- Artikel
- 15.07.2008
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Barack Obama: Hass und Hoffnung
»In America, the land of the free, they said, and of opportunity,
in a just and a truthful way.
But where the president is never black, female or gay, and until that day,
you've got nothing to say to me, to help me believe«
Während der Popstar Morrissey seinen Berlin-Besuch abgesagt hat, wird der Popstar Barack Obama kommen, am 24. Juli, und was beide miteinander zu tun haben, zeigt das Zitat am Anfang des Textes: Es stammt aus einem Lied Morrisseys aus dem Jahr 2004, es heißt „America is not the world“, und damals war die USA nicht nur nicht die Welt, sondern für die meisten Menschen auf der Welt ein Schurkenstaat, an dessen Spitze der Verbrecher George W. Bush stand – und noch steht. Und ein Land, dessen Präsident niemals schwarz, schwul oder eine Frau sein wird, so ein Land hat Morrissey nichts zu sagen, und diese Haltung hatten und haben viele, gerade in Berlin.
Der nächste Präsident der USA wird aller Wahrscheinlichkeit nach schwarz sein und Barack Obama heißen. Damit auf dem Weg zu seiner Wahl am 4. November nichts mehr schief geht, betreibt der Senator aus Illinois jetzt einen scharfen Wahlkampf gegen den Republikaner John McCain. Dieser Wahlkampf führt Obama jetzt nach Europa, nach London und Paris, wahrscheinlich sogar in den Nahen Osten, um die US-Truppen in Afghanistan und im Irak zu besuchen, so was kommt in der Heimat immer gut an. Und am 24. Juli ist der Mann dann eben auch in Berlin. Hier will er eine wichtige Rede halten, in der es um die deutsch-amerikanische Freundschaft gehen soll, um das transatlantische Bündnis. Dazu braucht Obama Bilder, die in der Heimat verstanden werden und die ihn wenigstens medial schon zu dem machen, was er werden will: Staatsmann, Präsident, der mächtigste Mann der Welt. Und dafür ist das Brandenburger Tor besser geeignet als, sagen wir mal, der Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain, das kennen die Amerikaner von irgendwoher, das haben sie schon mal gesehen, darüber hat doch auch Ronald Reagan mal irgendwas gesagt. Das würde also passen und passen würde das auch für Klaus Wowereit, der wie kein anderer deutscher Politiker außer Angela Merkel weiß, welche politische Kraft Bilder, Gesten, Sätze haben. Und für Wowereit muss es wie ein Gottesgeschenk erscheinen, dass er neben Barack Obama stehen könnte, hinter den beiden das Brandenburger Tor, vor den beiden ungefähr 100.000 Menschen. Wahlkampf ist schließlich immer und zwar für jeden.
Und gerade deshalb hat Angela Merkel gesagt, dass sie das nicht möchte. Keine Rede vor dem Brandenburger Tor. Sie verspüre dabei ein „gewisses Befremden“. Ihr Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier verspürt das hingegen nicht und schon sorgte Barack Obama in der vergangenen Woche für eine Koalitionskrise. Für den „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe ist das Ganze allerdings eher eine „Berliner Provinzposse“, die der Profilierungssucht von Klaus Wowereit dient und der Sache schadet. Obama selbst sagte am Wochenende: „Ich möchte sicher gehen, dass meine Botschaft gehört wird. Ich will keine Kontroversen auslösen.“ Deshalb versuche er wohl gerade, Merkels Bedenken auszuräumen. Bei Redaktionsschluss waren immer noch keine Detalis bekannt. Möglicherweise spricht Obama am 24. Juli am Gendarmenmarkt und geht nur durch das Brandenburger Tor, könnte dann aber etwas „symbolträchtiges“ sagen. Der Mann ist noch gar nicht da, er ist noch nicht einmal Präsident – und doch flippen in Berlin bereits alle aus. Politiker streiten sich über den Ort der Rede, „Spiegel Online“ hat stündlich neue Informationen zum Thema und die „Times“ schreibt, dass der Besuch alleine deshalb große Erwartungen schürt, weil er die „Totenglocke“ der Bush-Regierung läuten wird. Und das tut er hier bei uns!
Das ist manchem Berliner, für den die USA aus Prinzip der Feind ist, herzlich egal. Der denkt sich: egal ob McCain oder Obama, der neue Präsident will von uns doch eh nur mehr Engagement in Afghanistan, möglicherweise auch im Irak. Außerdem schafft auch der Neue weder die Todesstrafe ab, noch den Waffenbesitz. US-Präsidenten sind von Amts wegen böse Menschen. Das ist die Sache mit dem Hass.
Und dann wäre da die Sache mit der Hoffnung. Gerade in Berlin gehören Hoffnung und USA zusammen: Sieg über den Faschismus, die Luftbrücke, Kennedy. Die Älteren erinnern sich. Und die werden sich Obamas Rede anschauen – egal wo er reden wird. Und alle anderen Berliner täten gut daran, dass auch zu tun. Denn wenn man sich im Internet Reden dieses Mannes ansieht, dann wird man den Eindruck nicht los, dass der ja nicht nur reden kann, sondern auch denken – und stellt alleine so schon das Gegenteil von George W. Bush dar. In seiner Rede „A More Perfect Union“ vom Frühjahr diesen Jahres sagte Obama: „Ich habe Brüder, Schwestern, Nichten, Neffen, Onkel und Cousinen jeder Hautfarbe, die über Kontinente verstreut sind, und, so lange ich lebe, werde ich nie vergessen, dass meine Geschichte in keinem anderen Land der Welt möglich ist.“ Und das ist kein Werbegag – das ist das Leben dieses Mannes, der so anders scheint als alle Klischees, die man von einem US-Präsidenten im Kopf hat.
Am Ende wird es genau dieses Amt sein, was die Menschen misstrauisch macht: Obama wird die Todesstrafe nicht abschaffen, er wird die Truppen nicht aus dem Nahen Osten abziehen, er lässt sich seinen Wahlkampf wie alle anderen von Wirtschaftskonzernen bezahlen, die Gegenleistungen dafür erwarten. Und es gibt erste Stimmen, die sagen, dass seine Hautfarbe keine Rolle spielen dürfe, dass es doch auch nur Rassismus sei, wenn man sich von einem schwarzen US-Präsidenten mehr verspricht, als von einem weißen.
Natürlich spielt es eine Rolle, dass Obama ein Afro-Amerikaner ist – oder anders: Es spielt eine Rolle, dass er nicht weiß ist. Obama ist eben kein breitschultriger Ami-Proll, kein dicknasiger Frauenheld, kein Hoppla-hier-komm-ich-Typ, sondern ein feingliedriger Intellektueller, der es schafft, die Massen zu begeistern.
Am Ende von „America is not the world“ singt Morrissey übrigens „See with your eyes, touch with your hands, please, hear through your ears, know in your soul, please. For haven’t you me with you now? And I love you, I love you, I love you …“ Es ist kein Hasslied, es ist ein Lied der Hoffnung. Und der Berlin-Besuch von Barack Obama wird zeigen, dass Hass und Hoffnung näher beieinander stehen, als man glaubt.
Wer sind Obamas Freunde in Berlin? Wo sollte er essen?
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