- Artikel
- 13.01.2009
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Titelgeschichte: Winterfreuden
In der Wildnis der Stadt: Um im Stadtwinter die Nerven zu behalten, helfen kleine Fluchten in die Wildnis: Mitten in der Stadt in den Industrieruinen des Südgeländes oder vor den Toren auf den Feldern des Eiskellers. Ursprünglich sollte auf dem Südgelände der Reichsbahn ein gigantischer Bahnhof gebaut werden. So stand es in Albert Speers Plan für die neue Reichshauptstadt Germania, aber dann machte der Kriegsausgang allen Plänen ein jähes Ende. Dem Fuchs, der die winterlichen Spaziergänger auf dem Steg manchmal lauernd begleitet, ist die ganze Geschichte egal. Seit zehn Jahren ist das Südgelände – nach vielen Planungen und langen Diskussionen – nun ein Naturpark. Langsam holt sich die Natur die Flächen zurück, die die Bahn ihr abgetrozt hat. Über dem alten Wasserturm schwebt ein Falke bewegungslos in der kalten Winterluft. Nirgendwo in Berlin findet man ein ähnliches Miteinander von verwilderter Natur, verfallender Industriearchitektur und Kunst. Einfach mit der S-Bahn erreichbar(Priesterweg) ist der Park auch noch.
Das kann man vom Eiskeller nicht gerade sagen. Hierher muss man mit dem Auto kommen, den Wagen an der Schönwalder Allee stehen lassen und die ehemalige Berliner Exklave dann zu Fuß erkunden. Die Felder vom Eiskeller liegen etwas tiefer als der Spandauer Forst und die Siedlung Schönwalde, es gibt keinen Schutz vor dem Wind, daher ist es hier immer etwas kälter, als in der Stadt. Wer unter Agoraphobie leidet, ist hier fehl am Platz, denn die Felder scheinen sich ins Unendliche auszudehnen. Immer an einem Fließ (und dem ehemaligen Mauerverlauf) entlang führt der Weg in den hinteren Teil des Eiskellers. Anfang der 60er Jahre war es hier so abgelegen und der Grenzverlauf war so verzwickt, dass die Kinder der Bauern mit allierten Schützenpanzern zur Schule in Spandau gefahren wurden.
Das Tegeler Fließ auf der anderen Seite der Havel ist wesentlich idyllischer. Vom Vierrutenberg in Lübars aus folgt man dem Fließ auf einem Holzsteg. Zwar lautet die Bezeichnung der Umgebung prosaisch „Nasswiese“, aber mit etwas Fantasie kann man sich vorstellen, wie düster die Umgebung von Berlin, mit seinen Wäldern, Brüchen und Sümpfen einst gewesen sein muss. Das Fließ mäandert sich durch eine scheinbar unberührte Landschaft, Altarme bilden Stillgewässer, Gräben verbinden die alten Torfstiche. Herrlich. Lutz Göllner
Das Ende der Welt, wie wir sie kennen: Ewig fährt die U-Bahn, vorbei an Plattenbauten, Einkaufszentren, Plattenbauten und Einkaufszentren. „Ist das noch Berlin?“, fragt meine Begleiterin. Die meisten Menschen verlassen die U5 spätestens an der Frankfurter Allee, denn dahinter wird Berlin hässlich. Dabei befindet sich hinter den Plattenbauten und Einkaufszentren eine Hauptstadtperle: Der Erholungspark Marzahn mit den Gärten der Welt.
Sieben Anlagen gibt es mittlerweile, die nach chinesischem, japanischem, orientalischem und koreanischem Vorbild gestaltet sind. Jetzt, an einem der kältesten Tage der letzten Jahre, ist der Park weitestgehend verlassen, die Kartenverkäuferin gähnt, im Schnee sind nur wenige Fußabdrücke, obwohl es schon elf Uhr ist.
