- Artikel
- 18.12.2008
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Interview: »Tokio Hotel finde ich gut«
Herr Uhlmann, ist der Umgang mit deutschem Pop unverkrampfter geworden?
Ich bin mir nicht sicher. Neulich habe ich Coldplay gehört, eine der größten Konsensbands derzeit – und da fiel mir auf, solche Texte hätten auf Deutsch nie funktioniert. Ein Lied wie „Yellow“, da sagt das Radio, der Song ist zu extrem, weil die Gitarren verzerrt sind. Und wenn eine Platte heißen würde „Tod allen ihren Freunden“, würden sich alle wundern, was für einen harten Titel man gewählt hat. Auf Englisch ist das okay, auf Deutsch nicht.
Wie wichtig finden Sie den Reim in der Popmusik?
Unwichtig, der Klang ist wichtiger. Das habe ich bei der Arbeit an unserem aktuellen Album „Heureka“ so stark wie noch nie bemerkt. Ich nehme mir die Arroganz heraus, mir wichtige Sachen zu sagen, an den Texten so lange zu feilen bis sie gut klingen – aber sie müssen sich nicht reimen.
Was ist ein gutes Beispiel, für den richtigen Klang?
„Wir zwingen die Zukunft zu funktionieren.“ Viele Zs, viele Ks – toll.
In der englischen Popmusik liebt man das Pathos – warum nicht in der deutschen?
Frag ich mich auch. In französischen Chansons singen die Herren „Du bist die Einzige, ich werd mich heute Nacht umbringen“. Das stört niemanden. Aber in unserem Land geht das den Menschen zu tief. Wir waren mal mit einer israelischen Band auf Tour. Der Sänger meinte eines Abends zu mir: Ihr Deutschen habt einen Stock im Arsch, wenn es um große Gefühle geht.
Aber Sie mögen Pathos, oder?
Bei Tomte spielt eine Mischung aus Pathos im positiven Sinn und den Experimenten mit der deutschen Sprache eine Rolle. Wir dehnen den Sinn der Sprache. Wir gehen an die grammatikalischen Grenzen. Manchmal höre ich: Das kann man so doch nicht singen. – Doch, das muss so gesungen werden, weil ich genau etwas sagen will, das falsches Deutsch ist.
Mit falschem oder richtigem Deutsch ist Popmusik erfolgreich.
Wissen Sie, man kann auch gegen Ich & Ich oder Silbermond schreiben, aber je älter ich werde, umso mehr gelange ich zu der Einsicht: Wenn sich 20.000 Leute freuen und sich nicht auf die Schnauze hauen, kann es im Kern nicht schlecht sein.
So wie bei Tokio Hotel.
Finde ich gut.
Wofür steht die Band?
Sie steht für ein sich auflösendes Bild von Männlichkeit. Wir erleben schreiende Mädchen, die ihre ersten sexuellen Gefühle erfahren – aber das zu einem Jungen, der so androgyn aussieht, dass man nicht weiß, ob er jetzt Mann oder Frau ist. Oder zu seinem Bruder, der mit Dreadlocks wie ein Jamaikaner aussieht, aber aus Magdeburg kommt. Das ist die boulevardeske Komprimierung von Teenager-Angst und Emo-Rock.
Wenn Sie auf das Jahr 2008 zurückblicken, welches Pop-Phänomen hat Sie beeindruckt?
Was mich fasziniert hat: Dass „Drei Tage wach“ eine Abi-Hymne geworden ist. Ein beatgeschwängerter Spitzensong über gesundheitsruinierende Partyexzesse. Das läutet die zweite Technowelle ein. Ich muss ja nicht daran teilnehmen. Aber ist doch interessant, wenn mich Freunde am Sonntagnachmittag anrufen, um mir zu sagen, dass sie auf einem Erwachsenen-Spielplatz tanzen, während ich mich auf einem Kinderspielplatz mit meiner Tochter beschäftige. Ich bewundere die Kondition der Leute.
Glauben Sie, Popmusik gehört zur Jugendkultur wie in Ihrer Jugend?
Auf jeden Fall. Leute mit einem Handy sind halt Trasher, das Mobiltelefon ist der leise Ghettoblaster des neuen Jahrtausends. Das funktioniert nach dem Prinzip „Ich bin ich – und das dokumentiere ich durch meine Musik, die ihr gerade so nervig in schlechter Qualität hört.“ Das hat dieselbe Funktion wie früher ein Aufnäher von der Lieblingsband.
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