- Artikel
- 01.01.2009
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Titel: Vorschau 2009: Schmidt im Glück
Was für ein Jahr! Im Grunde habe ich 2009 schon jetzt keinen Tag mehr frei. Vielleicht finde ich trotzdem endlich mal die Zeit, zur Studienberatung zu gehen und zu fragen, ob meine vielen Scheine nicht längst für einen Abschluss reichen, manche sind ja schon ganz vergilbt.
Meine Professoren von damals müssten inzwischen alle emeritiert sein, und ich muss nicht mehr fürchten, ihnen im Gebäude zu begegnen, das hoffentlich noch steht.
Als was ich wohl diesmal zum Fasching gehe? Als Rentner? Im März der Rumänischkurs in Jena. Ich war dort schon sechsmal und habe noch nie das Phyletische Museum am Bahnhof besucht. Aber man braucht ja einen Grund wiederzukommen. Ich wüsste doch gerne, was in diesem Museum eigentlich gezeigt wird.
Im April wollen meine Eltern, dass ich sie nach Spanien begleite. Der Vater ihrer dortigen Bekannten braucht jemanden, dem er seine Sammlung von Fotos, die ihn als Fußballspieler zeigen, präsentieren kann. Hoffentlich verliebe ich mich nicht in ihn, ich muss ja immer an meine spanische Ex denken, wenn ich diese Sprache höre. Sie lebt jetzt in Berlin und macht in Spanien ein Fernstudium.
Im Juni will ich zum Sprachkurs nach Moldawien. In Rumänien gehen mir die Städte aus, in denen ich noch keinen Sommerkurs gemacht habe. Aber 2009 fange ich hoffentlich Griechisch an, um endlich das Bildungsniveau meiner Eltern beim Abitur zu haben. Ich glaube, das wird das letzte große Abenteuer meines Lebens.
Zwischendurch werde ich wie jedes Jahr versuchen, meine Zehn-Kilometer-Zeit auf unter 40 Minuten zu verbessern und mich, kurz bevor ich so weit bin, also Ende August, bis Weihnachten erkälten.
Im September wird meine Tochter eingeschult, und ich werde in Zukunft um sechs Uhr aufstehen müssen. Ich kann mir das eigentlich noch gar nicht vorstellen. Wie soll ich ihr vermitteln, dass so etwas sein muss, wenn ich es selbst gar nicht für nötig halte? Sie wird eine Macht kennen lernen, die stärker ist als ihr Vater, den Staat. Andererseits freue ich mich darauf, ihre Hausaufgaben zu kontrollieren. Dann lohnt es sich endlich mal, dass ich so lange zur Schule gegangen bin.
Im Herbst mache ich mir dann langsam Gedanken, ob ich wieder Geburtstag feiern soll und werde sorgfältig meine Gäste zusammenstellen, um kurz vorher Panik zu kriegen, dass keiner kommt und alle einzuladen, die ich noch kenne. Die Woche nach dem Geburtstag ist dann die schönste im Jahr, weil meine Wohnung aufgeräumt und so viel zu essen im Haus ist. Die Fenster habe ich schon dieses Jahr geputzt. Vielleicht schaffe ich es bis dahin auch, meine Bilder aufzuhängen, die seit dem Einzug vor fünf Jahren an den Wänden lehnen. Ich mag es nicht, Spuren zu hinterlassen, schon gar nicht Löcher in den Wänden.
Aber wenn der Inhalt meiner Wohnung weiter so zunimmt, werde ich schon rein rechnerisch irgendwann keinen Platz mehr darin haben. Ein Messie ist, wer die Lage seiner Schreibstifte ständig kontrolliert und korrigiert, habe ich im „Mieterjournal“ gelesen. Tatsächlich ist es mir lieber, wenn sie mit der Mine von mir weg weisen und im Prinzip parallel liegen. Aber leide ich darunter, wenn es nicht so ist? Ich weiß es nicht, es gibt Schlimmeres. Den Tütenklumpen in der Küche habe ich dieses Jahr immerhin abgeschafft, meine letzte Freundin hatte sich daran gestört. Was mir von ihr geblieben ist: etwas zusätzliche Stellfläche neben dem Kühlschrank.
Am 3. Oktober werde ich die Hälfte meiner Lebenszeit in der DDR und die Hälfte in der BRD verbracht haben. An meinem Geburtstag, dem 9. November, wird es im Fernsehen vermutlich einige Sendungen über den Mauerfall geben. Das war in den letzten Jahren nicht anders.
Es wird sicher wieder ein ultimativer DDR-Roman erscheinen, aber nicht von mir. Ich habe ja jetzt schon keinen Tag mehr frei. Ich könnte so ein Buch höchstens in den Zeiten schreiben, wenn der Computer hochfährt.
