- Artikel
- 23.01.2007
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Magazin - Titel: Wie ich einmal mehr über mich erfahren wollte
Im Sommer klingelte mein Telefon. Eine Österreichisch sprechende Frau war dran und sagte: „Frau Sterblich. Herzlichen Glückwunsch zur Geburt Ihres Kindes. Frau Sterblich. Die Firma Pupelmutz stellt hochwertige Kinderbücher her, durch die Ihr Kind von Kleinstauf optimal gefördert wird. Optisch, haptisch, akustisch. Frau Sterblich. Sie wollen Ihr Kind optimal fördern?“ Ich war baff. Schlagartig wurde mir klar, dass das frisch Geborene in meinem Arm ohne Zweifel optimal gefördert werden musste, und zwar optisch, haptisch, akustisch. Sofort. Erst bei der Gewichtsverlagerung vom linken auf das rechte Bein fiel mir auf, dass hier irgendwas nicht stimmte. Woher bitte wusste die Firma Pupelmutz aus Österreich und ihre enervierende Telefontante von meinem brandneuen Kind?
Erbost legte ich auf und rief beim Datenschutzbeauftragten an. Ob ich in letzter Zeit irgendwelche Kindersachen bestellt hätte, fragte man mich dort. Was für eine Frage, seit Monaten machte ich nichts anderes mehr. Dann hätte da wohl ein Händler meine Daten weiter gereicht. Vielleicht auch mehrere. Oder alle. Das sei üblich und zum Leidwesen der Datenschützer auch absolut legitim. Der Gesetzgeber bewerte die Interessen der Wirtschaft in diesem Fall höher als die Interessen des Verbrauchers. Ich hielt denen erstmal einen Vortrag über den Unterschied zwischen Legitimität und Legalität und legte erbost auf.
Der Vorfall brachte mich auf Ideen. Was die Firmen, Konzerne und Behörden dieser Welt wohl noch so alles über mich gespeichert haben? Versicherungen, Meldestellen, Ämter, Banken, Karstadt, Google, ebay, GEZ, BVG, CIA? Eine knallharte Telefonrecherche mit mal konfrontativen, mal trickreichen Nachfragen ergab: natürlich gar nichts von Belang. – „Wir haben hier die Daten, die Sie uns zur Verfügung gestellt haben, Frau Sterblich“, teilte man mir mit, stets im Tonfall leichter Verwunderung. Genaue Auskunft könne schriftlich eingeholt werden.
Na gut, na klar, natürlich muss man hier und da ein paar Angaben machen. Und wenn man dann auch noch mit diesen Kundenkarten einkaufen geht, um dabei Happy Digits, Payback-Punkte oder andere Glasperlen zu sammeln, die man schon nach drei Jahren gegen ein Waffeleisen eintauschen kann, dann sollte wohl auch klar sein, dass dabei irgendwo registriert wird, was man wann und wo gekauft hat. Ähnliches dürfte für die meisten Bestellungen im Internet gelten. Aber was genau fangen die Datensammler mit all diesen Informationen an? Wie wird das gewichtet, welche Schlüsse werden gezogen, an welchem Punkt werden meine Daten relevant?
Vielen Dank für Ihre hervorragenden Fragen, Frau Sterblich, sagen die Unternehmen, es geht uns vor allem um Angebotsoptimierung. Durch die Auswertung Ihrer Daten erfahren wir mehr über Ihr Kaufverhalten und Ihre Bedürfnisse. Und je mehr wir über Sie wissen, umso besser können wir auf Sie eingehen, damit Sie in Zukunft noch zufriedener mit uns sind.
Eine einwandfreie Win-Win-Situation also, oder was? Nein, natürlich ist diese Standardantwort im Wesentlichen Bullshit. Schließlich führen breite Datenauswertungen über Konsumverhalten nicht dazu, dass meine Spezialwünsche berücksichtigt werden, sondern dass im Sortiment nur noch auftaucht, was die Masse der Käufer will. Die Auswahl verkleinert sich dabei letztendlich, das Besondere verschwindet völlig oder ist nur noch bei Manufactum zu beziehen.
Und natürlich ergeben sich dabei auch noch ganz andere, datenschutzrelevante Probleme. Säuberlich nach Wohnort, Alter, Geschlecht, Gehalt und Konsumgewohnheiten sortiert, werden die Kundendaten in den Call-Centern herangezogen. Und dann wird munter gesiebt. Schon wenn die Telefonnummer auf eine sozial schwächere Wohngegend schließen lässt, kann das eine sehr viel langsamere und weniger engagierte Betreuung für den Anrufer bedeuten. Der wohl situierte Zehlendorfer wird dann im Expressverfahren mit Säuselstimme umschmeichelt, die allein erziehende Neuköllnerin kommt unter Umständen gar nicht erst durch.
Das allein ist empörend. Zu einem existentielleren Problem wird diese „Scoring“ genannte Praxis der Datenauswertung, wenn sie bei der Arbeits- und Wohnungssuche oder bei Kreditanträgen zum Einsatz kommt. Auf den Selbstauskunftsbögen vieler Vermieter taucht bereits der Hinweis auf, dass die Daten des Mietinteressenten zur Überprüfung an eine Firma wie die Bertelsmanntochter InfoScore weiter geleitet werden. Zur Prüfung.
Bei InfoScore, die beispielsweise mit vielen Handelsketten und Mobilfunkfirmen kooperiert, landen wiederum alle möglichen Einträge, selbst Mahnungen. So kommt es dann, dass man nach einer zu spät bezahlten Handyrechnung bei der nächsten Versandbestellung um Vorkasse gebeten wird. Die telefonische Nachfrage bei InfoScore läuft ins Leere. Im gesamten Bertelsmann Konzern dürfe man keine telefonischen Auskünfte geben sagt man mir, Anfragen bitte schriftlich. Die schriftliche Anfrage wird dann knapp mit einem Verweis zur eigenen Homepage arvato-infoscore.de beantwortet. Auskunft über den eigenen Score kann man für fünf Euro beantragen. Payback-Punkte gibt es dafür nicht.
Das Operieren mit elektronischen Persönlichkeitsprofilen ist eine offensichtlich gängige und stark expandierende Unternehmenspraxis – obwohl das Bundesverfassungsgericht das Anlegen solcher Profile bereits grundsätzlich untersagt hat. Die Firma Prodata wirbt auf ihrer Homepage: „Eine Adresse ist mehr als nur eine Anschrift. Machen Sie sich ein Bild Ihres Kunden, indem Sie seine Daten um geografische Merkmale ergänzen, sie zum Beispiel mit Informationen zu seinem Wohnumfeld, seinem Alter, seinen Konsumgewohnheiten und seiner Kaufkraft anreichern.“ Diesen doch etwas außer Kontrolle geratenen Datenwahn wieder in den Griff zu bekommen, ist natürlich Sache des Gesetzgebers.
In der Zwischenzeit werde ich die Datensammler trickreich an der Nase herum führen, indem ich mit meinen Kunden- und Kreditkarten gezielt Dinge einkaufe, die ich total blöd finde, oder die ich mir gar nicht leisten kann. Meine Kaiser’s-Kundenkarte werde ich nur noch für starken Alkohol verwenden. Die Firma Pupelmutz wird sich wundern, wenn sie davon erfährt.
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