- Artikel
- 29.07.2010
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Wir sind Helden: »Ooch, die olle Holofernes wieder ...«
Die vier Musiker schlugen ein wie eine Bombe: Als Wir sind Helden 2003 die ersten Titel veröffentlichten, hatten Kritiker und Konsumenten das Gefühl, endlich macht sich jemand wieder Gedanken in der Popmusik. Das Schlagwort „Protestband“ war in aller Munde – nur weil Sängerin und Texterin Judith Holofernes subtile Konsumkritik formulierte. Inzwischen versucht das Quartett, das Image der Demo-Popper loszuwerden. Auf dem neuen vierten Album „Bring mich nach Hause“ gibt es keinen Politsong. Holofernes und Drummer Pola Roy (auch privat ein Paar) erklären, warum.
Wissen Sie noch, was Sie am 10. Juli gemacht haben?
Pola Roy: Tagsüber waren wir mit unseren zwei Kindern am See, weil es so heiß war.
Judith Holofernes: Abends haben wir Fußball geguckt, Deutschland gegen Uruguay.
Am selben Tag fand ein großer Sternmarsch von verschiedenen Protestgruppen zum Roten Rathaus statt. Wir hätten vermutet, das wäre ein Pflichttermin gewesen.
Holofernes: Ich glaube, früher hätte ich gerne daran teilgenommen. Aber das gehört leider zu den Sachen, die wir nicht mehr so entspannt machen können, weil die Menschen uns erkennen. Es macht mehr Spaß, einer von vielen als ein buntes unter schwarz-weißen Schafen zu sein.
Roy: Und ganz ehrlich: Am Wochenende drücken wir den Kindern keine Sterndemo aufs Auge.
Sind Sie jetzt keine Protest-, sondern eine Befindlichkeitsband?
Roy: Weder noch, auch wenn Protestband schicker klingt.
Holofernes: Ich habe keine Befindlichkeiten. Aber wenn ich Protestband höre, denke ich auch nicht an uns.
Roy: Stimmt, die Eingrenzung ist zu eng. Wer singt denn den ganzen Tag nur Protestlieder? Was ist das für ein Künstler? Das kann doch nur ein Ausschnitt sein.
Nervt Sie das Image, das Sie dank Ihrer Hits wie „Guten Tag“ oder „Müssen nur wollen“ haben?
Holofernes: Als eitle Künstlerin möchte ich in der Gänze wahrgenommen werden. Ich habe kein Bedürfnis, mich von Protestmusikern abzugrenzen – Billy Bragg finde ich super. Der soll ruhig so weiter machen! Aber ich wusste von Anfang an, dass ich auch über andere Sachen schreiben muss.
Gibt es deshalb auf dem neuen Album, das Ende August erscheint, keine politischen Lieder?
Holofernes: Ich hatte gerade nichts darüber zu erzählen. Wenn ich beim Schreiben mit solchen Themen angefangen habe, dachte ich: Ooch, die olle Holofernes nun wieder. Wir haben am Ende drei Songs von der Platte genommen, die ein gesellschaftspolitisches Thema hatten. Die Platte wurde dadurch stimmiger. Die Lieder werden wir aber noch veröffentlichen.
Worum geht es darin?
Holofernes: Ein Lied heißt „Lonely Planet Germany“. Es richtet sich an Touristen, die denken, dass Berlin so multikulti ist – obwohl wir in der Stadt No-Go-Areas haben. Das spürt man auch als Berliner. Wenn die U-Bahn in die falsche Richtung fährt, kann es plötzlich mal ganz schief gehen.
Was meinen Sie damit?
Holofernes: Mein Bruder wurde am Ostkreuz mehrfach bedroht und ist nur knapp Schlägereien entkommen. Und warum? Weil er vielleicht so aussieht, als würde er sich nicht besonders wehren. Eine Freundin von uns ist Latina mit blauen Haaren. Als sie ein Jahr in Potsdam lebte, ist sie viele Male verbal oder physisch angegriffen worden.
Erst recht ein Fall, um sich zu engagieren!
