Tape.TV: Von wegen das Ende vom Lied

Foto: omorp
Felix Denk
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Von Sektlaune ist an der Stralauer Allee 6 – 7 nicht viel zu spüren. Wie an jedem Wochentag wird aus der Viva-Sendezentrale am Freitag, dem 5. Dezember, zwischen 15 und 16.30 Uhr eine „Viva-Live“-Sendung ausgestrahlt, nur diesmal heißt sie „15 Jahre Viva Gala“. Es kommen Moderatoren von früher vorbei und ein paar Stars. Das wars. Viva, der Dudelsender mit dem Starkstromlächeln, hat Geburtstag und feiert nicht. Es scheint, Popmusik im Fernsehen, das ist nun endgültig vorbei.
Entsprechend sehen beim Musikfernsehen immer mehr Menschen schwarz. Doch das hat nicht nur mit Viva zu tun, sondern auch mit Tape.TV. Öffnet man diese Webseite mit Sitz in Berlin, erscheint ein schlichter schwarzer Rahmen und ein Videoclip startet in einem gestochen scharfen Bild – so aufgeräumt und gut hat Musikfernsehen lange nicht mehr ausgesehen. Im Internet sogar noch nie. Und da geht gerade einiges: Portale wie Freshmilk oder Bunch.TV senden Clips und Special-Interest-Formate, ringen um Clicks, Views und Page Impressions. Mit putpat.tv soll bald ein Portal online gehen, bei dem Viva-Gründer Dieter Gorny die Strippen zieht. Inmitten dieses Gründungsfiebers positioniert sich das Berliner Startup Tape.TV selbstbewusst als „Neue Generation des Musikfernsehens“.
Geburtstage können gemein sein, wenn die besten Tage vorbei zu sein scheinen. Am 5. Dezember 1993 ging Viva auf Sendung und veränderte das Musikfernsehen in Deutschland. Dem übermächtigen Konkurrenten MTV erklärte der Sender aus Köln-Hürth den Krieg. Die schossen zurück, indem sie deutsche Sendungen ins Programm nahmen. „Das haben die Manager damals auf beiden Seiten stilisiert wie den Ost-Westkonflikt“, erinnert sich Mona Rübsamen, die damals Programmchefin bei MTV Central war und mittlerweile mit Motor TV zu den Pionieren des Musikfernsehens im Internet gehört. Musikfernsehen erhitzte die Gemüter und fesselte die Teenager vor den Fernseher. Heute herrscht traute Eintracht zwischen MTV und Viva, die beide zum US-Medienriesen Viacom gehören und ob den hohen Renditeerwartungen an einem gemeinsamen Projekt arbeiten: Sie drehen dem Musikfernsehen, das sie einst erfanden, den Saft ab.
Ende Oktober wurde bekannt, dass die deutschen Eigenproduktionen wie das Dokumentationsformat „MTV Masters“ und die „MTV News“ auslaufen und durch Formate aus Amerika ersetzt werden. Die Zukunft von Markus Kavka, dem letzten MTV-Moderator, der für Kompetenz und Leidenschaft für Musik steht, ist ungewiss. Bei Viva stehen Sendungen wie „Viva live“ und „Viva feat.“ zur Disposition. Elf Kündigungen wurden ausgesprochen und 30 befristete Stellen nicht verlängert.
Tape.TV sucht hingegen Mitarbeiter. Das Konzept der Dauerrotation geht auf. „Ich mag es, mich berieseln zu lassen“, sagt Conrad Fritzsch, der mit Stephanie Renner Tape.TV erfunden hat. Ihr Konzept lautet, die Einfachheit des Fernsehens mit den Möglichkeiten des Internets zu verbinden. Das geht so: In einer Schleife von drei Stunden laufen aktuelle Clips des gehobenen Mainstreams, etwa Feist, Peter Fox oder der neue Bond-Song . Wer es spezieller mag, kann gezielt auf Indie, Hip Hop, Electro oder Metal ausweichen oder im Archiv nach einzelnen Künstlern suchen. Schnickschnack wie Kommentarfunktion und User Generated Content fehlen im Edel-Webdesign. Allerdings informiert nach etwa sechs Clips ein Baumarkt über neue Heimwerker-Produkte. Man clickt und drückt, doch es bringt nichts: Man muss den Spot bis zum finalen Yippiejajayippieyippieja ertragen.
