- Artikel
- 24.07.2008
-




Berlin_Neukölln: Markmann und die bunte Kuh
Joachim Markmann wollte eine Kuh. Es sollte keine gewöhnliche sein, keine braune oder schwarze. Also ist es eine fliegende Kuh geworden, eine bunt gescheckte. Sie fliegt durch einen blauen Himmel, mitten in Neukölln, an einer Wand im Eingang zu Markmanns Haus. Wenn die Mieter abends nach Hause kommen, werfen drei Lampen ihr milchiges Licht auf das Bild. Die Leuchter wölben sich als Euter von der Decke. Joachim Markmann lächelt zufrieden. Wie einer, der sich eine ganz verwegene Sache ausgedacht hat. „Ich gehe mal davon aus, dass die Leute gute Laune kriegen, wenn sie das sehen“, sagt er. Sie sollen sich wohl fühlen, seine Mieter. „Kapital verpflichtet“, das hat ihm sein Vater schon gesagt. Das gelte auch in einer solchen, naja, sagt Markmann, er mag das Wort eigentlich nicht, aber gut: Problemecke.
Um zu belegen, was der Neuköllner Hauseigentümer nur zögerlich ausspricht, jagt Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) gerade Zahlen wie Warnschüsse in die Öffentlichkeit. Der Bürgermeister des Bezirks hat beim renommierten Stadtsoziologen Hartmut Häußermann von der Humboldt-Universität ein Gutachten in Auftrag gegeben, das vorigen Mittwoch vorgestellt wurde. 65 Prozent der Menschen in Neukölln leben demnach unter der Armutsgrenze. Die Verschuldungsquote ist mit 22 Prozent die höchste in ganz Deutschland. Nirgendwo sonst beziehen so viele Bewohner Hartz IV.
Hartmut Häußermann sagt, dass Neukölln nicht zum Armenhaus von Berlin werden darf, weil sich dort sonst ein „Milieu der Mutlosigkeit“ festsetzt. Es müssten wieder wohlhabendere Leute her, fordert Buschkowsky, um die Stimmung zu verbessern. Für die brauche man bessere Schulen. Sie sollen sagen können: „Ist für mich okay, ist für meine Familie okay, ist für meine Kinder okay.“ Er spricht vom „Wohlfühlfaktor“.
Joachim Markmann arbeitet daran. Nicht nur mit der Kuh. Er hat das Haus mit der roten Straßenfassade und dem grauen Hinterhof von seinem Vater geerbt und der hatte es von seinem Vater. Da, wo jetzt die Garagen sind, war früher der Kuhstall. Markmanns Großvater ist mit seinem Heuwagen durch das Eingangstor der Reuterstraße 31 gefahren. Der Betonboden ist an den Seiten immer noch mit Stahl beschlagen. Das Haus gehört zur Familiengeschichte, und der Enkel des ersten Eigentümers will sie fortschreiben. Er möchte, dass es eine gute Geschichte bleibt, trotz des schwierigen Viertels.
Deshalb fährt Markmann fast jeden Tag in den Norden Neuköllns. Er wohnt in einem Einfamilienhaus in Britz, trägt Polohemden, Birkenstock, und hört HipHop von den Black Eyed Peas. Er ist 60 Jahre alt, war mal ein gut bezahlter Controller und ist vor fünf Jahren so langsam in die Rente hineingerutscht. Manchmal bringt er seinen Mietern Kuchen mit und setzt sich zu den Künstlern, denen er das Erdgeschoss überlassen hat. Es wundert ihn, wie ordentlich die sind. Er hatte anfangs Vorurteile, überlegte, ob er die Räume leer stehen lassen soll bis bessere Zeiten kommen. „Aber die fallen nicht von der Decke“, sagt Markmann, „da muss jeder mithelfen.“
Der Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümerverein von Berlin-Neukölln hat etwa 900 Mitglieder. Zwei Drittel von ihnen, schätzt der Vorsitzende Carsten Brückner, sind Einzeleigentümer. Viele, wie Brückner selbst, wohnen auch darin. Sie haben meist ein enges Verhältnis zu ihren Häusern, sagt der Anwalt. Sie kriegen „einen anderen Herzrhythmus“, wenn etwas kaputt geht. Das „goldene Potenzial für die Quartiersentwicklung“ nennt Soziologe Häußermann diese engagierten Eigentümer. Die Vermieter seien ein bisschen wie Erzieher. Sie setzen Signale gegen Verwahrlosung, stellen Regeln auf und wenn sich die Leute daran halten, werden sie mit guter Wohnqualität belohnt. Im Falle von Markmann mit Kuh und Kuchen. Kürzlich hat er auch ein Hoffest spendiert. Zwei Bands haben gespielt, 1.000 Leute waren da, die Besucher wollten gar nicht mehr gehen.
