Magazin_Gespräch: "Als Benutzeroberfläche ist Berlin genial"

Foto: Christoph Eckelt
Rana Göroglu, Mirko Heinemann
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Hallo, Herr Grebe. Lampenfieber?
Nee. Lampenfieber hatte ich länger nicht mehr.

Ihr Comedy-Talent wurde schon Anfang der 90er Jahre von Thomas Hermanns entdeckt, als er den Quatsch Comedy Club in Hamburg aufbaute. Warum haben Sie damals nicht weitergemacht?

Das war so: Thomas Hermanns hat unsere Schülercombo in Köln gesehen und mich da herausgekauft. Der kam mit einem Aktenköfferchen rein und zückte einen Vertrag. Dann bin ich als Solist nach Hamburg. Da waren die ganzen Leute, die dann die 90er Jahre bespaßt haben: Michael Mittermeier, Olli Dittrich und so weiter. Alle sammelten sich da. Zuerst fand ich das spannend, aber dann wurde das schnell kanalisiert. Nach drei Jahren war erstmal Schluss.

Was war passiert?
Die Fernsehredakteure kamen. Sie sagten: „Tolle Nummer. Bleib bei der Figur!“ Ich wollte mich aber nicht festlegen. Also weg, Aufhören, interessiert mich nicht. Dann habe ich Puppenspiel gemacht. Dann Schauspieler, dann Dramaturg. Jetzt alles parallel.

Das hat Sie sehr vielseitig gemacht ...
Ja, und das wird auch bleiben. Ich will eher noch mehr ausprobieren, als mich festzulegen. So wie Christoph Schlingensief. Der ist in dieser Hinsicht ein Vorbild, der greift sich alles und sagt in alter Punkmanier: Ich weiß es nicht, ich mach es einfach.

Haben Sie niemals Existenzangst gehabt?
Hatte ich nie. Geld war bei mir kein Thema, auch wenn ich keins hatte. Vielleicht, weil ich insgeheim immer wusste, ich kann mit meiner Kunst Geld verdienen. Weil ich immer das Gefühl hatte, irgendwo gibt es eine Bude, da kann ich auftreten. Und dann gibt es wieder was auf die Kralle.

Nach Ihrem Intermezzo in Hamburg sind Sie nach Berlin gezogen ...
Ich suchte eigentlich ein Kunststudium. Dann habe ich Russisch studiert an der Humboldt-Uni. Das war klasse. Das Propädeutikum, so hieß die Sprach-Vorbereitung, war drei Mal die Woche. Mit drei Russenmuttis. Das war ein tolles Jahr. Wir haben Pelmeni gekocht, abwechselnd bei uns zu Hause, ich bin oft nach Osteuropa gereist. Dann ging dieses Jahr Vorbereitung zu Ende, das Studium begann. Ich war eine Stunde lang in der Uni. Ein Riesenhörsaal – das war’s. Das war nichts für mich.

Sondern?
Schauspieler, dachte ich, bin ich nicht. Theater, Regie – das kannte ich nicht, das war irgendwie Hochkultur. Es war unklar, was ich machen sollte. Ein Freund von mir hat sich dann an der Ernst-Busch-Hochschule für Regie beworben und hat mir den Wisch mitgebracht von der Abteilung Puppenspiel. Das war eine Mischung aus Theater und Kleinkunst, Schauspiel und Schattenspiel. Dann habe ich das gemacht.

Sie sind staatlich geprüfter Puppenspieler ...
... „Dipl. Pup.“ heißt das ...

... Aha. Aber als „Dipl. Pup.“ haben Sie nie gearbeitet, oder?
Ich hatte Angebote, an ein Puppentheater zu gehen; im Osten gibt es ja noch ein paar. Aber ich wollte das nicht. Wir haben stattdessen Puppenspiel in unsere Aufführungen integriert, zum Beispiel am Theaterhaus Jena, wo ich fünf Jahre war. Es war eine Mischform: Es ging darum, das nicht für Kinder zu machen, sondern für Erwachsene. Wir haben Stoffe für Schauspiel und Puppenspiel bearbeitet und auf die große Bühne gebracht.

Nach Jena sind Sie im Jahr 2000 gegangen und fünf Jahre dort geblieben. Wie kam das?
Wir waren damals ein loser Haufen von Regisseuren, Schauspielern und Puppenspielern, die alle gerade mit dem Studium fertig waren und sich überlegten: Was nun? Und da kam das Angebot an uns, ein Theater zu übernehmen. Das war keine Frage. Das musste man machen.

