zitty-Kritik 12/2011 | Kategorie: GÜNSTIG

Vegetarisch liegt im Trend, vegan hingegen wird noch immer kritisch beäugt. Fleischfrei okay, aber gleich ohne alle tierischen Produkte? Auch unser erster Reflex: Müssen wir im neu eröffneten Lucky Leek Fleischeslust gegen Dogma tauschen? Wird der Kellner missbilligend auf unsere Lederschuhe schauen? Als Sebo stellt sich dieser Kellner vor, freundlich und ohne Musterung erklärt er die Gerichte. Eine Zitronengras-Kokosnuss-Suppe empfiehlt sich selbst mit kräftigen Aromen, einzige Krittelei: Das Zitronengras überdeckt  die Kokosnuss. Ein Mango-Walnuss-Chutney gibt eine sanfte Rundung unter einem sizilianischem Brot- und Tomatensalat. Seitan, ein Produkt aus Weizeneiweiß (Gluten) und wichtiger Bestandteil der veganen Küche, erscheint hier als Seitan Stroganoff mit Rote Bete und Pilzen in Dijonsenfsauce auf dem Teller. Endlich mal ein Seitan, dessen Konsistenz nicht an einen feuchten Schwamm erinnert.
Dem Sohn schieben wir kommentarlos die Spaghetti unter. Es war kein Aufbegehren gegen einen Teig ohne Ei zu spüren. Der Säuretest liegt sicher in den Nachspeisen, denn wie soll eine Schokoladen- und Chili-Creme brûlée ohne Sahne oder Milch funktionieren? Das Ergebnis liegt so weit vom Original, dass zugegeben ein anderer Name sinnvoll wäre, gleichwohl können wir weder Tofu noch Soja schmecken. Es gibt in der fleischlosen wie veganen Küche zwei Grundphilosophien: Der Fleischküche mit Sojawürstchen Alternativen abringen, oder: Eine eigene Küche erfinden, die sich nicht an der traditionellen deutschen Fleischküche abarbeitet. Sebos Koch-Partnerin Jojo gehört letzterem Strang an, im Medium soll die Botschaft stecken. Das vegane Restaurant Mano Verde war eher Anhänger der ersten Kategorie, Jojo kochte früher dort, nun emanzipiert sie sich mit ihrem Partner im Lucky Leek. Hochgesteckt daher der eigenAnspruch, er spiegelt sich in der ambitionierten Karte, was wiederum noch zu Wartezeiten führt. Sebo ackert, muss sich noch umstellen von gelerntem Koch auf Kellner, wirbelt im kleinen Raum im Souterrain, hier könnte man noch an Gestaltung und Licht basteln. Aber an Speiseplan und -umsetzung wird das Lucky Leek sicher nicht scheitern.
Johannes Paetzold