Im Büro des Quartiersmanagements für den Reuterplatz haben sie das Potenzial längst erkannt. Sie wollen die Vermieter vernetzen. Möglichst viele von ihnen sollen merken, was sie für den Kiez leisten können. Oder wie sie ihm schaden: „Wenn so ein Haus mit acht Problemfamilien und 20 Kampfhunden belegt wird, ist die Umgebung schnell in Mitleidenschaft gezogen“, sagt Mitarbeiterin Luzia Weber. Vor allem die großen Gesellschaften nehmen gern sozial Schwache. Das Geld kommt zuverlässig direkt vom Jobcenter. Investoren, die Immobilien im großen Stil erwerben, hält die Quartiersmanagerin deshalb für eine Gefahr. Wenn ein Konzern 100 Häuser auf einen Schlag aufkauft, entsteht schnell ein Sozial-Ghetto. Die große Zahl der Einzeleigentümer macht solche Übernahmen im Reuterkiez bisher noch unwahrscheinlich. Haus für Haus zu übernehmen, ist mühsam. Aber die jüngste Erbengeneration, beobachtet der Vereinsvorsitzende Brückner, will oft verkaufen, weil der Aufwand zu groß ist und die Rendite zu gering.
Die ökonomische Frage sieht Joachim Markmann gelassen. Er investiert nicht, um den Umsatz zu steigern. Eher, damit er sich wie ein guter Vermieter fühlen kann. Markmann kennt jeden Mieter persönlich. Er kann die Berufe von oben nach unten aufsagen. Architekt, Webdesignerin, Krankenpflegerin. Es gibt nur einen Arbeitslosen. Migranten aus der Türkei oder aus arabischen Ländern haben sich bei ihm noch nie beworben. Das mag daran liegen, dass er seit 20 Jahren ausschließlich in der zitty inseriert. Vielleicht sind auch die abgezogenen Dielen in den Wohnungen schuld, die den Preis ein wenig heben. Es wäre eine interessante Frage, wie ein, zwei typische Neuköllner Migrantenfamilien das Zusammenleben beeinflussen würden. Bisher sieht Markmann diese Familien nur, wenn er durch den Kiez fährt. Er hat mal gehört, dass vor der Tür gedealt werde. Für so etwas fehle ihm der Blick, sagt er.
Buschkowsky meint, dass er erst einmal Alarmzeichen senden muss, damit es besser wird. Er hat gerade die Fraktion seiner eigenen Partei aufgemischt, weil er Viertel in Rotterdam und London besucht hat, die vor einigen Jahren abgeglitten sind. Er glaubt, Rezepte mitgebracht zu haben, wie man das verhindert. Beispielsweise indem man Leuten die Sozialhilfe streicht, wenn sie Müll aus dem Fenster werfen, oder indem man notorischen Schwarzfahrern die Benutzung der BVG verbietet. Eine Politik der harten Hand soll den Kiez stabilisieren. Die Hausbesitzer arbeiten mit ihren Mitteln an ähnlichen Zielen – und sahen sich lange Zeit vom Bezirk enttäuscht. Damit materiell schwächere Bewohner nicht verdrängt werden, mussten sich Vermieter jeden Umbau im Haus genehmigen lassen. Die Auflage: die Mieten durften nicht erhöht werden, weshalb kaum jemand renoviert hat. Die Bewohner, die gerne neue Fenster gehabt hätten, seien dann weggezogen, sagt Carsten Brückner vom Verband der Hauseigentümer – also genau die Bewohner, die den Bezirk doch eigentlich stabilisieren sollen. „So sind die Quartiere abgerutscht“, glaubt Brückner. Mittlerweile hat der Bezirk die Regelung geändert.
