Stadtnatur: Keine Pflanze ist illegal

Foto: Jolanda Roskosch
Mirko Heinemann
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Eine andere Welt ist pflanzbar“, so steht es an der Fassade des Hauses in der Kinzigstraße 9, Friedrichshain. Der Beweis dafür wird gleich nebenan erbracht: Neben einer Brachfläche, wild überwuchert mit Gestrüpp, liegt ein blühender Garten. Kleine Wege schlängeln sich durch meterhohe Blütenstauden, Insekten sirren durch ein Meer von Wildkräutern. Unter einem schattigen Dach sitzt Frauke Hehl. Sie kann sich nicht so recht an der Schönheit erfreuen. Denn das kleine Paradies ist bedroht. Wo sich einst Blumen im Wind wiegten, öffnet sich jetzt eine Baugrube. Ein Teil des Gartens wurde von einem Investor eingestampft, der Rest wird wohl in nächsten Monaten ebenfalls bebaut werden.
Rosa Rose, wie sich das Gartenprojekt nennt, ist die wohl größte innerstädtische Fläche, die von so genannten „Guerilla-Gärtnern“ auf eigene Faust bepflanzt wurde. „Guerilla Gardening“ ist keine Berliner Erfindung, der Begriff geistert schon seit langem durch den internationalen Diskurs. In New York, London oder Amsterdam versuchen Aktivisten seit den 70er Jahren, der Natur in der Stadt mehr Raum zu verschaffen.
Webseiten wie www.guerillagardening.org bieten lokale Foren, wo sich Aktivisten zu gemeinsamen Pflanzaktionen verabreden. Vor allem mittel- und nordeuropäische Großstädte sind im Fokus der Guerilla, was wohl vor allem mit dem Klima zu tun hat. Guerilla-Begrünung funktioniert am besten in den gemäßigten Breiten, zu aufwändig wären Pflege und Bewässerung in den versteppten Konglomeraten der semiariden Zonen. Der klassische Garten-Guerillero kleidet sich unauffällig, „er bewegt sich in den Volksmassen wie ein Fisch im Wasser“ (Mao Tse Tung). Verraten können ihn allerhöchstens der Rucksack oder die ausgebeulten Hosentaschen. Darin transportiert er „Seedballs“,  ein Gemisch aus fünf Teilen Tonerde, drei Teilen Mutterboden und einem Teil Pflanzensamen.
Die Handhabung dieser Cocktails wird in einschlägigen Internetforen erklärt: Der Guerillero suche sich eine geeignete Fläche aus, Brachflächen oder „Baumscheiben“, wie die Hundetoiletten unter den Straßenbäumen auch genannt werden. Er wirft den Seedball dort unauffällig ab, rennt weg, und, siehe da, bald wächst dort ein schönes Blümchen. Wer Zeit hat, sollte vor dem Pflanzen harken und nachher bewässern, aber je nach Wetterlage sollten Ton und Erde im Gemisch genug Feuchtigkeit enthalten, um die Samen zum Keimen zu bringen.
Doch woher die teuren Samen nehmen? Rosa Rose hat bei Blumenläden oder Gartencentern um Spenden gebeten. Jetzt fungiert das Friedrichshainer Biotop als Muttergarten für Samen und Zwiebeln, mit denen man woanders wieder begrünen kann. So haben die Gurilleros aus Friedrichshain auch den tristen Mittelstreifen auf der Frankfurter Allee und diverse Baumscheiben im Bezirk mit Blumen und Sträuchern dekoriert.
Die illegale städtische Verschönerung könnten die Ordnungsämter theoretisch mit bis zu 5.000 Euro Bußgeld ahnden, aber in der Praxis ist das zumindest in Berlin noch nicht vorgekommen. Im Gegenteil: Politiker aller Couleur äußern sich wohlwollend. Hans-Gottfried Walter vom Grünflächenamt Mitte begrüßt das Engagement sogar: „Ich finde es gut, wenn Leute das machen.“ Allerdings möchte er, dass sich Hobbygärtner mit dem Amt zuvor in Verbindung setzen, „damit keine Bäume beschädigt werden“. So dürfe bei Wendekeisen oder Mittelstreifen die freie Sicht für Autofahrer nicht eingeschränkt werden. Das Gartenbauamt hat außerdem einen Flyer über die Bepflanzung von Baumscheiben herausgegeben, der Hilfestellung bietet und Tipps für das illegale Pflanzen vermittelt. Das ist auch der große Nachteil dieser Revolutionsbewegung: Ihr fehlt der richtige illegale Kick. Wer sich als echter Garten-Guerillero fühlen möchte, der kann erst dann Ruhe geben, wenn in Berlins Mitte die Cannabisfelder blühen.


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