Drei Gärten haben im Winter geöffnet: der balinesische, der in einem Gewächshaus untergebracht ist, der chinesische, weil er vor allem aus Häusern und einem jetzt zugefrorenen See besteht, und der immergrüne Irrgarten. Das ist alles schön, genau wie der koreanische und der Renaissance-Garten, die man mit ein wenig Kletterkunst leicht betreten kann. Aber das wirklich Schöne ist die Ruhe. Die weiße Wüste, die nicht endet. Die Abgeschiedenheit, der Traum von weißen Nächten. Dazwischen ein chinesischer Pavillon, eine Konfuziusstatue, dezente Wegweiser. Hin und wieder hört man weit entfernt ein „Karpf, Karpf“, das von den Schuhen der wenigen anderen Besucher stammt. Ansonsten: nichts. Bis auf die neun Wildgänse, die in Formation über den Schnee fliegen. Von einem kleinen Hügel, geht der Blick weit, weit, auf Einkaufszentren und Plattenbauten. Sie stehen knietief im Schnee und geben sich alle Mühe, malerisch auszusehen. Es gelingt. Es ist Friede in Marzahn. Falko Müller
Gärten der Welt im Erholungspark Marzahn,
Eintritt 2 Euro, bis Februar: 9-16 Uhr
Im Japanischen Bad: Auf meiner Reise nach Japan kann ich meine Augen nicht von den Eisblumen lassen, die die Fensterscheiben unseres Wagens verzieren. Verdammt noch mal, was ist es kalt! Es sind 100 Meter Fußweg zuviel, die wir vom Auto zurücklegen müssen bis zum kleinen Stück Asien, das sich Ruhepool nennt. Man kann hier in japanische Badetradition eintauchen. Um sich innerlich zu reinigen und zu entspannen, besuchen Japaner öffentliche Badehäuser. Dort sind kleine Boxen mit heißem Wasser gefüllt, das den Körper zum Schwitzen bringt. „Das Bad ist die japanische Antwort auf unsere Saunakultur“, sagt Physiotherapeutin des Ruhepool, Andrea Karlova. Das Stückchen Japan gehört uns ganz allein, wenigstens für einige Stunden.
Ausgestattet mit einem Glas warmen Ingwerwasser werden wir in unsere großzügige nach Kräutern duftende Nasszelle hineingeführt. Allerdings müssen wir versprechen, unsere Alltagssorgen vor der Tür zu lassen. Klingt albern, fällt aber nicht schwer.
Aus den Lautsprechern tönt Northern Soul von Thomas Dybdahl – unjapanisch, aber schön. Es ist Zeit: Wir tauchen ein in die mit 40 Grad warmem Wasser gefüllten Badeboxen, uns wird warm, heiß, wir beginnen zu schwitzen, das Herz zu rasen. Man muss viel trinken, also gieße ich mir ein Glas Ingwerwasser nach dem nächsten voll. Nach 30 Minuten ist mein Kopf tatsächlich vollkommen leer, nichts geht mehr – die kalte Dusche erfrischt.
Wir ruhen eine halbe Stunde im Entspannungsraum, ich schlafe auf dem Futonbett, eingehüllt in einen flauschigen Bademantel, ein. Nach der Massage möchte ich nie wieder aufstehen. Franziska Klün
Winsstraße 69, Prenzlauer Berg, tägl. 8-24 Uhr, Tel 41 71 73 74, www.ruhepool-berlin.com,
für zwei Personen mit Massage 95 Euro
In der Tikki-Bar: E komo mai“ heißt mich eine Südsee-Schönheit mit langem schwarzen Haar willkommen und serviert mir einen Menehune-Cocktail. Der Legende nach erscheinen einem schon nach dem ersten Schluck wirklich Menehune, hawaiianische Wichtelmänner, die den Menschen Gutes tun.
