- Artikel
- 13.10.2008
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Serie: Wem gehört die Stadt?: Künstler und Designer sollen einen Weddinger Problemkiez aufwerten
Am Laden lag es nicht. Die Räume in der Weddinger Brunnenstraße, in denen die Modedesignerin Bernadett Penkov zweieinhalb Jahre lang Atelier und Verkaufsfläche hatte, waren groß und gut geschnitten. Sie fand auch viele der Nachbarn durchaus nett. Trotzdem ist sie vor einem Jahr nach Mitte gezogen.
„Wir waren überhaupt nicht integriert“, sagt Penkov. Es gab kaum Kundschaft. Und wenn mal jemand in den Laden kam, dann nicht, um Designermode zu kaufen, sondern eher, um ihr ein kurz zuvor gestohlenes Fahrrad zu verkaufen. Schließlich schloss sie den Laden meistens ab, „weil ständig irgendwelche Bekloppte in der Tür standen.“ Eine Praktikantin, die eine Schlägerei beobachtet hatte, wurde bedroht, und gelegentlich lungerten Junkies im Treppenhaus. „Manchmal hatte das schon was von Christiane F.“, sagt Penkov. Das Weddinger Brunnenviertel erfüllt alle Kriterien eines Problemviertels: hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Drogenszene. Und ein Stadtbild, das geprägt ist von wuchtiger 70er-Jahre-Architektur. Damals hat die Wohnungsbaugesellschaft Degewo hier einen Großteil der maroden Altbauten abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Obwohl die Wohnungen gut geschnitten sind, es große Grünflächen gibt und das Viertel direkt an Mitte und Prenzlauer Berg grenzt, gilt es als unattraktiv, was auch daran liegt, dass die Architektur heute als abschreckend hässlich empfunden wird. „Das Problem ist nicht nur, dass es eine raue Gegend ist, sondern dass sie so wahnsinnig hässlich ist“, sagt Penkov. Internationale Kunden, die in ihren Showroom kamen, reagierten befremdet. „Die haben sich gefragt, wo sie bloß gelandet sind.“
Seit Jahren bemüht sich die Degewo um eine Aufwertung des Quartiers. Gebäude wurden renoviert, eine Firma zur Pflege von Außenanlagen und Grünflächen und eine eigener Sicherheitsdienst engagiert. Vor allem aber probiert die Degewo seit 2005 eine neue Strategie: Kreative sollen leere Ladenlokale beleben und das Image der Gegend aufpolieren. Mit besserem Image könnten die Betonbauten auch für andere Mieter interessant werden, hofft die Wohnungsbaugesellschaft. Auch Bernadett Penkov war ein kleiner Teil dieses großen Plans. Dass sie überhaupt auf die Idee kam, hierher zu ziehen, lag am von der Degewo ausgeschriebenen Wettbewerb „Wedding Dress“, der sich an die Mode- und Kreativszene richtet. Junge Designer, Galeristen, Künstler und andere Kreative werden aufgerufen, sich mit interessanten Projekten um mietfreie Räume zu bewerben.
Nur wenige hundert Meter entfernt am unteren Ende der Brunnenstraße boomt genau diese Szene. Bloß über die Bernauer Straße hinaus, wo ein zugewucherter Streifen Brachland noch genau erkennen lässt, wo die Mauer stand, wagt sie sich kaum. Die wenigen Pioniere mit ihren künstlerisch gestalteten Schaufenstern wirken denn auch etwas wie Ufos zwischen den Billigreisebüros und Schlüsseldiensten. Einige Kreative sind geblieben, einige dazu gekommen. Das Atelier Formschön, in dem es junge Designermode gibt, die Galerie Qqbo, seit ein paar Monaten die Laden-Galerie RGB, die sich jeden Monat einer anderen Farbe widmet.
Wenn es nach der Degewo geht, wird es hier bald richtig toll aussehen. Im Büro von Degewo-Vorstand Frank Bielka in der Potsdamer Straße hängen computergenerierte Bilder eines futuristisch anmutenden Shopping-Centers: große Glasfassaden, lichtdurchflutete Pavillons, in denen einzelne Kleidungsstücke wie Kunstwerke präsentiert werden. Nach umfangreichen Umbauten sollen alle Läden auf der Ostseite der unteren Brunnenstraße und die vorgelagerten Pavillons zu einen riesigen innerstädtischen Outlet-Center werden. Wann genau es soweit sein wird, ist noch nicht klar. „Bevor investiert wird, muss die Vermietung gesichert sein“, sagt Bielka. Er ist jedoch zuversichtlich, dass es in den nächsten Monaten losgehen kann. Das Viertel liegt ihm am Herzen. „Wir möchten dafür sorgen, dass sich die Mischung der Bewohner hier wieder verbessert.“
Daniela Miocic, die hier seit 25 Jahren ihr Restaurant Dalmacia betreibt, hält überhaupt nichts von den Bemühungen der Degewo. Sie steht in ihrem Restaurant, in dem sich heimelige Spitzendeckchen und dunkle Holzmöbel in typischem 70er-Jahre-Stil mit Fernwehansichten den Wänden mischen, und schimpft lebhaft gestikulierend. „Die Degewo verscheißert uns seit drei Jahren“. Sie fühlt sich verunsichert und verärgert, weil der Mietvertrag für ihr Restaurant immer nur monatsweise verlängert wird. „Keiner weiß, was hier passiert. Ich kann noch nicht mal Reservierungen für Weihnachtsfeiern annehmen, weil ich nicht weiß, ob ich dann noch da bin. Die wollen uns hier alle vertreiben.“ Vertreiben – ein hartes Wort. Immerhin ist die Degewo ein öffentliches Unternehmen. Immerhin gehört es zu ihren Aufgaben, denen ein Dach über dem Kopf zu geben, die am freien Markt nur schwer bestehen.
