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- 28.05.2009
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Stefan Nowack: "Deutschland war schon mal besser"
In ihrem früheren Leben waren sie Ingenieure, Krankenschwestern, Facharbeiter – in Deutschland angekommen können sie froh sein, wenn sie einen Putzjob bekommen. Tausende von Einwanderern in Deutschland können nicht in ihrem Beruf arbeiten, weil ihre Qualifikationen nicht anerkannt werden – obwohl gerade in ihren Spezialgebieten eigentlich dringend Arbeitskräfte gesucht werden. Kaum jemand hat sich in Deutschland länger mit dieser Thematik beschäftigt als Stefan Nowack. Bereits in den 80er Jahren war er als Ausländerbeauftragter bei der Bundesanstalt für Arbeit beschäftigt. Heute leitet er das Kompetenzzentrum „Kumulus plus“ das sich an Erwachsene mit Migrationshintergrund richtet und deren Integration in den ersten Arbeitsmarkt zum Ziel hat.
Knapp 40 Prozent der Berliner mit Migrationshintergrund haben keinen Job. Hat die Gesellschaft versagt?
Viel Versagen liegt sicher in der Vergangenheit, aber auch die Gegenwart ist nicht befriedigend. Der massive Abbau industrieller Arbeitsplätze in Berlin nach 1989 spielt hier eine große Rolle. Wenig bekannt ist, dass die ersten Einwanderer vielfach Akademiker waren, die dann hier im niedrig qualifizierten industriellen Bereich gearbeitet haben, zum Beispiel am Fließband. Niemand hat sich in der Zeit um sie gekümmert. Einige von dieser ersten Generation haben später jedoch jene Firmen gegründet, die heute in Berlin mehrere Milliarden Euro pro Jahr umsetzen.
In Deutschland fehlen Fachkräfte, etwa im Gesundheitswesen, gleichzeitig sind qualifizierte Migranten arbeitslos. Wie kann man das ändern?
Viele Einwanderer, die in den letzten 20 Jahren nach Berlin gekommen sind, verfügen über eine berufliche Qualifikation oder sogar eine akademische Bildung, die aber aufgrund der Unterschiedlichkeit der Bildungssysteme hier nicht anerkannt wird. Wir und unsere Projektpartner arbeiten in der Beratung die individuellen Ressourcen heraus.
Falls die Ausbildung nicht anerkannt wird: Muss dann ein Facharbeiter seine gesamte Ausbildung nachmachen?
Wenn es in der Beratung möglich ist, ein Profil der bisherigen Berufsausübung klar herauszuarbeiten und übersetzte Zeugnisse vorliegen, kann man so genannte Berufserprobungen durchführen, um die Chancen der betrieblichen Integration zu erhöhen. Die Erprobungen können bei Trägern der beruflichen Bildung, die über Werkstätten oder Büros verfügen, durchgeführt werden. Mit dieser Expertise kann man sich auf entsprechende Jobs bewerben.
Was geschieht mit Ärzten oder Ingenieuren, die mancherorts dringend gesucht werden?
Alle Ärzte, deren ausländisches Studium hierzulande anerkannt worden ist, müssen ihre Approbationszeit nachleisten. In Sachsen und Brandenburg gab es wegen des Ärztemangels auf dem Land öffentlich geförderte Approbationszeiten. Berlin hat das bisher nicht gemacht. Ein ausländischer Universitätsabschluss wird übersetzt und bei der Berliner Bildungsverwaltung eingereicht, die eine Stellungnahme dazu verfasst. Da heißt es dann zum Beispiel: Eine Gleichstellung mit einem Berliner Abschluss ist möglich – oder nicht. Mit dem übersetzten Zeugnis und dieser Stellungnahme kann man sich bewerben. Alles Weitere kommt auf den Betrieb an.
Welche Chancen haben die Ingenieure dann auf dem Arbeitsmarkt?
Ein Beispiel: Frau russischer Herkunft, abgeschlossenes Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitet als Putzfrau am Flughafen Tegel. Die Herausforderung ist, sie so zu ermutigen, dass sie wieder in ihrem Fachgebiet tätig wird. Unser Partner Life e.V., der speziell mit derart qualifizierten Frauen arbeitet, ist spezialisiert auf die Industrie und deren Umfeld der erneuerbaren Energien. Mit der in Berlin ansässigen Industrie, mit Unternehmen im Umland und im Norden des Landes und deren Zulieferern haben wir bisher gute Erfahrungen gemacht. Das sind die Arbeitsmärkte der Zukunft.
