- Artikel
- 13.01.2009
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RAW-Tempel: Was die da machen, ist falsch
Bei den winterlichen Temperaturen ist es sogar den Sprühern zu kalt, die sonst an den nackten Wänden üben. Die Hallen liegen verlassen da, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Nur im Club Cassiopeia brennt Licht, aus dem Schornstein steigt Rauch auf. Das unübersichtliche RAW-Gelände liegt zentral zwischen S-Bahnhof Warschauer Straße und dem Kneipenviertel an der Simon-Dach-Straße. Es ist eine der letzten großen bebaubaren Flächen in der Innenstadt. Über 70.000 Quadratmeter Platz für urbanes Leben. Wie das aussehen soll, darüber gehen die Meinungen jedoch weit auseinander. Auf der einen Seite stehen Moritz Müller und Klaus Wagner von der R.E.D. Berlin Holding, die das Gelände entwickeln wollen. Ihr Auftraggeber ist die isländische Firma Kapital North, die das Gelände mit Hilfe isländischer Banken gekauft hat – ein Jahr vor der Finanzkrise. Auf der anderen Seite kämpfen die derzeitigen Mieter. Sie haben sich in der Interessengemeinschaft Revaler 5Eck zusammengetan und wollen in die Pläne integriert werden.
Trotz der Krise will die R.E.D. eine Öko-Utopie realisieren. „Wir planen ein Fairtrade-Zentrum. Daneben autofreies Wohnen für Familien, alles umweltfreundlich und CO2-neutral mit Geothermie und Solarzellen“, sagt Wagner. Er redet schnell, möchte überzeugen, kann nicht nachvollziehen, dass sein Konzept auf Widerspruch stößt. Andrea Taha spricht für die Mietergemeinschaft. Die resolute Frau um die 40 formuliert sachlich, aber bestimmt. Sie glaubt nicht an die guten Absichten der Investoren: „Mit Fairtrade ist ein Kaufhaus von C&A gemeint.“ Und C&A, das gibt sie zu verstehen, würde nicht passen in das latent oder offen anti-kommerzielle Umfeld des RAW-Geländes, wo in den letzten zehn Jahren verschiedenste Idealisten, Abenteurer und Lebenskünstler ihre Träume verwirklicht haben.
Reichsbahnausbesserungswerk Franz Stenzer, ein sperriger Name für eine Eisenbahnwerkstatt. 127 Jahre lang, von 1867 bis 1994 wurden in den Hallen Lokomotiven und Waggons überprüft. Ein Ort der Industriegeschichte, ein Ort wo mehr als ein Jahrhundert lang schwer gearbeitet wurde. Im Jahr 1867 fuhren noch die Züge des preußischen Königs. Im Zweiten Weltkrieg mussten Zwangsarbeiter Kriegsschäden an den Loks beseitigen. In der DDR schufteten mehr als tausend Arbeiter im größten Ausbesserungswerk der Reichsbahn. Erst nach der Wende wurde der Betrieb eingestellt.
„Das war alles in einem katastrophalen Zustand, als wir hier 1998 ankamen“, erzählt Udo Glaws vom Vorstand des RAW-Tempels. In dem Verein tummeln sich sehr unterschiedliche Kulturprojekte. Bildhauer, Musiker, Maler und Punks leben und arbeiten in vier Gebäuden an der Revaler Straße. Es ist eine bunte Gemeinschaft, die sich da zusammengefunden hat. Wer Künstler ist, und wer nur in Ruhe sein Bier trinken will, lässt sich nicht immer genau unterscheiden. Im Sommer spielen afrikanische Trommelgruppen am Lagerfeuer, im Gerätelager treten Bands auf, das Beamtenwohnhaus dient als Atelier, Arbeits- und Gästehaus.
