- Artikel
- 28.07.2006
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Musik - Hintergrund: Berliner One-Hit-Wonder
Das waren noch Zeiten. Damals, 1984, als George Kranz mit „Din Daa Daa“ in aller Ohren war. Als er mit Falco in Wien um die Häuser zog und bis heute nicht weiß, wie der Abend endete. Als er im New Yorker Club „Funhouse“ auftrat und sich die Garderobe mit einer jungen Sängerin namens Madonna teilte. „Sie schrie die ganze Zeit ihre Tänzerinnen an: You gotta work, you gotta work!“. Am Ende erhielt er mehr Applaus. Kranz schüttelt den Kopf. „Sie mochte das nicht.“ Mehr als 20 Jahre später hat sich das Blatt gewendet. Sie ist der Weltstar, er der Musiker mit dem einen großen Hit. Wie Kranz ergeht es einigen Musikern: Sie landen einen Hit und verschwinden in der Versenkung. Für ihre Plattenfirmen sind sie erst der Goldesel, dann die Pechmarie. Ihre Aufstiege sind kometenhaft, ihre Abgänge schleichend. Man nennt sie One-Hit-Wonder.
„Din Daa Daa“
George Kranz lebt heute nahe dem Wittenbergplatz, ein hagerer Mann mit Lockenschopf, wenn er redet, tut er das so schnoddrig, wie es nur Berliner vermögen. Der 49-Jährige erzählt stolz, dass es in amerikanischen HipHop-Kreisen zum guten Ton gehört, sein minimalistisches „Din Daa Daa“ zu sampeln. The Fugees haben es getan, im letzten Jahr auch die Ying Yang Twins. Als Co-Komponist der Ying Yang Twins erhielt er eine Platinplatte. Er wurde für drei Tage auf die Musikmesse Midem nach Cannes eingeladen und durfte noch einmal die alten Geschichten abspulen: Wie er das Lied 1983 spontan aufnimmt, wie es vom kleinen Berliner Label Pool seinen Siegeszug über Frankreich in die USA antritt. Wie er nach New York umzieht, in der U-Bahn Autogramme geben muss, Einladungen von legendären Plattenbossen wie Seymour Stein erhält. „Ich dachte, mir steht die Welt offen“, sagt er. Als sich die nächste Platte nicht so gut verkauft, bleiben die Gratistickets aus, nach zwei Jahren kehrt Kranz nach Berlin zurück, versucht beim Label Teldec vorzusprechen – erfolglos. „Das Fußvolk war da und freute sich, aber die erste Etage war zugesperrt“.
Überall nennt man Kranz nur noch „Mister Din Daa Daa“, ab 1986 empfindet er das eigene Lied als Fluch, „es ging mir total auf den Zeiger“, er wechselt Plattenfirmen, bis er alle durch hat. Er ist verzweifelt, weil er das Geheimnis nicht knacken kann, weshalb Menschen den einen Song lieben und die anderen verschmähen. Seelische Schäden gibt es nicht. Sagt George Kranz. Er steckt seine Energie in andere Felder: Filmmusik, Schauspielerei, musiziert für das Musical ,Linie 1!. Heute hat Kranz eine neue Band, Schöneweile, die singt Volkslieder als Popsongs nach. „Natürlich hofft man immer auf einen Erfolg wie ‚Din Daa Daa’“, beginnt er den Satz. Dann schüttelt er den Kopf. „Es war eine schöne Zeit.“
„Another Night“
Olaf Jeglitza behauptet das auch, nur in anderen Worten: „Ich hab einen Haufen Weiber gehabt, viel Geld verdient, die Welt gesehen – was soll ich mich beklagen?“ Jeglitza war eine Zeit lang der größte heimliche Popstar Berlins. Mit seinem Dance-Projekt M.C. Sar & The Real McCoy hat er 12 Millionen Platten verkauft, vor allem zwischen 1994 und 1996 in den USA. „Another Night“ hieß sein größter Hit, den in Berlin kaum jemand kennt. Jeglitza wurde 1965 geboren, er nennt sich „einen langweiligen Mittelklassebürger aus Tegel“, eher schüchtern, aber er kann gut mit Keyboards umgehen und einigermaßen rappen. Als M.C. Sar & The Real McCoy in den USA zum Megahit mutiert, reist er nach New York. „Man geht auf eine Party und plötzlich rennen alle Frauen auf dich zu, ich war schwer begeistert“. So sehr, dass er an den Central Park zieht. „Ich bin ein Suchtmensch“, sagt Jeglitza. Erst mit 25 Jahren beginnt er zu rauchen, aber dann vier Schachteln pro Tag. Als der Erfolg kommt, tut er alles, um ihn zu verlängern. Er funktioniert „wie ein braver Soldat“, absolviert Auftritte, obwohl er sich dabei fühlt, als würde er „nackt im Wind stehen, mit abgezogener Haut“. Er nimmt, was er kriegen kann – nur von Drogen lässt er die Finger. „Stell Dir vor, ich hätte Koks genascht. Ich wäre heute tot“.
