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- 12.09.2008
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Berlin: Die schönsten Häuser sind noch frei
Aufwachen! Die schönen Zeiten sind vorbei. Der Mietspiegel zeigt Jahr für Jahr neue Horrorzahlen und die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass sich massenhaft ausländische Investoren in die Berliner Immobilienlandschaft einkaufen. Gleichzeitig gammeln Dutzende Gebäude in besten Innenstadtlagen leer vor sich hin, weil ihre Eigentümer sie als reine Spekulationsobjekte betrachten oder auf eine Abrissgenehmigung wegen fortgeschrittenen Verfalls warten.
Unsere Chance. Jetzt Häuser besetzen! Nicht erst auf die Zeiten warten, in denen man wieder jubelnd auf dem Tresen tanzt, nur weil man einen Untermietvertrag für eine ofenbeheizte Ein-Zimmer-Wohnung an der Seestraße klargemacht hat. Alles spricht dafür – und wir haben es sogar viel besser als unsere Vorgänger, die in den 80er Jahren halb Kreuzberg besetzten und damit das Ende des finsteren Zeitalters der Kahlschlagsanierungen eingeläutet haben. Grenzdebile Polizeifürsten wie Ex-Innensenator Heinrich Lummer, der sich seinerzeit mit blutigen Knüppelorgien gegen die verhassten „linken Chaoten“ einen Namen machte, werden heute nicht einmal mehr in der CDU toleriert. Stattdessen sitzen etliche Leute in den Bezirksparlamenten, die selbst mal Hausbesetzer waren und feuchte Augen kriegen, wenn sich in ihrem Wahlkreis endlich mal wieder was tut. Und auf der anderen Seite ist die allgemeine Pflicht zur politischen Revolution, die seinerzeit
weite Teile der Hausbesetzerbewegung beherrschte und unglaublich viel Energie verpuffen ließ, heute aufgehoben. Man wird nicht mehr als reaktionär beschimpft, wenn man sich einfach nur sein Nest baut ohne sich an der Aktionsgruppe Nicaragua zu beteiligen, und Mietverträge auszuhandeln gilt nicht mehr als Pakt mit dem Teufel. Selbst mit dem Kontaktbeamten darf man sich anfreunden – wenn er nett ist.
Also, nicht lange fackeln – wer früher besetzt, kriegt die besseren Häuser. Als erstes gilt es, wie George Clooney
in „Ocean’s 11“, ein perfektes Team zusammenzustellen: Einen Bau-Menschen mit zwei rechten Händen (ideal: ein ausgebildeter Zimmermann), einen Installationsfuchs, der sowohl Elektro als auch Gas und Wasser beherrscht, einen praktisch veranlagten Architekten, Designer oder Bildhauer mit gutem Auge und großartigen Ideen, jemanden der toll kocht und auch andere dafür begeistern kann, einen, der den Dschungel der Bezirkspolitik wie seine Hosentasche kennt und dort Lobbyarbeit macht, einen PR-Profi für die Pressearbeit, einen Mietrechts-Spezialisten, der weiß, mit welchen Winkelzügen man sich am besten Bleiberecht verschafft, eine zuverlässige Buchhalternatur, die sich um Finanzangelegenheiten kümmert und natürlich jede Menge Leute die begeisterungsfähig, aufgeschlossen und sozial veranlagt sind.
Absolut perfekt wird es, wenn man sich darüber hinaus mit hilfs-, betreuungs- oder pflegebedürftigen Menschen zusammentut, die gerne in einem integrierten Wohnprojekt leben möchten – und natürlich Leute in der Besetzergruppe dabei sind, die die erforderlichen Hilfs-, Betreuungs- oder Pflegeaufgaben auf anspruchsvollen Niveau leisten können. Mit einem gut geführten integrierten Wohnprojekt macht man nicht nur was Tolles, sondern erarbeitet sich auch beste Chancen, ein Lieblingskind der Lokalpolitik zu werden.
Hüten sollte man sich dagegen vor Lifestyle-Hausbesetzern die mit aggressivem Selbstmitleid nerven, massenhaft schlecht erzogene Hunde anschleppen und deren einzige handwerkliche Fähigkeit darin besteht, Metallstacheln an müffelige Lederjacken zu applizieren.
Steht das Team? Dann rein ins Haus und breitgemacht. Hier eine erste kleine Auswahl von derzeit leer stehenden Objekten:

Sonntagstraße 37, Friedrichshain
Zugegeben, ganz bezugsfertig ist das ehemalige Beamtenwohnhaus auf dem Bahnhof Ostkreuz nicht, schon die Rodungen im Vorgarten dürften einen ganzen Sommer in Anspruch nehmen. Aber gibt es irgendwo in Berlin einen schöneren Gegenentwurf zu all den Townhouse-Wucherungen? Man beachte das Fachwerk-Imitat aus Backstein.

Invalidenstraße 31, Mitte
Vorderhaus, zwei Hinterhäuser, zwei Seitenflügel und zwei Höfe in bester Innenstadtlage – jede Menge Platz für Ideen. Am besten erst ein Hinterhaus sanieren, während im anderen provisorisch gewohnt wird, dann die sanierten Räume beziehen und sich Stück für Stück um den Rest des Hauses kümmern. Eile ist geboten. Mehrere Fenster fehlen und das Dach des zweiten Hinterhauses wurde geöffnet – vermutlich will der Eigentümer mit Absicht die Bausubstanz schädigen, um Argumente für einen Abriss in die Hand zu bekommen.

