Freispruch für Yunus und Rigo: Es geschah am 1. Mai

Foto: Kay Zimmermann
Johannes Gernert
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Jetzt haben wir euch, sagt der eine der beiden Männer. Sie packen Yunus K. und Rigo, seinen Freund, schieben sie an den gepanzerten Polizisten vorbei, stellen sie an die weiß-grüne Wanne. Hände auf den Rücken. Handschellen. Kopf nach rechts der eine, Kopf nach links der andere. Nicht sprechen! Jetzt haben wir euch. Jetzt geht ihr erst mal in den Knast.
Und Yunus denkt die ganze Zeit: Wie geht das? Und er versucht noch, diesem Mädchen etwas zuzurufen. Damit irgendjemand weiß, wo sie sind. Damit sie jetzt nicht einfach verschwinden. Kopf nach rechts. Ruhe! Wie geht das, denkt Yunus.

Yunus K.

Foto: Kay Zimmermann

1. Mai 2009, 21.45 Uhr, Kottbusser Tor. Ein Molotow-Cocktail ist geflogen. Ein Feuerstreifen in der Luft, der sich auf eine junge Frau herabsenkt. Sie brennt. Jemand wirft sich zum Löschen auf sie. Die verbrannte Haut muss später von ihrem Rücken entfernt werden. Ihr habt den geworfen, sagen die Zivilpolizisten zu Yunus und Rigo, dem Bruder seines besten Freundes. Zwei Waldorfschüler, der eine 19 Jahre alt, der andere 16, am Rande einer Demonstration, die zum Krawall geworden ist. Jetzt seid ihr dran. Und Yunus, mit diesem Pochen im Hals, wie Schläge aus seinem Innern, er denkt: Zeugen. Das Mädchen. Die anderen, von vorhin, mit denen sie da saßen, nur geschaut haben. Zeugen, denkt Yunus. Und: Wie geht das?
Dann bringen sie ihn in die Gefangenensammelstelle. Da steht er in einer Schlange, an deren Ende eine Sammelzelle wartet. Es ist eine lange Schlange. Es ist ein brutaler
1. Mai, einer der brutalsten. Die Polizeistatistik registriert 479 verletzte Beamten und 289 Festnahmen wegen Randalierens. Manche der jungen Männer in der Sammelzelle haben keine Augen mehr, in den Höhlen nur dicke, rote Eier mit Schlitzen. Einige kommen Yunus wie Krawallmacher vor, voll Bullenhass. Rigo ist woanders. Sie rauchen. Irgendwann wird Yunus nach draußen gebracht. Sie konfrontieren ihn mit dem Tatvorwurf: versuchter Mord. In seinem Hals pocht es noch schneller. Die wollen mir einen Mord anhängen. Einen Mord.  
Er bekommt eine Einzelzelle in der Jugendstrafanstalt Plötzensee. Von oben und unten klopfen sie gegen die Wände. Wie heißt du? Warum bist du hier? Seid ihr die vom 1. Mai, haben die Häftlinge gerufen, als sie durch die Gänge geführt wurden. Die vom 1. Mai. Die mit dem Bullenhass. Helden des Knastalltags. Yunus ist in dem Moment einer von ihnen, ob er will oder nicht.
Er liegt auf seiner Pritsche und schaut dem Schatten zu, wie er an der Wand vor dem Fenster hinabwandert. Von oben nach unten. Tag für Tag. Der Haftrichter hat entschieden, dass er hier bleiben muss. Fluchtgefahr. Yunus liest Perry Rhodan und versucht, an etwas Schönes zu denken. Interrail-Urlaub, Frankreich, Griechenland. Eine Woche lang lässt das Pochen im Hals nicht nach. Immer wieder fällt ihm die Walpurgisnacht vor zwei Jahren ein. Wie er mit anderen am Boxhagener Platz in Friedrichshain ist, wie eine Bierflasche fliegt, wie sie ihn auf den Boden werfen, wie er mit voll gepissten Boxershorts weggebracht wird. Wie er sagt, nein, er war es nicht. Wie er dann verurteilt wird, trotzdem. Und jetzt versuchter Mord. Ich war es nicht, sagt er wieder.
