Seitensprung: Nur für den Klick, für den Augenblick

Foto: Christian Brox
Lydia Brakebusch
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Diane und John waren ein Paar, Eltern zweier Kinder, und alles lief gut. Bis John eines Abends früher von der Arbeit nach Hause kam und seine Frau inflagranti erwischte – seine Frau, den Computer und „Das Wiesel“. Diane befand sich im schriftlichen Liebesspiel mit einem 500 Kilometer entfernten Mann. Einem Mann, der verheiratet war, wie sie. Der heiße Liebesschwüre und sexuelle Phantasien mit ihr austauschte, die John zu verstehen gaben: „Das Wiesel“ ist kein Brieffreund, „Das Wiesel“ ist ein Scheidungsgrund.

1996 ereignete sich dieses Ehedrama in New Jersey. Zu einer Zeit, als das World Wide Web gerade erst anfing, seinem Namen gerecht zu werden und seine Fühler weltweit in jeden Haushalt zu strecken. Inzwischen versprechen unzählige Internetportale den ultimativen, komplikationsfreien Seitensprung: lovepoint.de, meet2cheat.de, poppen.de – vom seriös-diskreten Abenteuer bis zur Fetisch-Freakshow, vom One-Night-Stand bis zur Langzeitaffäre scheint alles möglich. Rein optisch unterscheiden sich die Seiten nicht von den üblichen Flirtseiten wie Friendscout24 oder Parship, nur die Profilfotos der Mitglieder lassen erahnen, dass hier keiner nach der großen Liebe sucht. Viel nackte Haut, viel Gepose, wenig Hemmungen.

„So einfach geht Einmal-Sex“, jubelte die „Bild“-Zeitung im Mai diesen Jahres und schwärmte von firstaffair.de, der „Fremdgeh-Börse“ für „kopulationsfreudige Menschen, die es gern ohne gemeinsame Zukunft tun“. „Es“? Bei aller semi-anonymen Freizügigkeit stellt sich die Frage nach dem tatsächlichen Willen der Menschen, die Grenze zwischen Phantasie und Realität zu überschreiten. Verabreden sich Mitglieder derartiger Portale wirklich für spontane Schäferstündchen in der Mittagspause und Treffen im Swingerclub oder geht es nur um das, was amerikanische Paartherapeuten als „Emotional Cheating“ bezeichnen – den imaginierten Seitensprung, das Austesten von Möglichkeiten? Womöglich ist alles nur Fake. Verbales Aufgeilen über die sogenannte „Email-Erotik“ – von der Kitschphantasie bis zum Dirty Talk, den Zuckerschnütchen und Honigbärli zu Hause nicht hören wollen.
Ein männlicher Kollege startet den Selbstversuch und meldet sich bei firstaffair.de an. Die User sind zu 75 Prozent männlich. Das durchschnittliche männliche Mitglied ist circa 35 Jahre alt, verheiratet und berufstätig, die durchschnittliche weibliche Userin 30 Jahre alt, ebenfalls verheiratet und nicht berufstätig. Gemeinsam mit „gigolo-6“, „french-dressing“ oder „copilot“ buhlt der Kollege um die Gunst der weiblichen 25 Prozent – ohne Erfolg. Nach zwei Tagen ohne jegliche Antwort gibt er auf.

Praktikantin Zoë und ich übernehmen und legen ein Profil an, das schlicht aus den Eckdaten „weiblich, schlank, 28, gebunden“ besteht. Innerhalb von wenigen Stunden ist unsere Mailbox zu 60 Prozent ausgelastet, ohne, dass wir auch nur eine einzige Nachricht verschickt oder ein Foto hochgeladen haben. „Sexstarmagnet“ und seine Mitstreiter winseln geradezu um Antwort und bombardieren unser Postfach mit Sexphantasien, die selbst dem Abgebrühtesten die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Eins wird schnell klar. Von „Emotional Cheating“ kann hier keine Rede sein: Ein angeblicher Großverdiener lädt zum Segeltörn auf dem Wannsee („Lass mich Dein Kapitän sein!“), mehrere Berliner beweisen Spontaneität („Kannst zu mir kommen. 100 Prozent diskret, nicht lange labern, nur geil f… bis zum Abwinken!“), andere schicken gleich Nacktfotos und Filmchen. Vor allem in Sachen Bebilderung ist den Kandidaten einfach nichts zu blöd: Einer verwendet ein Foto mit seiner Freundin, deren Gesicht per Photoshop dilettantisch mit weißer Farbe zugekliert wurde. Ein anderer schickt ein Nacktbild, aufgenommen im Badezimmer, neben einer Halterung mit den 328 Haarspangen seiner Freundin („Nicht böse sein falls ich irgendwann weg bin, dann kann ich nur nicht mehr ungestört schreiben. Feind lauert überall:-)“).

Der Feind. Trotz derartiger Distanzierungen: Die meisten Männer scheinen ihre Beziehungen nicht gefährden zu wollen, suchen nach unverbindlichem Sex mit einer im Idealfall ebenfalls gebundenen Partnerin. Aus den Steckbriefen auf meet2cheat.de kristallisieren sich die Ursachen für den Seitensprung heraus:  Die Mitglieder sind unzufrieden mit dem Sex in ihrer Beziehung. Zu selten. Zu langweilig. Zu schlecht. Ginge es aber um reine Triebabfuhr, wäre Onanie eine Option. Das ist umsonst – wozu da noch die Netzbekanntschaft beim Candlelight-Dinner beschnuppern? Beidseitiges Interesse scheint aber wohl doch noch die idealere Voraussetzung zu sein. Und da ist es logisch, gleich gezielt zu suchen – anstatt im Club eine Frau aufzureißen, die nach dem zweiten Date mit
einer SMS an die Ehefrau droht oder ein gemeinsames Wochenende an der Ostsee einfordert.

Praktikabilität geht eben oft mit Wertverlust einher: Früher war da diese Vorfreude, wenn man die entwickelten Urlaubsfotos bei Drospa abholen konnte, jetzt wird alles digital abgeschossen, was einem vor die Linse läuft – kann ja wieder gelöscht werden. Ähnlich verhält es sich mit dem online gebuchten Seitensprung. Unkompliziert, aber doch auch ziemlich traurig. Klingt altbacken? Mag sein. Aber eigentlich sollte doch Fremdgehen was mit Schmetterlingen und Abenteuer zu tun haben – wenn man schon einen geliebten Menschen dafür verletzt. Was sich da online tummelt, wirkt aber eher wie ein Basar für Erotomanen.

Und wie steht es um deren Selbstreflexion? Keine Skrupel? „Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass es mit der Treue so eine Sache ist“, schreibt ein 30-jähriger Berliner. „Ich hoffe nach wie vor irgendwann mal die Eine zu treffen, bei der das Feuer ewig anhält und ich allen Versuchungen widerstehen kann. Du weißt ja die Hoffnung stirbt zuletzt!“

Das dachte sich auch John, als Diane schwor, ihre Internetliebschaft zu beenden. Noch in derselben Nacht schrieb sie eine Nachricht an „Das Wiesel“.


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