Über mir: der blaue Nachthimmel. Neben mir: eine mächtige Tiki-Statue aus Holz. Hinter mir: eine satte grüne Palme. Vor mir: ein Bananenbaum. Ich lehne mich in meinem Korbsessel zurück, nehme einen kräftigen Zug aus dem Strohhalm und lausche den Ukulele-Klängen von Israel Kamakawiwo’Ole’s Version von „Somewhere Over The Rainbow“. An den Wänden hängen Fischernetze, Seefahrer-Lampen, ozeanische Fischreusen und geschnitzte Götzen-Masken aus Palmenholz, die mich mit ihren riesigen Mündern frech angrinsen.
Der Duft nach exotischen Speisen und Kokos steigt mir in die Nase. Am Nebentisch gibt’s Beef Cho Cho, gebeiztes Rindfleisch in einer süß-scharfen Pflaumensauce, das am Tisch fertig gegrillt wird. Geister sehe ich zwar noch nicht, nicht einmal Wichtelmänner, aber die polynesischen Dekorationen scheinen im schummrigen Halbdunkel nun noch eine Spur geheimnisvoller. Der Südseezauber hat mich vollends in seinen Bann gezogen.
Ich ziehe meinen Pullover aus. 24 Grad im Januar und von Winter-Blues keine Spur. Gleich torkelt bestimmt ein Matrose auf Landgang in die Bar, mit einer exotischen Südseeperle im Arm. Nach einem „Bahia“ und einem „Honolulu“, zwei fruchtig-süßen Rum-Cocktails, in denen sich Hochprozentiges mehr als geschickt versteckt, sehe ich leider weder Wichtelmänner noch leicht bekleidete Matrosen. Dennoch glücklich und zufrieden verlasse ich diese Oase des Fernwehs.
Eisiger Wind peitscht mir ins Gesicht und holt mich unsanft zurück in die Realität. Ich befinde mich wieder auf Berlins Gendarmenmarkt und hinter mir fällt die Tür zum Trader Vic’s ins Schloss. Carina Schulz
Trader Vic's Mai Tai Bar im Hilton,
Mohrenstraße 30, Mitte
Tel. 20 23 46 05, www.tradervics.com
Tiki Heart Café, Wiener Straße 20, Kreuzberg,
Tel. 61 07 47 03, www.tikiheart.de
Tiki Brett, Straßburgerstr. 60, Mitte
www.myspace.com/taboutikiroom
In der Sternwarte: Per aspera ad astra – wer zu den Sternen will, muss sich warm anziehen: Das Teleskop in der Archenhold-Sternwarte im Treptower Park steht im Freien, weil man von dort den besten Blick aufs Firmament hat. Also besser Mütze, Kapuze, lange Unterwäsche, zwei paar Socken und Handschuhe mitnehmen.
Dann kann man gefahrlos durchs Okular blicken, bis es warm ums Herz wird. Denn ein Abend beim Sternegucken ist ungefähr das Bezauberndste, was man zu zweit in einer klaren Winternacht tun kann: Man steht im Dunkeln, knutscht und darf sich am Himmel angucken: die Mondmeere – das Meer der Fruchtbarkeit, Meer der Begabungen und das Meer der Stürme – den Orionnebel mit einem Zwillingsstern dazwischen und natürlich das Sternbild des Jägers Orion, der immer noch die schönen sieben Schwestern, die Plejaden jagt. Dazu hört man Geschichten über griechische Mythen, über zerstreute Astronomen, die ein Leben lang einen Stern beobachten, und über die Ewigkeit. Denn wer in den Himmel guckt, guckt immer Lichtjahre zurück in die Vergangenheit, Richtung Urknall. Roooomantisch!
Leider ist man nicht ganz alleine am Teleskop, denn nur als Teilnehmer der Führung kommt man in die Kuppel. Während der Astronom das Dach öffnet, die Lichter dimmt und den Blick auf den Himmel freigibt, steht man dann zwischen 20 bis 30 anderen Sternenguckern – es ist halt wie im Kino: alle gucken zusammen, aber man tut so, als wäre man allein mit den Helden.
