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- 18.07.2008
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Stadtnatur: Grüner wird’s nicht
Um jeden der großen Abfallbehälter liegt bergeweise Müll verstreut, Elstern hopsen quäkend von Bierdose zu Tetrapack, von Weinflasche zu Chipstüte, um sich ihr Frühstück zusammenzuklauben. Das Bild erinnert an alte Western – Aasgeier, die sich um gammelnde Büffel sammeln – nur, dass kein Heu stumm durchs Bild fliegt, sondern Plastiktüten.
Es ist 10 Uhr morgens im Görlitzer Park und während die Sonne so richtig an Kraft gewinnt, setzen zwei Mitarbeiter des Grünflächenamtes die Wiesen unter Wasser. „Ob’s gestern geregnet hat oder nicht, darauf können wir uns nicht einstellen“, sagt eine Gärtnerin, die gerade vor dem Rasensprenger in Deckung geht, während ihr Kollege mit einer Art Riesenpinzette den Müll aus den tiefen Pfützen zieht. Dass Sprengen in der Mittagssonne eher kontraproduktiv ist, hält sie für ein Gerücht – der Zeitplan aber lässt ohnehin nichts Anderes zu. Erst kürzlich wurden viele ihrer Kollegen in andere Bereiche abgezogen, Neueinstellungen gibt es nicht. Kein Geld, keine Leute, keine Zeit.
Sind die Grünflächenämter die Stiefkinder des Senats? Ihr Etat beläuft sich auf ca. 80 Millionen Euro. „Mindestens 120 Millionen wären nötig“, sagt Herbert Lohner vom Bund für Umwelt und Naturschutz, BUND. Über 5.000 Hektar Grünanlagen, mehr als 400.000 Straßenbäume – das grüne Stadtbild ist die Visitenkarte und der vielgelobte Standortvorteil Berlins. Um diesen zu erhalten bedarf es allerdings entsprechender Mittel. Seit den drastischen Sparwellen Mitte der 90er Jahre haben wohl alle Ämter Grund zur Klage und die Pflege des Stadtgrüns ist der letzte flexible Posten im Haushaltsplan: Die Bezirke können hier noch selbst entscheiden wie viel sie in ihre Grünflächen investieren, und da Bereiche wie Soziales, Bildung oder Jugend Priorität haben, bleibt in Bezirken wie Neukölln nicht viel übrig.
Auch das ohnehin sehr knapp bemessene Restbudget fließt nicht etwa in die Bewässerungspumpen: Über 50 Prozent des Grünflächenetats gehen direkt an die BSR, obwohl sie für die Reinigung der Parks gar nicht zuständig ist. Der Grund ist das höchst ungewöhnliche Berliner Straßenreinigungsgesetz, das die Summe der Beiträge nicht wie üblich über die Straßenfrontmeter der Grundstücke, sondern über die dahinter liegende Fläche berechnet. „Da haben die Grünflächenämter ein schweres Paket zu schultern“, sagt Beate Profé von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Der nächste Punkt ist dann die Verkehrssicherungspflicht: Spielplätze müssen sauber und sicher sein. Parkbesuchern dürfen keine Äste auf den Kopf fallen. Dafür muss Geld da sein – alles andere ist sehr begrenzt.“
So wie das Personal: Die letzten festen Mitarbeiter in den Grünflächenämtern sind oft kurz vor dem Rentenalter, können viele Aufgaben nicht mehr ausführen. „Es müssen junge, qualifizierte Leute eingestellt werden“, sagt Stefan Ziller, naturschutzpolitischer Sprecher der Grünen. „Menschen, an die die Erfahrungen weitergegeben werden können.“ Stattdessen wird „outgesourct“, Aufträge wandern an Fremdfirmen, viele Arbeiten werden von ABM-Kräften verrichtet, die vielleicht über einen guten Willen, aber keinen grünen Daumen verfügen. „Aus Grün mach Braun“, lautet der Kommentar von Achim Appel vom Naturschutzbund. Per „preußischem Bürstenschnitt“ werde mit verheerenden Ergebnissen jeder Wildwuchs beseitigt. „Wie man einen Ast abschneidet“, sagt er, „das ist eine kleine Wissenschaft für sich.“ Wird der Schnitt falsch angesetzt, droht Vertrocknung oder Pilzbefall – am Ende müssen ganze Bäume gefällt werden. Bäume, die für das Stadtklima unentbehrlich sind: Eine ausgewachsene Buche filtert am Tag zwei Kilogramm Staub aus der Luft, entlastet die Atmosphäre um 18 Kilogramm CO2, dämpft durch das Blattwerk Schall und Stadtlärm und verdunstet an einem heißen Sommertag bis zu 400 Liter Wasser, was die Luftfeuchtigkeit erhöht und die Umgebung kühlt. Dennoch gibt es trotz Sturmschäden oder Krankheitsbefall immer weniger Neu- und Nachpflanzungen. Der Baumbestand geht jährlich um geschätzte 1.500 Stück zurück.