Holofernes: Das tun wir auch, wenn wir die Anliegen unterstützen können. Nur eben nicht unbedingt in den Texten. Wir haben zum Beispiel auf dem Konzert gegen den G8-Gipfel in Rostock vor drei Jahren gespielt – was eine zwiespältige Erfahrung war.
Was ist da passiert?
Holofernes: Ich weiß noch, dass wir zwischenzeitlich in einem Oma-Hotel mitten in Rostock eingekesselt waren. Das war mit einem fünf Monate alten Baby nicht so entspannend. Dann mussten wir zu unserem Auftrittsort, der nur ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt war, aber man kam kaum zur Bühne durch. Am Ende paddelten wir mit einem Schlauchboot hin.
Mit welchem Gefühl standen Sie auf der Bühne?
Holofernes: Absurd war das, aber wir haben es nicht bereut. Wir haben uns den innerlichen Panzer übergeworfen: Steine, mir doch egal. Und wir merkten, dass es eine große Erleichterung im Publikum gab, als wir spielten. Von der Bühne sah das seltsam aus: In der Mitte hörten die Leute zu, am Rande gab es Straßenschlachten – und über allen zog der Hubschrauber seine Kreise.
Roy: Das war für mich eine traumatische Erfahrung, weil die Veranstaltung so aus dem Ruder lief. Wir wollten keinen Gewaltexzess unterstützen, ich finde auch, dass man sich im Vorfeld zu wenig von der Gewalt distanzierte. Es hieß: Wie man seinen Widerstand ausdrückt ist Privatsache. Morgens sahen wir den überdimensionalen Schwarzen Block an unserem Hotel vorbeimarschieren, ständig rannten Stoßtrupps von Polizisten herum. Ja, ich glaube, das hat der Bewegung geschadet, weil man nur noch die Bilder von den Krawallen sah.
Sie beide sind ja eigentlich seit Teenagerzeiten im Protest geschult.
Holofernes: Bei mir hat es in der vierten Klasse in Freiburg angefangen. Ich war auf einer Gesamtschule, die ständig von Schließung bedroht war. Mir wurde der Protest in die Wiege gelegt, laufend stand ich als Pimpf auf irgendwelchen Demos. Es war gut für die politische Herzensbildung, auf einer Schule zu sein, die eigentlich keiner haben will.
Und bei Ihnen, Pola?
Roy: Das waren die Demonstrationen gegen den Golfkrieg 1990, da war ich 15. Wir sind in den Stadtrat von Karlsruhe gegangen, haben die Versammlung gestört, weil das Thema nicht auf die Tagesordnung kam.
Holofernes: Bei mir ging es mit der Antifa-Jugend weiter. Wir waren zehn Leute in Freiburg – und ich war die jüngste. Vor allem haben wir uns Filme angesehen, Dokumentationen über die Nazi-Verbrechen, im Sommer sind wir alle zur Antifa-Freizeit nach Südfrankreich gefahren. Damals habe ich auch zum ersten Mal erlebt, wie so etwas aus dem Ruder laufen kann.
Was ist damals vorgefallen?
Holofernes: Eine Frau aus der Antifa-Gruppe, Mitte 20, wurde mit einer Briefbombe ermordet. Monatelang organisierten wir Demos gegen Nazis, weil wir annahmen, die hätten sie umgebracht – und dann stellte sich heraus, dass ihr verrückter Exfreund es getan hatte. Das war ein einschneidendes Erlebnis.
Weil sie sich betrogen fühlten?
Holofernes: Ja, um eine Eindeutigkeit. Ich merkte, manchmal kann es nicht nur eine A- und B- , sondern auch eine C- Lösung geben.
Roy: Solche Erfahrungen macht man als Jugendlicher einfach mit. Das Herz will, dass eine Sache eindeutig ist, aber funktioniert nicht. Sag mal, hat sich die Freiburger Antifa nicht mal ein Herz gefasst und einen Mercedes angezündet?
Sie haben Autos angezündet, Frau Holofernes?