Kreditkaufhaus Jonaß, Prenzlauer Allee /
Ecke Torstraße, Mitte
Dass dieser Koloss von Gebäude bereits seit 1995 komplett leer steht, ist eine Unverschämtheit. Wer sich hier ranwagt, sollte allerdings etwas über dessen Geschichte wissen. Die Nazis drängten den jüdischen Eigentümer des 1929 errichteten Kreditkaufhauses Jonaß aus seinem Geschäft. Bald darauf residierte hier NSDAP-Jugendführer Baldur von Schirach. Nach dem Krieg nutzte es die SED als Sitz des Instituts für Marxismus-Leninismus. 1996 wurde das Gebäude an die Erbengemeinschaft des Eigentümers rückübertragen. Die ließ das Gebäude über zehn Jahre leerstehen. Lange Zeit geschah nichts. Die Baugerüste dienten lediglich dazu, riesige Werbetransparente an der Fassade zu montieren. Seit kurzem aber wird im Haus gearbeitet. Nächstes Jahr soll dort das „Soho House“ eröffnen, eine Mischung aus Business-Lounge und Wellnesstempel für Medienfuzzis. Schade drum.

Eierhäuschen, Treptower Park
Es sind Fälle wie der vom Eierhäuschen, die dem Zynismus in dieser Stadt immer wieder neue Nahrung geben. Da ist ein zuckersüßes kleines Häuschen. Es steht in fast zentraler Lage und doch mitten in der Natur, sogar mit vollkommen unverbautem Spreeblick. Und innendrin? Gähnende Leere, seit 18 Jahren. Gründe: eine unfähige Verwaltung, ein unfähiger Pächter (der übrigens auch den Spreepark an die Wand gefahren hat), das Übliche eben. Nun gilt es, aus der Not eine Tugend zu machen. Ins Eierhäuschen gehört Leben rein, und zwar pronto! Der unschätzbare Vorteil: wer hier instandbesetzt, hat auch gleich ein Auskommen. Der Uferweg ist wunderschön, aber auch wahnsinnig lang, die Cafés an der Insel der Jugend sind vom Baumschulenweg aus viel zu weit entfernt. Die Kundschaft fürs Cafékollektiv ist also gesichert. Also, ran an die Tassen!

Stettiner Bahnhof, Ecke Caroline-Michaelis-Straße / Julie-Wolfthorn-Straße, Mitte
Das entzückende alte Empfangsgebäude der Vorortbahn auf dem ehemaligen Stettiner Bahnhof steht leer und gammelt vor sich hin. Eine Schande. Potenzielle Besetzer könnten in der Denkmalschutzbehörde einen mächtigen Verbündeten gewinnen. Voraussetzung ist natürlich Bereitschaft zur Kooperation. Der Innenraum eignet sich übrigens bestens als Veranstaltungsort.

Andreasstraße/Ecke Singerstraße,
Friedrichshain
17 Stockwerke Platte, mit vielen intakten Fenstern und 34 kleinen Balkonen stehen hier zur Verfügung! Ideal für alternative Lebensformen aufgeschlossene Familien: das Eckgebäude säumen Schule und Spielplatz. Eine kleine Verwaltungseinheit könnte von hier die neubesetzten Häuser – auf Grundlage im Kollektiv gefasster Beschlüsse – koordinieren. Über dem vermauerten Erdgeschoss bröckelt auf Leiterhöhe im ersten Stock die Fensterpappe. Einziges Problem: vermutlich kein funktionierender Fahrstuhl mehr.

Warenhaus Jandorf, Brunnenstraße/
Ecke Veteranenstraße, Mitte
In den vergangenen Jahren rückten hier immer wieder mal Bautrupps an, um dann ebenso schnell wieder zu verschwinden. Hier fehlt ganz klar der Wille, das Geld, die Visionen. Das repräsentative Eckgebäude mit der wunderschönen, vertikal gegliederten Natursteinfassade, das zu DDR-Zeiten immerhin mal „Haus der Mode“ war, schreit nach Belebung. Auch hier gilt: Vorsicht, Denkmalschutz! Am besten gleich nach der Besetzung Kooperationsbereitschaft signalisieren.

ehem. US-Hauptquartier, Clayallee 170,
Zehlendorf
Wer an geschützter Stelle die kleine, mit Stahlspitzen bestückte Steinmauer überwindet, kann seinen Stützpunkt von da an prima verteidigen. Die Versorgung: per Luftbrücke. Schon die Amerikaner koordinierten von hier aus die Rosinenbomber, als „Nachmieter“ in dem 1936 von den Nazis als „Luftgaukommando III“ erbauten Komplex. Ein kleiner Hinweis: im Alliiertenmuseum schräg gegenüber steht so ein Flugzeug. Zwei der zehn monumentalen Gebäude belegt derzeit das US-Konsulat. Man läuft also Gefahr, nach kurzem Prozess im ehemaligen Gerichtsgebäude als Staatsfeind in Guantanamo Bay aufzuwachen. Also unbedingt Nachtwachen aufstellen.
Der Film zum Thema: „Was tun wenn’s brennt?“,
D 2001, R: Gregor Schnitzler, D: Til Schweiger, Sebastian Blomberg, Nadja Uhl, Klaus Löwitsch, Columbia
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