Berlin Baupiloten: Au revoir, Tristesse

Foto: Jan Bitter
Silke Kettelhake
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„Ein Schock für alle Sinne“, schreibt die Architekturstudentin Nadine in ihr Tagebuch, kurz nach ihrem Einzug ins Studentenwohnheim Siegmunds Hof an der Spree gegenüber dem grünen Hansa-Viertel. „Im Bad herrschen Käsenoten vor, die Handtuchhaken fehlen.“ Am liebsten würde sie gleich die Flucht ergreifen. Die Gemeinschaftsküche benutzen alle nur zum Aufwärmen von Fertiggerichten, gegessen wird alleine in den etwa zwölf Quadratmeter kleinen Zimmern. Auf dem Flur riecht es Nadine zufolge „scharf nach Fett und Urin“.
Das Licht auf dem Gang der denkmalgeschützten Plattenbausiedlung mit verkommenem sechziger Jahre Flair erinnert sie an einen Gefängnistrakt. Aus den Wohnwaben des mit winzigen Balkons bestückten Hochhauses geht der Blick auf die tristen Wohnpavillons der Anlage, dahinter Industrieanlagen und der Spreebogen. Die dünnen Wände tragen jeden Laut weiter. Ein Wochenende verbringt Nadine in Siegmunds Hof als Auftragsforscherin der Baupiloten, einer mehrfach ausgezeichneten Initiative. Die Architektin und Dozentin Susanne Hofmann lässt die Experimentierfreudigkeit und Phantasie ihrer TU-Studenten auf die schnöden Zwänge der Alltagspraxis los. Die Lehre soll mit der architektonischen Praxis verschmelzen, indem die Studenten forschungsorientierte Baumaßnahmen als konkrete Projekte realisieren.
Ende der Sechziger trafen sich in Siegmunds Hof im Partykeller die umherschweifenden Haschrebellen, hier diskutierten die enttäuschten 68-Revoluzzer, Mitbegründer der terroristischen Bewegung zweiter Juni, vor dem Wohnheim lieferte sich der Stadtguerillero Georg von Rauch eine Schießerei mit der Polizei. 1971 starb von Rauch bei einem weiteren Schusswechsel. Heute lagern im Partykeller ausgesessene Sofas hinter denen gerne die Bierdosen vergessen werden, eine schäbige Jugendzentrumsatmosphäre herrscht vor. „Von den Hochhäusern hat man einen sehr schönen Ausblick auf Berlin. Die kleineren Pavillons im parkartigen Gelände vermitteln Ruhe und Entspannung“, so wirbt das Studentenwerk. 624 Plätze bietet das Wohnheim mit gemeinschaftlicher Nutzung von Küche und Sanitäranlagen, die Zimmermiete beträgt für eine Einzelunterkunft 127 bis 216 Euro. WG-Bildung ist möglich bei 384 bis 548 Euro, inklusive Strom und Gas. Der Ausländeranteil ist hoch, wie bei allen über die Stadt weit verteilten 10.500 Wohnheimplätzen, mit etwa 70 Prozent. Im Heim bleibt niemand lange zu Hause. Etwa die Hälfte der Studenten wechseln nach kurzer Übergangszeit in die Angebote des freien Wohnungsmarktes, der Berliner Mietspiegel liegt längst nicht so hoch wie in anderen Studentenstädten. Doch das Studentenwerk will um die Mieter kämpfen. Marode Plattenbauten werden abgestoßen, Renovierung wird groß geschrieben.
Die Architektin Susanne Hofmann widmet sich nun zusammen mit ihrem 15-köpfigen Studententeam von der TU dem Problemfall Siegmunds Hof. Ihr erster Eindruck? Die 45-Jährige lacht und seufzt gleichzeitig: „Sobald man das Gebäude betritt, heißt es Bonjour Tristesse. Die Flure erinnern an Kellergeschosse. Die gesamte Wohnlichkeit ist verschwunden. Sehr schwierig erscheint uns die Fassade mit den vielen kleinen Fenstern. Hier sind die Küchen angeordnet, dahinter liegen kistenartige Räume.“ Unbeirrbar optimistisch geht Hofmann die Entwurfsarbeit fürs Studentenwerk inklusive Asbestsanierung an: Und bitte, es soll nicht mehr von Heimen die Rede sein, Hofmann spricht von der Wohnanlage. „Der Heimcharakter muss verschwinden. So will doch heute niemand mehr leben.“ Für Hofmann selbst kam ein Einzug ins Studentenwohnheim nicht in Frage. „Wohnheim, das hatte und hat ein Stigma. Wir glauben aber, dass gemeinsames Wohnen sehr viel Positives haben kann.“ Eine Herausforderung für das Architektenteam. Es soll sich lohnen, ins Wohnheim zu ziehen.