Immer mehr Berliner scheinen sich dessen bewusst zu werden und rebellieren gegen überstürzte Fällungen und mangelhafte Pflege. Egal ob am Landwehrkanal, am Lietzensee oder im Gleimviertel – die Bürger sind wachsam geworden, wissen spontane Kettensägenmassaker zu verhindern und verlangen Aufklärung durch qualifizierte Gutachten. Herbert Lohner vom BUND sieht die rasant steigende Zahl von Berliner Bürgerinitiativen im Bereich Naturschutz als Indikator für wachsendes Engagement auf der einen und immer eklatantere Vernachlässigungen auf der anderen Seite. „Doch anstatt eine Anerkennungskultur für umweltpolitisches Interesse und ehrenamtlichen Einsatz zu entwickeln“, so Lohner, „dominiert weiter das Bild vom Störfall Bürger.“ Dennoch gibt es inzwischen neun Bürgerinitiativen zum Baumschutz allein in Prenzlauer Berg.
Auch die Kreuzberger wollen den erbärmlichen Zustand des Görlitzer Parks nicht mehr hinnehmen. An einem heißen Samstagnachmittag haben sie sich vor dem Café Edelweiß zum „Kieztreffen“ versammelt, im Hintergrund der marode Pamukkale-Brunnen – Sinnbild für Stillstand und Verwahrlosung. Alle sind da: Polizei, Ordnungsamt, BSR, jede Menge frustrierter Parkbesucher – und Baustadträtin Jutta Kalepky. Sie setzt große Hoffnungen in derartige Treffen: „Es geht nicht um ehrenamtliche Ausbeutung, sondern um Kooperation. Wir müssen gemeinsam aus diesem Jammertal herausfinden.“ Das dazugehörige Geld kann auch sie nicht aus der Baumkrone zaubern. Ein dritter Reinigungsgang – bisher wird der Park nur montags und donnerstags gesäubert – sei geplant, auch über neue „krähensichere“ Müllbehälter werde verhandelt. Andere Themen – Toilettenhäuser, Beleuchtung oder zusätzliches qualifiziertes Personal – verpuffen ganz schnell in der Sommerluft, die auch den umliegenden Wiesen sichtlich zu schaffen macht.
Wochenlang konnte hier nicht bewässert werden, da das zuständige Personal mit der
Instandsetzung von Spielplätzen beauftragt war. „Ich kann nicht irgendwo anrufen und sagen: Dreh da mal den Hahn auf“, sagt Jutta Kalepky. „Fremdfirmen sind zu teuer, unser Personal ist alt, zu fünfzig Prozent krankgeschrieben, unterbesetzt.“ Und mit fachfremden Aufgaben eingedeckt: „Ich habe drei Jahre lang nur Müll gesammelt“, erzählt eine Angestellte, ausgebildete Gärtnerin. „Wenn die Leute nur die Hälfte von dem, was sie in den Park bringen auch wieder mitnehmen würden, wäre so etwas nicht nötig.“ Auch darin ist man sich beim Kiezgespräch einig: Die Besucher müssen ihren Teil beitragen, um Arbeit und Kosten zu sparen – Initiativen wie die „Grashüpfer“ rufen zum Müllsammeln auf.
Es gibt auch unkonventionelle Vorschläge, das Grün zu bewahren: Als ein Kreuzberger CDU-Mitglied sich zu Wort meldet und im Hinblick auf Sicherheit und Drogenhandel mehr Polizeipräsenz im Park fordert, ruft ein Zuhörer: „Genau! Dann ist der Park auch endlich wieder grün!“
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