Über die Helden des Abends, die Sterne, kann man dabei noch unglaublich viel lernen, denn die kundigen Astronomen erklären gerne, wie man das Gewicht der Sterne misst, die Entfernungen kalkuliert und warum die basaltbedeckten Tiefebenen auf dem Mond Meere heißen. Außerdem erzählen sie die Geschichte der Sternwarte, die im Kaiserreich begann, in der DDR als Kulturinstitution im Rang eines Theaters weiterging und heute als Teil des Museums für Technik andauert. Ihr Prachtstück ist das längste bewegliche Linsenfernrohr der Erde (21 Meter), das von dem beharrlichen und ein wenig größenwahnsinnigen Studenten Friedrich Simon Archenhold 1896 entworfen wurde, fast rechtzeitig zur Berliner Gewerbeausstellung. Rechtzeitig bevor die Zehen allzu kalt werden, sollte man sich dann in die Eierschale Zenner flüchten, da gibt es dann heißen Tee. Daniel Boese
Archenhold Sternwarte, Alt-Treptow 1, jeden
Freitag 20 Uhr während der Winterzeit, bei
bedecktem Himmel Vortrag im Kleinplanetarium,
Tel. 534 80 80, 5 Euro
Links zu allen Berliner Sternwarten: www.zitty.de/sternwarten
Nackt im Schlosshotel: Der Blick reicht über weites, unwirtliches Flachland, kalt sticht der Wind auf der Haut, unter den Füßen liegt der unbefestigte Boden schmutzig vereist und weit und breit keine Spur von Zivilisation. Brandenburg im Winter – das ist mehr Dostojewski als Fontane und nur zu ertragen, wenn als Kontrast zu dem schroffen Naturerlebnis eine behagliche Unterkunft Zuflucht bietet – am besten in einem der vielen Herrenhäuser oder Schlösser, die im Winter mit spottbilligen Angeboten die Nacht in fürstlichem Prunk auch für Gemeine erschwinglich machen.
Im Idealfall ist die Unterkunft mit einer kleinen Sauna ausgerüstet, wie zum Beispiel das Schlosshotel in Rühstädt. Das hat neben seiner für die Prignitz typischen verlassen-spröden Umgebung weder eine Küche, um Gäste zu bewirten, noch irgendwelche Attraktionen. Mit ein bisschen Glück ist man der einzige Gast, so dass die Verwalterin den Schlüssel und somit die Hoheit über das Schlosshotel aushändigt, bevor sie sich ins Gutshaus nebenan zurückzieht.
Essen und einen guten Wein hat man sich selbst mitgebracht, die Sauna ist bereits vorgeheizt. Nach einem ausgedehnten Winterspaziergang taut man dort bei 90 Grad schnell wieder auf. Eine kalte Dusche danach kann man sich theoretisch schenken: Die langen mit dicken Teppichen ausgelegten Korridore, die zurück zum Zimmer führen, werden zwar beheizt, sind aber durch die dicken Schlossmauern immer ein wenig kühl.
Liebe Frau Verwalterin, natürlich sind wir bei unserem letzten Aufenthalt nicht immer wieder und wieder nackt durch diese Gänge gerannt, im sicheren Bewusstsein, dass die einzigen Zeugen, die in schwere Rahmen gefassten Ölporträts Ihrer Ahnen, nichts ausplaudern würden. Natürlich haben wir uns diese Schamlosigkeit nicht erlaubt. Aber wenn wir uns das nächste Mal anmelden, sagen Sie doch bitte gleich, ob wir die einzigen Gäste sind, dann können wir uns die Bademäntel sparen. Kai Röger
Die Nacht für zwei kostet 59 Euro mit Frühstück.