Gemessen am Werbefeuerwerk im Fernsehen ist die Frequenz sehr moderat. Aber ob Tape.TV ein Erfolg wird, hängt auch davon ab, ob die Generation Myspace, die mit 20 Clicks pro Sekunde durchs Netz flitzt, es aushält, einen Werbespot in voller Länge anzusehen. Fritzsch und Renner sind optimistisch. Denn sie glauben fest an das, worauf sie sich konzentrieren: Den Videoclip. „MTV hat da ein tolles Format zum Leben erweckt“ sagt Fritzsch. „Und im Internet hat es endlich wieder eine Heimat.“
Sie heißt im Augenblick  Youtube. Dort lagern 20 Prozent der weltweiten Datenmenge. Pro Minute werden 13 Stunden Filmmaterial hochgeladen. Und alleine in den USA werden von 72 Millionen Nutzern, drei Milliarden Videos pro Monat angesehen. Hinter den imposanten Zahlen verbirgt sich oft kryptisches Pixelgulasch mit ungeklärten Urheberrechten. In diese Qualitätslücke stößt Tape.TV. „Wir glauben an Inhalte und Redaktionen“, sagt Stephanie Renner. Die rund 17.000 Video-Clips kommen von den vier Majors und zunehmend auch von kleinen Independent-Labels. Sie werden von einem Team gesichtet und sortiert. Der total abgefahrene Stoff wird ausgesiebt. Fans von tibetanischen Mönchsgesängen oder satanischem Death Metal müssen weiter auf Youtube suchen. Dafür zeigt nicht jeder zweite Clip einen wild gewordenen Teenager, der seinen Hund auf ein Skateboard schnallt und in die Halfpipe schubst. Der Selektionsservice kommt immer besser an: 200.000 Unique Views hatte Tape.TV im Oktober. Nicht schlecht für ein Medium, das schon so oft tot gesagt wurde, dass man mit dem Kondulieren gar nicht mehr hinterher kommt.
Wenn etwas einmal so präsent war wie das Musikfernsehen, fehlt es natürlich, wenn es nicht mehr da ist. Mit seiner Mischung aus Anarchie und Größenwahn wurde MTV in den 80er Jahren das Leitmedium einer Generation. Superstars wie Madonna und Michael Jackson wären ohne den Musiksender gar nicht denkbar. Aus manchen Videobudgets hätte man mehrere Folgen „Tatort“ drehen können. Auch Viva machte Stars, nur hießen die Kelly Family oder Gildo Horn. Heute läuft der Weg zum Ruhm für junge Musiker über Myspace. MTV und Viva senden Promi- und Datingshows. Waren im Jahr 2000 noch 90 Stunden Musik täglich im deutschen Fernsehnetz zu sehen, sind es derzeit nur 22. MTV mag heute in 179 Ländern empfangbar sein, die Reichweite ist größer als die von CNN, doch die Musik bleibt immer mehr auf der Strecke.
Mona Rübsamen, die sechs Jahre im internationalen Management von MTV war, findet das schade. „Die gute Idee eines offkulturellen Jugendprogramms wurde zugunsten der Quotensteigerung zurückgefahren. Das war ein herber Marken- und Gesichtsverlust. Es ist traurig, dass die Auswirkungen der Programm-Entscheidungen so kurz gedacht sind und sich Idealismus gegen Quotendruck behaupten muss.“
Weil Coolness auch ein Kulturauftrag sein kann, startete sie vor zwei Jahren den Motor TV, der in enger Zusammenarbeit mit dem Radiosender Motor FM entsteht. Im Online-Stream kann man 24 Stunden Videos von jungen Bands hören. Das meiste ist Indie, Alternative und ein bisschen Elektronisches. Vieles hat den Charme des Selbstgemachten. „Mit Clips kann man heute keine Platten mehr verkaufen, deshalb geben die Plattenfirmen kein Geld mehr dafür aus. Trotzdem ist der Clip wichtig: Er hat heute die Bedeutung einer visuellen Visitenkarte, mit der eine Band auffallen kann“, sagt Rübsamen. Aufmerksamkeit ist eine harte Währung im Internet. Myspace hat Hits gemacht, Youtube Stars hervorgebracht – es gibt keinen Grund, warum in Zeiten der bewegten Bilder im Internet, solche Erfolgsgeschichten nicht auch über Online-Musiksender funktionieren sollten.

www.tape.tv


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