Was aber geschieht mit den Jugendlichen?
Beinahe jedes fünfte Einwandererkind bricht die Schule ohne Abschluss ab, 40 Prozent machen keine Berufsausbildung. Wir waren in der Tat schon mal besser. Bis Anfang der 1990er Jahre lag der Anteil von Jugendlichen aus Einwandererfamilien in der beruflichen Erstausbildung bei neun Prozent, heute liegt er bei drei Prozent. Die Konkurrenz ist gestiegen, gleichzeitig ist die Zahl der Ausbildungsplätze trotz anders lautender Meldungen prozentual zur Zahl der Schulabgänger nicht wesentlich gestiegen. Das wird sich in den kommenden Jahren wahrscheinlich ändern. Das Durchschnittsalter beim Einstieg in eine berufliche Erstausbildung liegt seit Jahren in Berlin bei 19 Jahren. In der Debatte sind wir eher an Schwächen als an Stärken orientiert, das muss sich ändern. 22 Prozent der Jugendlichen aus Einwanderfamilien sind Gymnasiasten. Ich erwähne das deshalb, weil die Ermutigung durch Vorbilder, die Motivation, einer der wichtigsten Faktoren ist.
Wie kann man diese Motivation fördern?
Wichtig ist die Unterstützung in der beruflichen Orientierung. Die Jugendlichen müssen erst einmal herausfinden, was genau ihre Interessen sind. Ein wichtiges Signal ist auch der Plan des Berliner Senats, die Anzahl von Auszubildenden aus Einwanderfamilien im öffentlichen Dienst und in den Eigenbetrieben entscheidend zu erhöhen.
Warum gelingt es den Schulen nicht, den Jugendlichen Orientierung zu geben?
In Berlin werden zurzeit an den Schulen die unterschiedlichsten Angebote einer Berufsorientierung durch externe Anbieter realisiert. Die Berufsorientierung an vielen Berliner Schulen ist nicht gut abgestimmt. Es gibt keine gemeinsame Strategie. Dazu kommt: Früher war die Berufsberatung fester Bestandteil in den Schulen. Mit der Umgestaltung zur Arbeitsagentur hat die Berufsberatung an den Schulen erheblich an Raum verloren. Das soll jetzt wieder geändert werden, aber diese Veränderung wird einige Zeit in Anspruch nehmen.
Viele Migrantenorganisationen bieten Projekte zur Aus- und Weiterbildung an, in der Regel für Mitglieder ihrer Community. Ist das sinnvoll?
Für Jugendliche, die aus der Schule kommen und eine berufliche Orientierung suchen, sind mono-ethnische Angebote nicht sinnvoll. Es ist wichtig, dass solche Angebote für alle offen sind, auch für deutsche Muttersprachler, damit ein Miteinander möglich ist. Es macht keinen Sinn, Jugendliche in einer Sprachgruppe zusammenzustecken, so dass sie sich möglicherweise wieder in ihrer Muttersprache unterhalten und ihr Deutsch nicht ausprobieren können. Auch der sichere Umgang mit der Schriftsprache spielt eine wesentliche Rolle.
In Sonntagsreden ist gerne von zusätzlichen „Soft Skills“ die Rede – Migranten brächten eine zusätzliche Qualifikation mit, weil sie in verschiedenen Kulturen aufwachsen. Was ist dran?
Das Thema wird je nach Interessenlage unterschiedlich interpretiert und teilweise überfordert. Kulturelle Identität ist ein Teil der Persönlichkeit. Das muss aber nicht heißen, dass man über interkulturelle Fähigkeiten verfügt. Wissen über kulturelle Hintergründe, zu denen auch der soziale Umgang gehört, erleichtert den Zugang zu Menschen anderer Kulturen. Diese interkulturelle Kompetenz ist ein Ergebnis von persönlicher Bildung und der Fähigkeit über den eigenen Tellerrand zu blicken. Dazu kommt die eigene Neugier daran, sich mit anderen Verhältnissen zu beschäftigen.
Müsste man in Sachen Ausbildung die rund 20.000 Firmen in Berlin, die Migranten gehören, nicht stärker in die Pflicht nehmen?
Uns geht es nicht darum, zum Beispiel türkischstämmige Jugendliche in einen Betrieb mit türkischstämmigem Eigentümer zu vermitteln. Moderne Betriebe wollen das auch gar nicht. Sie wollen nach Qualifikation einstellen und nicht nach Herkunft.
weiterführende Informationen zum Kompetenzzentrum "Kumulus plus" finden Sie hier
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