berühmten Künstlerdorf Worpswede  geborene Moritz Rinke hat einen Familienroman vorgelegt, der sich über drei Generationen erstreckt. Kaum erschien „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, kursierten in der „Wümme-Zeitung“ Spekulationen, wer wer sein könnte.
Kürzlich, auf einer Lesung in Worpswede, habe er 220 Bücher verkauft, die er allesamt nicht nur signieren, sondern auch mit Widmungen versehen sollte, berichtet Rinke im Gespräch. Aber: „Es gibt bei mir keine Figurenbeschreibungen eins zu eins. Literatur ist Fiktion, Erfahrungen verschmelzen mit Umgebung, mit Menschen, Geschichten, Körpern, Sehnsüchten und Phantasien zu Figuren.“
Wir treffen uns bei seinem Charlottenburger Stammitaliener, schräg gegenüber vom Schloss. Man kennt ihn dort. Vier Jahre hatte er sich in seine gleich um die Ecke liegende Wohnung zurückgezogen und seinen Debütroman verfasst. Finanziell möglich war ihm die Auszeit durch die Tantiemen, die ihm vor allem sein „Nibelungen“-Stück einbringt. Sein unterhaltsamer Roman erzählt die Geschichte Paul Wendlands, der in Berlin erfolglos eine Galerie betreibt, aber nach Worpswede zurückkehren muss, weil sein Elternhaus im Moor zu versinken droht. Darin schlummern neben historischen Fundstücken auch düstere Geheimnisse. Trotz norddeutscher Melancholie geht es  humorvoll zu. So bekommt der Protagonist regelmäßig von seiner auf den Kanaren lebenden Mutter Salat geschickt, weil sie den Berliner Salat aus Vorwendezeiten in schlechter Erinnerung behalten hatte.
„Für mich ist das, was andere bei mir komisch finden, wohl eher ein Schutz, weil die Geschichten, die ich erzähle, im Grunde furchtbar traurig sind“, sagt Rinke. Seine Karriere begann er als Journalist. Seinen Job als „Tagesspiegel“-Redakteur aber kündigte er bereits nach einem Monat. „Kritiker zu sein, das könnte ich nicht. Da hätte ich Angst um mein Herz.“ Besser gefiel Rinke, der sich selbst als  erdverbundenen Menschen bezeichnet, seine Tätigkeit am Leipziger Literatur-Institut. Doch zu sehr nimmt den Fan von Philip Roth und Jonathan Franzen inzwischen die Literatur in Anspruch. Was er sich nicht nehmen lässt, ist der Fußball. Er spielt seit seinem sechsten Lebensjahr und ist Mitglied der Autorennationalmannschaft. „Ein Leben ohne Fußball kann ich mir nicht vorstellen.“


Moritz Rinke: „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“.  Kiepenheuer & Witsch 2010, 496 S., 19,95 Euro
Lesung während der Messe u.a. am 19.3. um 16 Uhr am Stand der „Zeit“, Halle 3


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