Frank Bielka hält dagegen: „ Es ist nicht so, dass wir die Mieter hier vertreiben. In den letzten Jahren haben viele ihre Geschäfte aufgeben, weil die Umsätze einfach nicht mehr stimmten.“ Die Oulet-Center-Pläne seien letztlich die Reaktion auf die zunehmende Schwierigkeit gewesen, die Läden zu vermieten. Allen, die in der Gegend bleiben wollten, würden Alternativen in der Nähe angeboten. Außerdem wurde das Konzept des Wedding-Dress-Wettbewerbs inzwischen weiter gefasst: Ausdrücklich werden die Teilnehmer inzwischen aufgefordert, sich mit Konzepten zu bewerben, die ins Viertel hinein wirken und die Anwohner einbeziehen.
Im Stadtteilladen an der Swinemünder Straße wird mittags gemeinsam gekocht. Mitarbeiter, Helfer und Hunde sitzen an einem großen runden Tisch. Quartiersmanagerin Jeanne Grabner schimpft nicht, aber auch sie ist skeptisch, was das Outlet-Center angeht. „Die Leute, die hier wohnen, können sich keine Markengarderobe leisten, auch nicht zu reduzierten Preisen“. Sie findet es gut, dass die Degewo sich engagiert, wünscht sich aber, dass die Bewohner der Gegend mehr einbezogen werden. „Aufwertung des Viertels bedeutet für uns nicht, Leute von anderswo zu holen, sondern dafür zu sorgen, dass die Menschen, die hier wohnen, zufrieden sind.“ Daher sollten Pläne nicht von externen Experten verordnet werden. Wenn etwas passieren soll, dann, so Grabner, „muss es von unten passieren. Das bedeutet, „sich nicht auf Probleme zu konzentrieren, sondern auf Ressourcen.“ Eine Ressource ist Zeit. Wer keine Arbeit hat, hat viel Zeit, in der man sinnvolle Dinge tun kann. Wie der russisch-stämmige Hartz-IV-Empfänger, der früher einmal Schachmeister war und jetzt Interessierten Schach beibringt. Ziel der Entwicklung könne nicht sein, so Grabner, „Reiche und Schöne“ anzuziehen.
Die kommen sowieso nicht, insbesondere dann nicht, wenn sie Kinder haben. Der Anteil von 80 bis 90 Prozent nicht-deutschsstämmigen Kindern in Kitas und Schulen wirkt abschreckend. Übrigens auch auf Eltern mit Migrationshintergrund. „Wir leben in Deutschland und möchten, dass unsere Tochter in der Schule Deutsch spricht“, sagt die Reiseverkehrskauffrau Ayla Güldal, die auf einer Bank an der Swinemünder Straße sitzt und die Nachmittagssonne genießt, während ihre Tochter im Kinderwagen schläft. Demnächst wird sie mit Mann und Kind nach Britz ziehen. „Bildungsnahe Migranten ziehen weg“, bestätigt Grabner. Eltern aus Mitte oder Prenzlauer Berg kommen zwar gerne mal rüber, um in der autofreien Swinemünder Straße mit ihren Kindern Fahrrad fahren zu üben und im Familiencafé „Spielzeit“ einzukehren, aber hierher ziehen wollen die wenigsten. Und gegen den Versuch der Schulbehörde, Wedding- und Mitte-Erstklässler zwangsweise zu mischen, war der Widerstand so groß, dass der Plan schließlich fallen gelassen werden musste.
„Es war eine völlig naive Vorstellung, dass man engagierte Mitte-Eltern zwingen könnte, ihre Kinder in Wedding zur Schule zu schicken“, sagt Petra Girsch. Auch sie hätte das für ihre Tochter nicht gewollt. Und das, obwohl sie sich selbst im Brunnenviertel engagiert. Nachdem sie gemeinsam mit Stefie Steden den letzten Wedding-Dress-Wettbewerb gewann, betreibt sie den „Projektraum Kulturgymnastik“, in dem mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, mit ihnen Handyfilm-Wettbewerbe und Kochkurse abhält. Sie hält es für möglich, dass das Viertel sich zum Guten entwickelt und damit eines Tages eine Alternative zu den – immer teurer werdenden Wohngegenden – in Mitte und Prenzlauer Berg wird. „Aber das braucht viel Zeit. Und es geschieht nicht unter Zwang.“
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