Holofernes: Nein, da war ich schon in Berlin. Ich erfuhr einen Tag später, dass da jemand ausgerechnet den Mercedes vom Antifa-Anwalt angezündet hatten. War halt der einzige in der Straße.
Brennende Autos waren letztes Jahr auch ein großes Thema in Ihrem Wohnbezirk Friedrichshain-Kreuzberg.
Holofernes: Das war recht wahllos – und auch nicht sinnvoll. Wenn man sich politisch betätigen will, braucht man nun wirklich keine Autos anzuzünden, die dann neu nachgekauft werden.
Eindeutige Ziele hat eine Initiative wie Megaspree. Wie nehmen Sie die wahr?
Holofernes: Mit dieser Bewegung geht es mir wie mit Attac: Ich darf nicht zu genau hinschauen, wer sich da alles sammelt. Denn es ist keine klare Bewegung, die Menschen haben ganz unterschiedliche Beweggründe. Ich finde solche Bürgerinitativen aber wichtig, weil die Stoßrichtung stimmt.
Mit den Widersprüchen meinen Sie, wenn gegen Investoren protestiert wird – und in der Bar 25 ein riesiges Adidas-Logo hängt.
Holofernes: Genau. Ich habe immer Probleme mit einem Protest, der aus Coolness-Befindlichkeiten entsteht. Wenn der Tenor lautet: Hier war es halt irgendwie mal cooler, wir sind die Geileren – und jetzt kommen die ganzen ungeilen Leute.
Sie reden von einer Art Elitenbildung.
Holofernes: Und damit habe ich massive Probleme. Damit will ich nichts zu tun haben. Das trifft auch auf die in Kreuzberg weit verbreitete Indie-Spießigkeit zu.
Im Büro Ihrer Plattenfirma, wo wir uns gerade unterhalten, hängt ein Zeitungsausschnitt mit der Überschrift: Schwabenhatz in Prenzlauer Berg, Autonome prügeln gegen Zugezogene.
Holofernes: Genau das finde ich total unwichtig. Kreuzberg den Kreuzbergern – was soll daran Protest sein? Aber ich habe großes Zutrauen, dass der Bezirk nicht so gentrifiziert wird wie Prenzlauer Berg. Kreuzberg wird durch die größere Durchmischung resistent bleiben. Im Prenzlauer Berg war nach der Wende einfach tabula rasa, und man fiel besatzermäßig in die Häuser ein. Bei uns um die Ecke sehe ich aber bereits, dass viele positive Sachen passieren.
Was zum Beispiel?
Holofernes: Wenn kleine Läden mit bezahlbarem kreativem Zeug aufmachen, habe ich überhaupt kein Problem damit. Wenn die aber wieder zumachen müssen, weil jemand ein Carloft daneben stellt und die Mieten ansteigen, dann habe ich ein Problem damit. Wer ist überhaupt so bescheuert und setzt ein Carloft in das Herz von Kreuzberg? Das ist doch ein Himmelfahrtskommando! Leider sind manche sogar gegen kleine Läden und meckern: Das ist keine Shoppingmeile hier.
Roy: Und die wollen die Eckkneipen mit „Futschi 90 Cent“ unbedingt erhalten.
Oder ein Subway-Imbiss am Schlesischen Tor löst eine Debatte darüber aus, ob der Kiez kippt.
Holofernes: Und der McDonald’s steht immer noch und gedeiht. Das wundert mich viel mehr. Das wirft eine Frage auf: Geht es hier um Lifestyle-Befindlichkeiten? Von McDonald’s weiß man doch, dass es ein Unternehmen ist, das eine aggressive Clustering-Politik verfolgt – und alle anderen Läden in der Umgebung kaputtmacht. Aber darüber spricht schon keiner mehr. Ich glaube, Kreuzberg ist entpolitisierter als man denkt. Das zeigt sich am 1. Mai. Da treffe ich Menschen, die sich das mal ansehen wollen – und wie ein Touristendepp die Kamera zücken. Als wenn man in der ersten Reihe zum schiefen Turm von Pisa latscht.