Klaus Wagner von der R.E.D. kann der kleinen Insel der Alternativkultur nicht viel abgewinnen. Auch er will ein belebtes Gelände – aber einen anderen Grad der Professionalität. Das RAW-Gelände schreckt ihn ab: „Da werden Drogen konsumiert, überall liegen Flaschen rum. Ich bin ein sozialer Mensch, mein Vater hat sich für eine Wagenburg in Frankfurt engagiert. Doch was die da machen, ist falsch.“ Außerdem seien Freiräume zwar wichtig, aber sie müssten vom Steuerzahler finanziert werden, nicht von einer privaten Firma.
Tobias Freitag hat sich seinen Freiraum ohne Steuergelder geschaffen. Der passionierte Skater sieht mit den glatten langen Haaren und dem jugendlichen Gesicht ein wenig aus wie ein freundlicher Schuljunge. Vor zehn Jahren kam der 31-Jährige aus Münster nach Berlin. Die verwilderte Industriebrache war der perfekte Abenteuerspielplatz. Doch Freitag wollte nicht zwischen Ruinen rumhängen. Er packte mit Freunden an, schaffte den Schutt beiseite. Stück für Stück wurde aus einem Teil des Geländes ein idyllischer Garten, Club und Skatertreff. Es gibt nichts Vergleichbares in Berlin – zumal der Skatertreff Mellowpark in Köpenick akut von der Schließung bedroht ist. Freitag würde gerne an Ort und Stelle bleiben, hat einen eigenen Architekten beauftragt, der die Halle in das Gesamtkonzept von R.E.D. integrieren soll. Der Investor aber will die Skatehalle an den Rand verlagern, um Platz für Wohnhäuser zu schaffen. Verschwinden soll auch der Kletterturm nebenan, ein Kegelbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, das Wahrzeichen des Geländes.
Die R.E.D. verspricht zwar eine Zusammenarbeit mit den Mietern. Doch ein Mietvertrag kam bislang nicht zustande. Dem RAW-Tempel wurde zum 15. Dezember vorigen Jahres gekündigt, auf ein Kaufangebot hat R.E.D. bislang nicht reagiert. Eine Hoffnung der gegenwärtigen Nutzer hat sich jedenfalls zerstreut: dass sich ihre Sorgen mit der Finanzkrise in Luft auflösen würden. Zwar stehen hinter der R.E.D. Investoren aus Island, das bekanntlich besonders hart vom Zusammenbruch der Kreditwirtschaft getroffen wurde. Aber die R.E.D. scheint nicht von ihren Plänen abzurücken – nur der Zeitplan dürfte sich ändern.
Daher wirbt man nun Zwischennutzer an. Paradoxerweise ähneln diese den Mietern, die schon jetzt auf dem Gelände sind. Im März eröffnet im ehemaligen Kultursaal eine der größten Konzerthallen in Friedrichshain mit knapp 1.000 Stehplätzen. Die R.E.D. nennt Thorsten Brandt vom Lido als Betreiber. Auch andere Quellen nennen seinen Namen – Brandt allerdings dementiert auf Nachfrage der zitty, dass er nach Friedrichshain expandieren will. Anwohner erzählen von sehr aufwendigen Bauarbeiten. Fest steht, dass die Konzerthalle mehrere Jahre bleiben soll.
Doch nicht nur Konzertgänger werden in den nächsten Jahren das RAW-Gelände bevölkern. Vor der Eröffnung steht auch ein neuer Club für rund 2.000 Gäste. Auch hier sind altbekannte Profis am Werk. Bis 2004 betrieben sie den Technoclub „Casino“ an der Mühlenstraße, der für seine besonders langen Partys berüchtigt war. Da, wo irgendwann Mal eine Fairtrade- und Biosiedlung entstehen soll, wird also vorerst getanzt, gefeiert und getrunken. Man könnte es auch die Berliner Lösung nennen.
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Kommentare
RAW-Gelände
Vorsicht vor der R.E.D. und Möritz Müller und Klaus Wagner und den bankrotten Isländern. Gutes Beispiel: Blücherstr. 31 a - 32.Begonnen mit großen Versprechungen,dieses alte schöne Fabrikgebäude in Luxuswohnungen umzuwandeln, jetzt ist es eine Ruine. Investor pleite.
artep 14.01.2009 21:20 UhrIhr Kommentar
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