Vielleicht gehe ich diesmal zum Pilates-Kurs, für den ich mich wieder anmelden werde.
Ob ich mir 2009 etwas breche? Oder eine neue Narbe bekomme? Vielleicht auch mal ein Hexenschuss, wie die anderen alle? Ob die Zahnärztin bei der Jahresuntersuchung diesmal bohrt? Es ist mir schon fast peinlich, dass sie immer nur den Zahnstein entfernen darf.
Ich gehe 2009 in das dritte Jahr meines großen Liebeskummers, und damit auch ins letzte. Ich habe zwar schon einmal von zehn Jahren gehört, die so etwas dauern kann, aber mein Nachbar meinte, drei Jahre sei der amtliche Wert. Jedenfalls wird danach keiner mehr mit mir Mitleid haben.
Vermutlich werden in Berlin wieder ein paar neue Gebäude errichtet, die ich als störend empfinden werde. Ich warte auch noch auf eine Fernsehturmdiskussion, komisch, dass sie den noch nicht abgerissen haben. Man könnte doch an der Stelle irgendeine slawische Fischerhütte wieder aufbauen, die da historisch gesehen hingehört. Ein neues technisches Gerät, dessen Bedienung ich mühsam erlernen muss, ist 2009 hoffentlich nicht zu befürchten. Ich bin schon bei der Mikrowelle ausgestiegen.
Die alte Steuererklärung wird im Januar der neuen die Klinke in die Hand geben. Aber vielleicht habe ich Glück und verdiene gar nicht genug. Den neuen Woody-Allen-Film werde ich wieder etwas besser oder etwas schlechter finden als den letzten, aber natürlich nicht so gut wie „Hannah und ihre Schwestern“.
Wenn alles gut geht, werde ich ein weiteres Jahr GEZ-Gebühren gespart haben. Der Preis dafür ist natürlich, dass ich nie öffne, wenn es klingelt.
Ich werde im Sommer wahrscheinlich wieder keine USA-Rundreise machen. Ich hoffe, dass es die USA überhaupt noch gibt, bis ich dazu komme sie zu besuchen. Vielleicht schaffe ich es wenigstens, mir im Frühling eine Balkonpflanze anzuschaffen. Vielleicht auch zwei, sonst lohnt sich die automatische Bewässerungsanlage nicht, ohne die ich mich in so ein Abenteuer nicht stürzen würde.
Aus dem Selbstmordrisikoalter bin ich zum Glück raus, jetzt droht erst wieder ab ungefähr 60 der Bilanzselbstmord. Aber so langsam nähere ich mich einem Lebensalter, bei dem mir schwindlig wird, wenn ich von dem Berg Jahren, auf dem ich sitze, runtergucke. Ich bin froh, dass ich ein paar Freunde habe, die vom Schicksal dazu verurteilt worden sind, für immer älter als ich zu sein. Ich sage mir in trüben Momenten dann immer: „Zum Glück bin ich noch nicht so alt, wie W.H. Für alles, was er erreicht hat, bleiben mir noch fünf Jahre, erst dann kann man unsere Lebensleistungen wirklich miteinander vergleichen.“ Ein großes Werk muss man beginnen, bevor man 40 ist, also erst übernächstes Jahr.
So richtig will ich allerdings gar nicht, dass ich plötzlich meinen beruflichen Durchbruch habe, ich bin darauf charakterlich nicht vorbereitet. Lieber arbeite ich noch eine Weile im Stillen. Und eines Tages blättere ich die fertigen Manuskripte hin wie einen Grand ouvert.
Richtig Angst habe ich sowieso erst vor 2011, weil da mein Personalausweis abläuft, und ich einen neuen beantragen muss, der mich dann wieder zehn Jahre begleitet. Bis jetzt lachen alle, wenn sie mein Ausweisfoto sehen, weil ich mich offenbar zum besseren entwickelt habe. Dass ich mal so aussah! Vielleicht wird in Zukunft betretenes Schweigen aufkommen, wenn sie das neue Foto mit meinem Zustand vergleichen. Hoffentlich geben sie mir überhaupt noch einen Ausweis und sagen nicht, dass sich das für mich doch nicht mehr lohnt.
Bestimmt wird 2009 ein glückliches Jahr. Ich merke das immer daran, dass ich mir an Türen, die sich automatisch öffnen, den Kopf stoße, weil sie zu langsam sind für den Schwung, den ich habe. Dann reibe ich mir die Stirn und lache, weil ich daran denken muss, wie glücklich ich bin.
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