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- 24.06.2008
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Charlottenburg Wilmersdorf: Charlottenburgs Chillzone
Die Mittagssonne kommt gerade um die Ecke am Savignyplatz Nummer 1, die Tische vor dem Café Brel sind fast alle besetzt. Während die Stammgäste noch frühstücken, sitzt ein einzelnes Touristen-pärchen bereits beim Mittagsmenü. Nicht ahnend, dass das Haus, vor dem sie ihre Linguine mit Tomaten verzehren, früher mal ein berüchtigter Puff gewesen ist. Unter den Markisen der zahlreichen anderen Restaurants und Cafés am Platz ist ebenfalls viel los zu dieser – für hiesige Verhältnisse – frühen Stunde. Die Menschen, die sich hier entlang der engen Gassen des S-Bahnbogens in den Buchläden, Pizzerien und Souvenirshops bewegen, müssen arbeiten oder sind zu Besuch. Viele Touristen wohnen in einem der zahlreichen Mittelklasse-Hotels in den drei Seitenstraßen, die sich am Platz treffen: „Die Grolmann“, „die Knesebeck“, „die Carmer“ nennen sie die Einheimischen knapp. Der S-Bahnhof ist idealer Ausgangspunkt für Ausflüge in das andere Berlin: Von hier geht’s in 15 Minuten zum Hackeschen Markt und in die Oranienburger Straße, zum Reichstag und ins Regierungsviertel. Abends, wenn die Touristen fußmüde und frischgeduscht aus ihren Hotelzimmern kommen, geht's auf eine Bulette und ein Bier in eine der urigen Kneipen wie dem Diener, dem Zwiebelfisch oder der Dicken Wirtin. Dort ist es kommunikativ, laut und völkerverbindend. Man trifft sogar echte Charlottenburger am Tresen, die den Besuchern – gerne auch auf Englisch – Geschichten aus den wilden West-Berliner Zeiten erzählen: „Before the wall came down.“ Stoff genug für positive Urlaubserinnerungen an die Hauptstadt. Die Berlin Tourismus Marketing (BTM) sollte derlei Kneipenbesuche unbedingt in ihr Programm aufnehmen.
Am Nachmittag hat der Savignyplatz etwas bescheiden Kleinstädtisches. Der immer noch berühmte und protzige Kurfürstendamm ist keine 500 Meter weg, und doch Welten entfernt. Um diese Zeit gehört der Platz den Charlottenburgern, selbständig arbeitenden Menschen, die es sich leisten können, mal schnell im schicken Schuhladen zu shoppen oder Bildbände im Bücherbogen durchzublättern. Man isst Currywurst bei Hasenecke im historischen Kioskhäuschen und schaut Designermöbel bei Habitare an.
Wie eine vierspurige Schneise zieht sich die Kantstraße durch den rechteckig angelegten kleinen Park des Savignyplatzes. Das Geräusch der an- und abfahrenden Autos wirkt einschläfernd, wenn man am späten Nachmittag auf den Bänken zwischen den schattigen Bäumen und den Lauben sitzt. Doch die Idylle trügt. „In den 60er und 70er Jahren war das eine richtig harte Gegend“, erinnert sich Hartmut Volmerhaus, der Wirt des Zwiebelfisch. An der diagonal gegenüberliegenden Ecke der Grolmannstraße war damals die Charlottenburger Halbwelt zu Hause. Am Savignyplatz 1 gab es den „Beherbergungsbetrieb Sophia“, einen Puff auf drei Etagen. Daneben war eine berüchtigte Zuhälterkneipe – Schlägereien, Drogenhandel und Banküberfälle gehörten zum Alltag. Die „Kudamm-Nutten“ warben vorne am mondänen Boulevard um zahlungskräftige Kundschaft und nahmen sie dann in den Nachtclubs der Grolmannstraße aus. Als die Mauer fiel, zog die Szene ab, im Osten der Stadt gab es schnelleres Geld zu verdienen. Irgendwann um 2002 herum schloss auch das Bordell. Nur Reste des Milieus sind in der Grolmannstraße heute noch zu ahnen: Eine Sexbar und zwei Spielclubs, Rockys Inn, die Boxerkneipe der Brüder Roccigiani, scheint leer zu stehen.
„Nach der Wende hatte auch der Rest des Savignyplatzes schwer zu kämpfen“, sagt Volmerhaus. Die Gäste der Kneipen und Restaurants zog es ebenfalls in den neuen wilden Osten. Seit 1967 kennt der Wirt und Bücherfreund Volmerhaus die Gegend, vor 26 Jahren hat er das Lokal übernommen, das damals schon ein Treffpunkt für die Berliner Boheme war. Künstler, Schauspieler und Schriftsteller gehören zum Stammklientel, ebenso wie Nachteulen und Gastronomen, die einkehren, wenn alle anderen Kieze schon zu haben. Der ökonomische Druck der Nachwendezeit hat der Gegend sehr lange Öffnungszeiten beschert. Deshalb brummt der Savignyplatz vor allem abends und nachts. Mindestens zehn Restaurants, Kneipen und Bars haben bis morgens um vier geöffnet, zu jeder Tageszeit kann man hier noch etwas Warmes zu essen bekommen. „Hier kann man rund um die Uhr chillen“, sagt Volmerhaus und lacht.
Abends sind die Häuser rings um den Savignyplatz hell erleuchtet, fast in jedem Haus ist ein Lokal. Neben den Eingängen hängen Gedenktafeln. In der Nummer 5 lebte George Grosz, die von den Nazis vertriebene Dichterin Mascha Kaleko lebte in der Bleibtreustraße, ebenso wie die Schauspielerin Tilla Durieux. Und in der Kantstraße 152, über der heutigen Paris Bar, gab Carl von Ossietzky die berühmte „Weltbühne“ heraus. Der 23-jährige Ric Graf hat „iCool“, sein Erstlingswerk über junge, desorientierte Großstädter, am Savignyplatz verfasst. Er wohnt in der Nähe und liebt die literarische Gegend mit den vielen besonderen Buchhandlungen. Kurz nachdem er volljährig wurde, zog er aus Kreuzberg weg nach Charlottenburg. Hier fand er einen gewachsenen, lebendigen Kiez, der sich längst gefunden hatte. „Mein Buch ist größtenteils im Schwarzen Café entstanden, oben, wo man noch rauchen durfte. Nachts von eins bis vier Uhr habe ich gesessen, die Leute beobachtet und geschrieben“, erzählt Graf.
Das Schwarze Café gehört zu den Urgesteinen am Savignyplatz und hat durchgehend geöffnet, morgens um drei sitzen hier junge Menschen aus aller Welt, essen, trinken und schwatzen im schummrigen Licht der Kerzen. „Ein internationales Panoptikum, wie nirgendwo sonst“, sagt Graf, „als Pendant dazu fällt mir noch das White Trash ein. Aber in Charlottenburg gibt es eine Lockerheit, die den schicken Poser-Läden in Mitte fehlt.“ Das sei eben der große Unterschied. „Viele denken, Charlottenburg sei spießig und unwild“, ärgert sich Graf, „jung und hip ist oft viel spießiger, als man denkt.“ Dennoch: Seine Freunde aus Mitte oder Prenzlauer Berg hierher zu locken sei eher schwierig. „Beim Weggehen gibt es immer noch diese imaginäre Grenze zwischen Ost und West.“ Dennoch gibt Ric Graf nicht auf. Seinen Geburtstag hat er kürzlich im EXnPOP in Schöneberg gefeiert. Immerhin eine Annäherung an den alten Westen.
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