Trotzdem sind Sie herzensmäßig hier zuhause?
Holofernes: Absolut. Für mich war es ein Nach-Hause-Kommen, als ich nach der Schule nach Kreuzberg zog – obwohl ich nur die ersten sechs Jahre in Berlin aufgewachsen bin. In Freiburg war ich als Kind eine Zeit lang entwurzelt, die anderen nannten mich Punk – weil ich aus Berlin kam und vielleicht etwas angezottelter als sie war.
Roy: Neulich sprach mich ein türkischer Jugendlicher im Görlitzer Park an. Er fragte, ob ich nicht genug Geld mit der Band verdiene, um nach Zehlendorf zu ziehen. Der konnte nicht verstehen, dass wir freiwillig hier leben.
Wie ist das bürgerliche Leben mit zwei Kleinkindern in Kreuzberg?
Roy: Es gibt eine Sehnsucht nach geregelten Abläufen. Gerade weil die Kinder das brauchen.
Holofernes: Praktisch sind wir natürlich in der gleichen blöden Situation wie alle anderen Kreuzberger Eltern.
Und das heißt?
Holofernes: Wir müssen uns überlegen, wie wir das Schulproblem lösen. Es gibt Schulen in Kreuzberg mit einem Ausländeranteil von 60 Prozent, das ist der Traum aller Eltern, aber bei uns liegt er um 92 Prozent. Eltern suchen sich im Freundeskreis eine Klasse zusammen und drücken die beim Direktor durch. Der Trend ist: Ich opfere unsere Kinder nicht an unsere Einzugsgebietsschule. Man schafft sich kleine Eliteinseln in Schulen. Ich finde das total schwierig, weil die Schüler dann immer herausstechen – und kein Kind will das.
Das stellt die eigene linke Gesinnung ganz schön auf die Probe, oder?
Roy: Es ist krass, dass wir uns in einem linksalternativen Multikulti-Milieu bewegen – und Eltern die nicht-deutschen Anteile an Schulen diskutieren. Vor fünf Jahren hätten dieselben Leute das Gespräch abgebrochen und gesagt: Was soll das heißen, nicht-deutscher Kinderanteil? In solchen Momenten merkt man, dass sich Linke und Türken nicht mischen. Man fühlt sich vielleicht multikulti, weil man den Namen des Bäckers kennt – aber wenn es um die Kinder geht, fallen die Hüllen. Dann sagt natürlich jeder: Mein Kind soll das Beste kriegen.
Eine Initiative zur Klassenbildung ist auch ein Protest der Eltern gegen das Schulsystem.
Holofernes: Stimmt, das läuft granatenmäßig falsch. Es kann nicht sein, dass Menschen fluchtartig den Stadtteil verlassen, wenn die Kinder ins schulpflichtige Alter kommen. Es ist ein hehrer Ansatz, zu bleiben und die Schulen am System vorbei zu gestalten. Pervers finde ich, dass evangelische Schulen aufmachen und die Kinder abschöpfen. Keinen der Beteiligten hat vorher die Religion interessiert. Der Hauptgrund ist, dass Türken und Araber ihre Kinder nicht auf solche Schulen schicken. Das finde ich heuchlerisch.
Und was können Sie dagegen tun?
Holofernes: Eine Lösung habe ich leider auch nicht. Im Moment ist das wirklich ein Dilemma für uns. Ich weiß nur eines: In Zehlendorf werde ich nicht glücklich.
Single „Alles“, erscheint am 6.8., Album „Wir sind Helden“ am 27.8. auf Columbia
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Kommentare
"Kinder kennt ihr schon...?"
Wir sind Helden sind ein Denkmal fuer sich und koennne uns gluecklich schaetzen das sie entdeckt wurden.
HouseFactory 04.08.2010 11:43 UhrAuf ARTiBerlin geben wir kleinen und noch unbekannten Band sdie Chance sich vorzustellen unter der Rubrik "Kinder kennt ihr schon,...?"
http://www.artiberlin.de/article/Kinder_kennt_ihr_schon_Im_not_a_band
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