Was hat Ihnen die Zeit gebracht?
Jena ist nicht Berlin. Immer dieses Gucken in die zitty: Was gibt es denn heute, was macht die Konkurrenz gerade? In Jena hatten wir Ruhe und konnten machen, was wir wollten. Wir hatten plötzlich das Monopol in einer 100.000-Einwohner-Stadt. Es war eine Mischung aus Stadttheater und Kommune mit acht jungen Schauspielern. Und keine Abonnenten im Publikum, was gut war für die inhaltliche Eigenständigkeit.

Wie haben Sie als Westdeutscher Ostdeutschland erlebt?
Jena gehört zum „guten Osten“, dort geht es den Menschen relativ gut. Es gibt eine Uni mit 20.000 Studenten, das war unser Hauptpublikum. Es gab eine große Offenheit. Um die grauen, tristen Gegenden bin ich herumgekommen.

Brandenburg, Thüringen – wieso haben Sie bisher nur Lieder über östliche Bundesländer gemacht?
Ich lebe halt hier, im Osten Deutschlands. Ich könnte schwer ein Lied über Bayern schreiben, es muss schon einen Bezug zu meinem Leben haben. Über Mecklenburg gibt es übrigens jetzt auch was, das kenne ich ganz gut.

Haben Sie schon Drohbriefe aus Brandenburg oder Thüringen bekommen?
Ach Quatsch. Die freuen sich ja. Klar gab es mal in der „Bild-Zeitung” in Brandenburg die Schlagzeile: „Was hat der Sänger bloß gegen Brandenburg?“ Und klar kommen dann irgendwelche Deppen und schreiben Leserbriefe. Dabei ist es eigentlich ein Anti-Berlin-Lied ...

... weil ja alle herziehen wollen, wie Sie im Lied singen?
Genau. Ich ja auch, ich war ja gerade auf Wohnungssuche, als das Lied entstanden ist.

Und wieso sind Sie nach Berlin zurückgekommen?
Die Zeit in Jena war abgelaufen, es gab Probleme mit den Gesellschaftern. Da habe ich mich gefragt: Wo soll ich hin? Als Ich-AG kam nur Berlin in Frage, als Homebase ist die Stadt am besten geeignet. Als Benutzeroberfläche ist Berlin genial, vor allem nach fünf Jahren in der Kleinstadt.

Hätten Sie gedacht, dass Ihre Lieder über Thüringen und Brandenburg beim Publikum so gut ankommen?
Ich schreibe ja auch sehr kryptische Sachen. Aber in dem Moment war mir klar, was ich tue. Ich hatte mir vorgenommen: Ich schreibe jetzt eine Hymne. Ganz lokal. Die Reime sind klar. Und der Song ist auch nicht schlecht.

Haben Sie manchmal Angst vor der Popularität?
Ich glaube, ich bin alt genug. Ich freue mich, dass es gut läuft, dass immer mehr Leute kommen. Ich freue mich auch, wenn die Leute sich meine Aufzeichnungen auf YouTube weiter schicken. Ich muss jetzt schauen, dass ich Sachen absage und mir meine Zeit freihalte. Oder mich einfach mal eine Zeit zu Hause einschließe, wie Robinson Crusoe.

Wie kommt man eigentlich so schräg drauf wie Sie?
Vielleicht hängt das mit der Klapse zusammen. Ich habe Zivildienst in der geschlossenen Psychiatrie in Bethel in Bielefeld gemacht, und das hat mich irgendwie draufgebracht: Wie die Leute geredet haben, das ist so ein schizophrener Dichterhumor. Dieses Springen, wenn Leute in einem Satz eine Weisheit treffend ausdrücken, und dann im nächsten Satz – Cut! Diese Technik ist in mich reingefahren.

Sie spielen gerne Outlaws: Robinson Crusoe, einen Indianer ...
Ja, das passt. Als ich gegangen bin, habe ich den Patienten der Klink den pathetischen Satz gesagt: Ich werde für euch singen. Und dieser Satz wirkt manchmal immer noch.

Ist dieses Außenseitertum auch etwas, was Sie selbst erlebt haben, oder sind sie nur in der Beobachterrolle?
Beides wahrscheinlich. Letztlich spiele ich eine Rolle.