Seit einem Jahr werkeln die Architekturstudenten unter ihrer energischen Leiterin Susanne Hofmann in Siegmunds Hof. Für  sie dienen die Projekte der Baupiloten auch der Profilierung fürs Berufsleben, denn „wer weiß denn schon, wie eine Kostenschätzung wirklich aussieht“, so Hofmann. Ihre Studenten seien sehr gefragt in den Büros. Sie bringen persönlichen Einsatz. Nadine war dennoch froh, dass ihr Aufenthalt in Siegmunds Hof begrenzt blieb.
Das Studienreformprojekt Die Baupiloten existiert seit Juni 2004 an der TU Berlin. Über ein oder zwei Semester erarbeitet eine Gruppe ein konkretes Bauvorhaben: Baukonstruktion, Lichttechnik, Brandschutz oder Baurecht in der Praxis. Eines ihrer  Vorzeigeobjekte ist eine Kita in der Dessauer Straße. Ein IBA-Bau aus den Achtzigern, mit düsteren Fluren, auf denen Kinder aus unterschiedlichen Nationen spielen. Nach anfänglicher Skepsis ließen die Erzieherinnen die Kinder ihre „Traumbaum-Kita“ malen. Sie malten Bildergeschichten, selbst Geräusche versuchten die Kinder umzusetzen und menschenähnliche Bäume bevölkerten die Zeichnungen. Nun rascheln in der Kita die künstlichen Baumblätter als würden sie kichern.
Auch in Siegmunds Hof setzen die Baupiloten auf Partizipation, auf Identifikation mit dem Ort. „Wir als Architekten müssen uns fragen, was die Studierenden denn wollen? Wie wollen sie leben?“ erklärt Susanne Hofmann. In Siegmunds Hof luden sie die Bewohner zu dem Workshop „Spiele deinen Wohntraum, wohne deinen Spieltraum“ ein. Begriffe waren anzuordnen bis sich eine Hierarchie ergibt. „Was tust Du gerne? Was wolltest Du schon immer mal tun?“, fragten sie die Wohnheimmieter. Duschen steht an oberster Stelle – denn die Intimzone bleibt wenig privat, wenn sich 14 Mieter die Sanitäranlagen teilen.
„Partizipation ist nicht unanstrengend“, findet Susanne Hofmann, „Deutschland hinkt stark hinterher, etwa im Vergleich zu Großbritannien. Viele Architekten hier glauben, dass zu viel Mitsprache den Entwurf kaputt macht als dass er ihn unterstützt. Und die Auseinandersetzung kostet Zeit, das finden viele auch nicht besonders reizvoll. In Siegmunds Hof müssen sich meine Studenten mit den Wünschen der Bewohner auseinandersetzen und kommen so weg von vorgeformten Haltungen. Sind aber die Bewohner in die Entwurfsprozesse involviert, identifizieren sie sich viel stärker. Es entsteht eine Wertschätzung, die sich vererbt.“
Mit der Modernisierung der Erika-Mann-Grundschule, der Erfindung der Silberdrachenwelten, ist den Baupiloten ein weiterer Coup gelungen. Das obere Stockwerk der Schule lädt zum Träumen ein, das Mobiliar ist flexibel und ausziehbar, so dass Höhlen und Podeste wie in einer plötzlichen Felslandschaft entstehen. „Die Kinder, die jetzt in die Schule kommen, identifizieren sich mit der Silberdrachenwelt, das ist ein Mythos, der weitergegeben wird“, sagt Susanne Hofmann.
Für Siegmunds Hof existieren nun jede Menge bunte Entwürfe. Jedes Haus wird anders benannt und entwickelt, vom Gemeinschaftshaus für Partytiger und Kaffeetrinker ist die Rede. Das Hofmannsche Ökopop-Konzept will preiswert und ökologisch sanieren. Da ist etwa der nicht beheizte Naturpool, der mit Regenwasser gefüllt ist, auf dem Dach wird Photovoltaik installiert und Windenergie gefördert. „Wir wollen weg von den ökologischen Müsliklischees, weg vom Asketischen. Wir wollen so gestalten, dass sich die jungen Leute angesprochen fühlen“, sagt Susanne Hofmann. Dass es sich eben lohnt, in der Wohnanlage zu leben, ohne alle Sinne zu schockieren.S

Kindertagesstätte Traumbaum, Dessauer Straße 27, Tiergarten, S-Bhf Anhalter Bahnhof
TU Berlin, Straße des 17. Juni 135, Charlottenburg, U-Bhf Ernst-Reuter-Platz

www.baupiloten.com


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