Dann folgt das zweite Album. Ein Flop. Der Tourmanager sagt ihm ins Gesicht: „Die Platte ist scheiße.“ Der Misserfolg setzt Jeglitza zu. Er kompensiert ihn mit Extrem-Shopping, kauft ein Haus in Connecticut, ein Studio in Prierort bei Berlin, einige Autos. Die zweite Ehe geht in die Brüche, Jeglitza leidet unter Depressionen, er trinkt zu viel Sambuca, überwirft sich mit seinem Geschäftspartner, rennt heulend durch die Straßen, eines Tages steht er betrunken am Fenster seiner Ku’damm-Wohnung, die Brüstung geht nur bis zur Hüfte, er sagt sich: „Wenn ich jetzt falle, auch scheißegal.“
Er fällt nicht. Er verliert viel Geld, sein Vater stirbt, die Depressionen werden schlimmer, er bricht die Zelte in den USA ab, geht zum Psychiater und engagiert einen neuen Manager. Der rät ihm, die Seite zu wechseln und Musik zu produzieren – und aus The Real McCoy wird ein gnadenloser Kommerzschinder. Namen wie Oli P oder Catterfeldt stehen auf seiner Klientenliste, und außerdem auch „eine von diesen Popstars, an die Namen kann sich ja keiner erinnern“. Sein Arbeitscredo: „Gute Musik höre ich zuhause, im Studio mache ich Musikgeschäft.“ Olaf Jeglitza ist zum dritten Mal verheiratet, fährt einen Smart, führt ein Studio in der Köthener Straße: „Ich mache das, weil ich es kann, aber nicht weil ich mich als großer Künstler verstehe.“ Er lacht. Die Distanz lindert die Wunden. Olaf Jeglitza hat Frieden geschlossen.
„Mädchen“
Spaß ist nicht das erste Wort, das Luci van Org einfällt, wenn man sie auf den Erfolg von „Mädchen“ anspricht. Sie sagt „absurd“ und „unrealistisch“. Zusammen mit dem Musiker Ralf Goldkind gründete sie 1993 Lucilectric, deren einziger Hit ein Jahr später zur Girlie-Hymne avancierte und knapp 1,5 Millionen Mal über die Ladentische ging. Danach wurde es ruhig um das Duo. „Ich konnte mich gar nicht so schnell an den Erfolg gewöhnen, so rasch war er wieder vorbei“, sagt die 35-jährige Berlinerin. Mit 16 Jahren unterschreibt sie ihren ersten Plattenvertrag, man will aus ihr eine deutsche Paula Abdul machen. Sie geht auf Partys und nimmt Gratisessen dankbar mit, denn „ich hatte kaum Geld“.
Zu einem Hit kommt es nicht, der Vertrag wird gelöst, dann folgt Lucilectric. TV-Auftritte, Konzerte, Interviews rauschen an ihr vorbei. Wenn wieder mal jemand behauptet, sie sei hohl, berührt sie das kaum – nur als eine Zeitung schreibt, sie kann nicht singen, fühlt sie sich in ihrer Berufung verletzt. Modefirmen schicken ihr Kleider, sie kauft ein kleines Haus in Berlin, einfach so.
Die Plattenfirma wird nervös, der Manager auch. „Da wurde mir erzählt, wie ich mich anziehen soll, welche Farbe meine Haare haben sollen“, erzählt van Org. Sie reagiert auf ihre Weise: Bandpartner Ralf schneidet ihr die Dreadlocks ab. Der Chef ihrer Plattenfirma wird später sagen: „Hättest du dir nicht die Haare abgeschnitten, hättest du Popstar bleiben können.“ Haare ab, Erfolg weg, sie verkauft das Haus mit Verlust. „Wir waren gar nicht bereit, Popstars zu sein.“ Sie moderiert dann wöchentlich auf Radio Fritz, darf in einigen TV-Filmen mitspielen, beginnt Drehbücher zu schreiben. In diesem Frühjahr hat sie den Krimi Der Tod wohnt nebenan veröffentlicht. „Mir ist schon klar, dass das nicht die Bestseller-Listen hoch klettert“, sagt sie. Luci van Org lebt in Kreuzberg mit Mann und zweijährigem Sohn, sie hat den Traum Popstar an den Nagel gehängt.
„Kreuzberger Nächte“
Beppo Pohlmann war nie ein Popstar, er stammt aus der Kabarett-Ecke. Pohlmann wurde mit dem Comedy-Schlager „Kreuzberger Nächte“ berühmt. Er hat das Lied getextet, komponiert und mit den Gebrüdern Blattschuß 1978 zum Hit gemacht. Danach versuchen sie, ernsthafter zu werden. „Wir wollten nicht die Stimmungskanonen der Nation sein.“ Die Nation kauft aber die anderen Platten nicht mehr und für das Kabarett-Publikum waren sie verbrannt. Pohlmann sagt lukrative Gigs ab, „weil wir nicht gewusst haben, dass das Geld einmal endet“. Die Band trennt sich 1984, Pohlmann streift ein Jahr durch den Kiez am Savignyplatz, lebt von den Tantiemen. Für Radio Luxemburg schreibt er Gags, für das Privatfernsehen Synchronfassungen amerikanischer Sitcoms. Ende der 80er Jahre reanimiert er Blattschuß, nach der Wende klappert er den Osten mit den alten Hits ab: „Wir waren richtige Vereinigungsgewinner“.
Heute läuft das Geschäft ruhiger, er versucht sich als Solokünstler, tritt am 20. und 27. Juli im Stadtbad Steglitz auf, aber er muss „sehr aktiv sein, um Auftritte zu bekommen“. Er grübelt. „Mir fehlt das Erfolgserlebnis“, sagt er. „Der erste Applaus ist wie der erste Sex. Wenn man das einmal erlebt hat, will man das ein Leben lang.“
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