Im Klanguniversum: Omnamahschiwaja… tönt es aus vielen Kehlen um mich herum. Ich habe schon einige Yogastunden hinter mir, als ich meinen ersten Satsang besuche – eine Gruppenmeditation mit Mantrasingen. Ich sitze mit gekreuzten Beinen und geschlossenen Augen auf dem Boden und stelle mir vor, wie peinlich es wäre, wenn meine Mutter mich jetzt sehen könnte. Wahrscheinlich würde sie fürchten, mich demnächst, ganz in Orange, singend und bettelnd in einer Fußgängerzone anzutreffen.
Langsam lässt das Gefühl der Peinlichkeit nach. Die Gesänge sind irgendwie schön. Ein bisschen eintönig und sehr eingängig. Gesungen werden Sanskrit-Verse, eine Art kleiner Gebete. Ich verstehe die Worte nicht, dennoch kommen sie mir vertraut vor. Sanskrit, eine der ältesten Sprachen der Welt, wird auch Devanagari genannt, die Sprache der Götter. Ihre Silben, so glauben die Yogis, transportieren mystische Energie. Sie zu singen, erzeugt Schwingungen in Körper und Seele, die den Geist beruhigen und ihn mit göttlicher Energie erfüllen. Nicht versuchen, im Textbuch mitzulesen, rät der Lehrer, sondern intuitiv erfassen, einfach singen.
Wenn ich schon einmal hier bin, kann ich es auch versuchen. Zunächst ganz leise, dann zunehmend mutiger, singe ich die fremd-vertrauten Beschwörungsformeln. Nach einer Weile fühlt es sich richtig gut an, besser als unter der Dusche zu singen. Und als die Töne des Harmoniums verklingen, die Stimmen um mich leiser werden, schließlich ganz verstummen, bemerke ich erstaunt, dass ich die letzten – ja, wie lange war es eigentlich, zehn Minuten oder zwanzig? – nicht nur nicht an meine kritische Mutter gedacht habe, sondern auch an sonst nichts. Mein permanent Gedanken produzierender, nervöser Geist hat tatsächlich einfach Ruhe gegeben. Ich fühle mich richtig erholt. Entspannt und leise vor mich hinsummend trete ich hinaus und schwebe, unberührt von der Großstadthektik um mich herum, nach Hause. Bettina Homann
Gruppenmeditationen erfordern keine Anmeldung und kosten kein Geld, Spenden werden aber gerne
angenommen, in Berlin unter
anderem bei: Sivananda Yoga Zentrum, Schmiljanstr. 24, Schöneberg, Mi 20-22 Uhr, Sa, So 18-20 Uhr
Home Yoga, Friedrichstr. 122, Mitte, Sa, So 18 Uhr
Yoga Loft, Brunnenstr. 29, Mitte, So 18.45 Uhr
Beim Fünfuhrtee: Großen Genuss aus fast nichts zu zaubern, das ist das Geheimnis der Teestunde. Heißes Wasser, ein paar Kräuter und etwas Zuckerkram – damit den Nachmittag zu verbringen, ist das Beste, was die Briten sich je ausgedacht haben (außer den Beatles vielleicht.) Die elaborierteste Teestunde wird im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz geboten. Gleich hinter der großen Freitreppe stehen einige Sessel mit dicken Polstern und ein paar ausladende Sofas, dazwischen huscht eine Teedame in fernöstlichem Gewand umher, sie bringt heißes Wasser in großen Porzellankannen. Ich suche mir einen Platz und dann beginnt die Show.
Erst darf ich an der Duftbox die verschiedenen Tees schnuppern und entscheide mich dann für einen Summer-Darjeeling. Danach kommt der Tee, ein Tellerchen und die Etagere: drei Teller mit Petit Fours und Sandwiches. Den Sandwiches ist fein säuberlich die Kruste entfernt worden (das mögen die so, die Briten), belegt sind die Toastscheiben mit Gurken und Thunfisch. Aus der Teestunde wird aber erst durch die Teedame ein Ritual. Sie legt mir erst zwei Sandwich-Viertel auf. Drei Minuten später schenkt sie nach. Sieben Minuten später fragt sie, ob ich jetzt die anderen zwei Viertel essen möchte. Ich möchte. Die Zeit dehnt sich. Drei Augenblicke später schenkt die Dame nach. Irgendwann darf ich endlich in die Madeleine beißen. Nach über eine Stunde dann die Frage, ob ich jetzt bereit bin für die Scones. Ich bin.