Was ist eigentlich links, fragt der Gefängnispfarrer? Keine Ahnung, denkt Yunus. Ist er links? Weil er manchmal zu Demos geht? Weil er eine Arbeit über Martin Luther King geschrieben hat? Weil er von Moral spricht und darüber diskutiert, wann Gewalt okay ist und wann nicht – bei Soldaten, die töten? Weil er manchmal in Kneipen sitzt, in denen andere junge Menschen sind wie er, die noch nicht alles als selbstverständlich hinnehmen?
Genau vier Monate nach seiner Festnahme beginnt im Landgericht Berlin der Prozess. Der Staatsanwalt hat ihm in der Zwischenzeit erlaubt, die fehlenden Prüfungen für sein Abitur zu machen. Russisch, Englisch, Deutsch, Geografie. Freigang bekommt er dafür nicht. Als ihm sein Lehrer anfangs Bücher bringen will, sagt einer von den Schließern: Chaoten brauchen keine Bücher. Das ist er für Menschen in Uniformen: ein Chaot. Ob er will oder nicht.
Er darf jetzt mit den anderen auf den Hof. Junge Leute, die geklaut haben, geprügelt, geraubt, totgeschlagen. Manche werden hergebracht, seit sie 13 sind oder 14. Immer wieder. Er hat ihnen seine Geschichte erzählt. Unschuldiger, sagen sie zu ihm. Ein bisschen ironisch.
1. September, erster Prozesstag. Yunus und Rigo schildern, was am 1. Mai passiert ist. Obwohl sie sofort nach der Festnahme getrennt wurden und nicht mehr miteinander sprechen konnten, sind ihre Aussagen identisch. Sie haben sich zufällig getroffen, wollten etwas zu essen holen und brauchten dafür Geld. Sie gingen in Richtung Sparkasse, auf die Polizeikette zu, vor der sie festgenommen wurden.
Danach sagen die drei Beamten aus, die Yunus und Rigo erkannt haben wollen. Sie werden seit Jahren für verdeckte Ermittlungen am 1. Mai eingesetzt. Ihre Aussagen widersprechen sich. Sie beteuern aber: Die waren es. Einer der verdeckten Ermittler erinnert sich, bei der Festnahme seien Yunus und Rigo völlig überrascht gewesen. Im Fernsehen sagt der Oberstaatsanwalt für Kapitalverbrechen, der als fair und fähig gilt, dass kein Zweifel an der Darstellung der Polizei bestehe.
In den folgenden Wochen häufen sich aber die Zweifel. An der Kleidung von Yunus und Rigo finden sich keine Spuren von Benzin oder Brandbeschleuniger. Es melden sich Zeugen, die behaupten, den Wurf des Molotow-Cocktails gesehen zu haben. Yunus und Rigo seien es nicht gewesen. Die Verteidigung findet nach einem Aufruf weitere Entlastungszeugen und zeigt andere Verdächtige an, die auf einem Foto vom Tatabend zu sehen sind und Rigo und Yunus ähneln. Am 15. September beantragen die Verteidiger, Yunus und Rigo aus der U-Haft zu entlassen. Abgelehnt.