Im Reuterkiez, vor Markmanns Haus, könnte sich der „Wohlfühlfaktor“ deutlich erhöhen, wenn der Verkehr beruhigt würde. Mit Schwellen auf der Fahrbahn etwa, wie in Kreuzberg. Der zuständige Mitarbeiter vom Amt hat aber mitgeteilt, dass es das nicht geben werde. Also rauschen die Autos ungehindert übers Kopfsteinpflaster und nerven die Anwohner.
Joachim Markmann lässt sich von so etwas nicht aufhalten. Er will, dass sein Haus auf die Straße ausstrahlt. Eine der Künstlerinnen aus der Galerie hat vorne an der Ecke in einem Jugendtreff mit Migrantenkindern gespielt, ihnen Mittagessen gekocht. Die werden später in der Reuterstraße sicher keinen Ärger machen, vermutet Markmann. Man kennt sie dort dann ja schließlich. Mittlerweile hat die Malerin wieder aufgehört, es war ihr auf Dauer zu anstrengend. Aber das Angebot gibt es immer noch, andere Freiwillige führen es fort. Markmann will sich demnächst die Fassade vornehmen. Es soll etwas Buntes darauf, ein echter Hingucker. Wie die Kuh.
- Titel: Neukölln rockt
- Berlin-Titel: Die Orte des neuen Neukölln
- Esssen & Trinken Hintergrund: Die Tür ist offen - zwei Künstler betreiben die Kneipe „Freies Neukölln“
- Literatur_Kritik: Uli Hannemann - Neulich in Neukölln
- Essen & Trinken: Kein Hype – nirgends: Die Kneipenszene im Norden Neuköllns
- Magazin - Titel : Für Eingerostete: Baden in Neukölln
Navigation
-
Brandenburg »
Brandenburg -
Fototouren »
-
Berlin »
-
Stil & Mode »
Shopping in Berlin
zitty Suche
Login
Partnersuche
Geld verdienen mit zitty!
Nebenjob gesucht?
Jeder kennt sie: die zitty Straßenverkäufer. Sie sind überall unterwegs in Berlin. Immer dienstags, alle 14 Tage. Sie gehören mittlerweile zum Hauptstadtbild: ob zu Fuß oder per Fahrrad, ob nachmittags im Biergarten oder abends in der Kneipe.Der zitty-Straßenverkauf ist ein idealer Nebenjob für Studenten und jeden, der Spaß am Verkaufen hat und alle 14 Tage einen kleinen Nebenverdienst brauchen kann.
Sie sind interessiert? Dann schicken Sie uns Ihre Kurzbewerbung per mail.
Jetzt im Handel
Das neue zitty BerlinBuch 2010 - Der Klassiker ist zurück
Berlin ist viele Städte: Hauptstadt, Künstlerkolonie, Filmkulisse und Kreativlabor. Berlin ist Szenestadt und Trendsetzer, City of Design und Hauptstadt des Nachtlebens. Berlin ist größer als Barcelona, grüner als Paris, manchmal lauter als London. Und so aufregend wie alle Metropolen Europas zusammen.Mit über 700 Adressen der wichtigsten Museen, Bühnen, Läden, Restaurants und
Clubs bietet das BerlinBuch 2010 beste Orientierung durch den Großstadtdschungel.
Berlin ist, was du draus machst - und zitty hilft dir dabei!
Gleich bestellen!
So36 bleibt
Soliaktion
Das SO36 feiert diese Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Doch jetzt droht dem Club die Schließung. Für die Errichtung einer Schallschutzmauer fehlen die finanziellen Mittel. Ihr könnt das SO36 unter Anderem mit dem Kauf von T-Shirts unterstützen.http://www.so36.de/merch.htm
Raus aus der Stadt!
Ausflugstipps im Umland
Wer bei diesem Wetter keine Lust hat, zuhause zu bleiben, dem empfehlen wir neben unserem zitty Brandenburg auch unsere Brandenburg Ausflugstipps!Umfrage
Wählen Sie ihr Lieblingsfeindbild
Wer ist Ihr Lieblingsfeind? Wir wollen es wissen.Wegen der großen Nachfrage wieder aktiv!
Hier finden Sie den Artikel zur Abstimmung!

Ihr Kommentar
Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.