Die Scones, kleine schöne Brötchen, sind der Höhepunkt. Ihre Begleitung sind ein kleiner Berg Clotted Cream, luftig dicke Sahne, und drei Gläschen Marmelade. Wenn jetzt noch der verrückte Hutmacher mit dem Kaninchen im Schlepptau auftauchen würden, wäre das auch kein Wunder mehr. Daniel Boese
Tea Lounge, Ritz Carlton, Potsdamer Platz 3, Tiergarten, Afternoon Tea, So-Fr 14-18.30, Sofas reservieren: Tel. 337 776 340, 28 Euro
Am Schreibtisch: Stopp. Wer meint, keine Zeit für Entspannungsübungen zu haben, ist bereits stressgefährdet. Denn was nach Krankenkassenheft klingt, ist absolut notwendig, sonst droht schleichender Niedergang wie Magenbeschwerden oder schlichtes Umkippen, egal wo. Freiberufler sind offensichtlich besonders gefährdet, vor allem ab Mitte 30. Ist es erst einmal so weit, hilft nur die Reset-Taste für den Lebensstil. Weitaus weniger aufwändig ist es, vorzubeugen. Neben den Basics wie genügend Schlaf und Bewegung, Freude an Arbeit und Privatleben (aber das ist ein anderes Kapitel) gibt es niedrigschwellige Möglichkeiten, die aus dem Hamsterrad helfen:
Mini-Pausen. Aufstehen, Umhergehen, Schultern und Nacken lockern. Fenster auf, raus schauen. Was glauben Sie, wie egal den Leuten da draußen Ihr dringendes Projekt ist.
Mini-Pressur. Mit den Mittelfingern die beiden Punkte zwischen Augenbrauen und Nasenwurzeln finden, die ein wohliges Kribbeln auslösen, und 30 Sekunden drücken. Wer zu gähnen beginnt, hat getroffen.
Mini-Massagen. Ohrenränder zwischen Daumen und Zeigefinger reiben, vom Ohrläppchen nach oben, mit Zeige- und Mittelfinger hinter dem Ohr hinunter streichen. Und da capo. Oder den Kopf ohne Shampoo und Wasser shampoonieren.
Mini-Diät. Statt Kaffee, Zigaretten, Süßkram (Koks, Speed etcetera) kurz spazieren gehen oder einen Zehnminutenschlaf halten (Küchenuhr).
Mini-Reisen. Mit geschlossenen Augen eine ruhig stimmende Landschaft imaginieren. Stellen Sie sich auch Gerüche und Geräusche vor, und wenn das Bild vom Meer nach 15 Minuten langweilig wird, darf auch mal ein Schiff von rechts nach links dümpeln. Oder blicken Sie von oben auf Ihren momentanen Aufenthaltsort und fliegen immer höher, wie ein Satellit, der ins All aufsteigt. Wenn dann beispielsweise am 20. Januar Washington und Obamas Vereidigung ins Bild rücken, scheinen Ihnen womöglich Ihre restlichen 34 liegengebliebenen Emails nicht mehr ganz so weltbewegend. Andere haben viel mehr zu erledigen.
Üben und Ausprobieren, täglich drei mal fünf Minuten in verschiedenen Variationen, bis Sie die passenden Etüden gefunden haben.
Und um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, nachlässig zu arbeiten. Im Gegenteil: Entspannt und mit einem Blick für die Relationen der Dinge lassen sich diese viel konzentrierter und genauer erledigen. Egal, ob Sie die Bilanz für Ihren Chef machen, ein Buch schreiben oder Staub saugen. Claudia Wahjudi
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