Yunus K.

Foto: Kay Zimmermann 

Es ist doch alles so klar, denkt Yunus nach jedem Prozesstag. Vor seinem Zellenfenster halten andere Häftlinge eine Ausgabe der Boulevardzeitung „B.Z.“ hoch, die die Widersprüche auflistet. Unschuldiger, rufen sie, du bist ja wirklich unschuldig.
Die Zweifel werden lauter, die Zeitungsreporter kritischer. An der Waldorfschule in Mitte, die Yunus besucht hat, diskutieren sie in fast jeder Lehrerkonferenz darüber, was von der Sache zu halten sei. Anfangs sind manche skeptisch. War er es wirklich nicht? Je länger der Prozess dauert, je mehr Widersprüche auftauchen, desto größer wird die Anteilnahme. Er sei eigentlich immer Everybody’s Darling gewesen, sagt sein langjähriger Klassenbetreuer Christoph Liebherr. Kein Radikaler. Eher ein Vermittler. Die Schule gibt eine Protesterklärung heraus, Jugendverbände von SPD und Grünen erklären ihre Solidarität, der Grünen-Abgeordnete Christian Ströbele besucht den Prozess. Ganze Schulklassen erscheinen und diskutieren. Warum scheint die Aussage eines Polizisten so viel mehr wert als die anderer Zeugen?
Kommentatoren fragen, wie politisiert das Verfahren ist. In der Stadt brennen ständig Autos, Verdächtige müssen während anderer Prozesse freigelassen werden, aus Mangel an Beweisen. Nach dem 1. Mai sind zwei Brandsatzwerfer verurteilt worden. Die Ermittlungserfolge wirken ansonsten dürftig. Wollen die Behörden die Verurteilung diesmal erzwingen?
Die Verteidigung stellt Befangenheitsanträge, der Staatsanwalt spricht von einer Unverschämtheit. Der Ton wird immer schärfer. Jemand ruft im Internet zum Mord am Staatsanwalt auf. Yunus und Rigo distanzieren sich sofort. Sie wachsen zu Symbolen für die Ungerechtigkeit der Justiz heran. Man druckt sie auf T-Shirts, wie Che Guevara. Es gibt eine Unterstützerbewegung, an den Schulen, in der linken Szene. Freiheit für Yunus und Rigo! Die Mutter einer Mitschülerin berichtet auf der Seite yunus-rigo-prozess.de über jeden Tag des Verfahrens.
Es zieht sich deutlich länger als bei Yunus’ erster Verurteilung. Das sei die Ausnahme. Im Normalfall laufe es wie damals, sagt seine Anwältin Christina Clemm, hennafarbene Haare, graue Schläfen, 14 Jahre Erfahrung mit Prozessen zum 1. Mai. Ein Polizist bezeugt eine Tat. Der Angeklagte wird verurteilt. Andere Zeugen zur Entlastung zu nominieren, kann Folgen für sie haben. Ist das Urteil gesprochen, wird schnell ein neuer Prozess wegen Falschaussage eröffnet. Gegen die Zeugen.
Diesmal läuft es anders.
Auf dem Tisch in seiner Zelle liegt seine Akte. Ein dicker Stapel Papier. Yunus liest immer wieder darin. Er sucht nach Widersprüchen. Er zeigt sie den anderen auf seinem Flur. Befass dich damit, sagen die Anwälte. Damit du nicht durchdrehst. Im Arbeitsgebäude sägt er Tiere aus Holzplatten. Schweine, Kühe, Enten, Hunde, Stiere. Einen ganzen Bauernhof. Beschäftigungstherapie.
Am 17. November, dem elften Verhandlungstag, lehnt die Richterin in einer elfseitigen Begründung die Anträge auf Freilassung ab. Es klingt für alle wie ein Urteil. Die zu erwartenden Strafen seien hoch, sagt die Richterin. Hoch könnte für Yunus fünf Jahre heißen. Es ist ruhig im Saal. Yunus zittert. Rigos Schwester fängt an zu schluchzen. Rigo, der Stillere von beiden, springt auf: „Man, dit reicht jetzt ma.“ In diesem Moment entlädt sich die Verzweiflung. Wie viele Entlastungszeugen, Entlastungsindizien denn noch? Rigo weint, Yunus weint. Im Saal rufen alle durcheinander. Die Richterin unterbricht die Verhandlung.
Bring dich nicht um, sagt der Afrikaner, der später wegen Körperverletzung mehrere Jahre bekommt, als Yunus zurück in Plötzensee ist. Wenn du was brauchst, sagt ein anderer, Gras, Handys, egal was. Ich besorg dir alles. Du musst nichts bezahlen. Sie haben manchmal geredet. Er soll was aus seinem Leben machen, hat Yunus ihm gesagt. Ich will nicht, dass du hier drin kaputt gehst, sagt der andere. Du bist kein Opfer. Yunus träumt nachts vom Knast. Er fliegt über die Dächer der Stadt. Ein Wärter ruft: Komm da runter.
Am 17. Dezember, genau einen Monat nachdem die Richterin die Haftbefehle nicht aufheben wollte, tut sie es doch. Damals haben Yunus und Rigo geweint, jetzt jubeln sie. Vor dem Saal werden sie fotografiert. Yunus macht ein Victory-Zeichen. Plötzlich sind sie frei. Es ist, als wäre ein Auto auf eine Mauer zugerast und kurz vor dem Aufprall zieht jemand die Wand weg. Drei Richter, zwei Schöffen. Auf einmal spricht das Gericht von Zweifeln. Wohl doch keine hohe Strafe, eher ein Freispruch. Wer ist umgekippt? Warum? Es gibt keinen ersichtlichen Anlass, seit dem 17. November nichts entscheidend Neues. Lag es an der Öffentlichkeit? Hatte Yunus diesmal einfach nur Glück? Ein Ermittler wird später berichten, wie überlastet die Polizei nach so einem 1. Mai sei.

Yunus K.

Foto: PM Cheung

Einige Tage nach der Freilassung laufen Yunus und Rigo auf einer Demo mit. Eine Demo für sie. Yunus besucht ein Treffen der Unterstützergruppe. Irgendwann muss er raus aus dem Raum. Alles nur für ihn. Dieser unglaubliche Aufwand. Was wäre bloß gewesen, wenn sich keiner interessiert hätte?
An einem verschneiten Winterabend, ganz am Anfang des Jahres 2010, sagt Yunus in einer Kreuzberger Kneipe freundlich Hallo. Er ist seit wenigen Wochen frei. Weihnachten war er zu Hause. Sein Händedruck ist fest, fast als müsste er gegen den Verdacht anpressen. Sein Blick ist offen, er lächelt höflich.
Yunus erzählt, dass er im Gefängnis viel über Journalismus gelesen hat. Objektivität. Über diesen einen Reporter, der immer nur aufschreiben wollte, was war. Dann erzählt er, was war. Aus seiner Sicht.
Der Staatsanwalt sieht das alles anders, immer noch. Wahrscheinlich ist das sein Job.
Am 28. Januar werden die Richter entscheiden.


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