Und jetzt, können Sie den Erfolg ertragen?
Es gibt natürlich auch ein Problem mit dem Ruhm, dem schmalen, der sich abzeichnet, und dem Geld, das jetzt kommt. Was geschieht mit den Inhalten? Es ist ein Unterschied, ob man in irgendwelchen Bruchbuden vor sich hinschimmelt, weil man kein Geld hat. Man sieht Promis im Fernsehen, und kann da draufhauen. Und jetzt sitzen die manchmal im Publikum, da muss ich es ihnen ins Gesicht sagen. Es verändert was. Der Status ist ein anderer, wenn ich arm bin. Was mache ich aber, wenn ich Geld habe? Und was mache ich mit dem Geld, das ich verdiene? Mal schau’n.

Befürchten Sie, die Bodenhaftung zu verlieren? Vielleicht sollten Sie ab und zu mal wieder in der Klapse vorbeischauen ...
Ja, vielleicht. Eines hat mich übrigens sehr gefreut: Ich habe eine Mail bekommen von einer Suchtklinik, dessen Stationsleiter sagte, die Patienten fänden meine Lieder so toll. Es würde ihnen so viel erzählen. Und ob ich da auftreten würde.

Und, haben Sie schon mal vor Patienten gespielt?
Ja, klar. Damals schon, während meiner Zivi-Zeit. Ich hatte eine Combo, mit der bin ich da aufgetreten und habe mit den Patienten Weihnachtsfeiern veranstaltet. Es war grandios.

Bei Ihren Auftritten machen Sie manchmal selbst den Eindruck, dass Sie durchdrehen: Sie ziehen sich spontan aus, legen Indianerschmuck an ...
Ich habe manchmal Zustände von Freiheit auf der Bühne, das ist das Schönste. Wenn ich die Partitur verlassen kann, die ich im Kopf habe.

Ihr Humor ist ziemlich eigen: Sie bringen eine Furzmaschine mit auf die Bühne, dann singen Sie über ein magersüchtiges Mädchen, „Pia, die dünn ist wie ein Dia“. Lachen da alle mit?
Manchmal lachen sie auch gar nicht. Je nachdem, wo man hinkommt. Versteinerte, hasserfüllte Gesichter – habe ich alles schon erlebt.

Wo das?
Hauptsächlich bei Abonnentenvorstellungen. Kabarett-Abonnenten älteren Datums. Ost wie West. Die verstehen das nicht. Da sitzen dann 300 Leute, und keiner reagiert. Stattdessen Gerede, sogar lautstarke Beschwerden.

Was macht man da?
Gute Frage. Programm durchziehen, ein bisschen kürzer vielleicht. Das sind ja oft auch so verkackte Orte: Schulaulen, Sporthallen, Kulturamts-Scheiße ohne Geschmack. Die kommen auch nicht wegen mir, die haben ja ein Abo. Die schauen sich „A Capella“ an, schön, ja, kennen wir. Und dann kommt Rainald Grebe. Im Publikum, wie gesagt: Gerede. Und dann klatschen die mich für eine Zugabe raus. Es hieß dann: Wir haben Anrecht auf eine Zugabe!

Wie hart muss man sich in der Branche hocharbeiten, wie oft Autohäuser eröffnen und Firmenjubiläen ansagen?
Ich mache keine Galen und Weihnachtsfeiern mehr. Ich habe zwei Erfahrungen, es war schrecklich: Das eine war die Weihnachtsfeier einer noblen Werbeagentur. Damals kannte mich noch keiner; die Azubis hatten mich ausgesucht. Es wurde an Spieltischen Roulette gespielt, und in drei Räumen klimperten drei verschiedene Pianisten. Die Leute wollten saufen und vögeln, die waren ja nicht wegen mir da. Der Geschäftsführer hielt eine Rede, in der er den Jahresbericht vorstellte. Es war ein schlechtes Jahr. Die Laune ging in den Keller. Und dann kam Rainald Grebe. Das war kacke.

Beginnt man da nicht, an sich zu zweifeln?
Nö. Das schiebe ich immer auf die. Die sind scheiße.

Bei Ihrem letzten Auftritt in Berlin waren Sie nach zweieinhalb Stunden immer noch auf der Bühne beziehungsweise kamen immer wieder. Sind Sie eine Rampensau?
Überlänge finde ich gut. Ich denke nicht, dass den Leuten langweilig ist, sonst würden sie ja nicht andauernd klatschen. Das ist dann wie bei einer Castorf-Inszenierung, die plötzlich ihre eigene Zeit hat. Mein Rekord ist fünf Stunden, es war ein grandioser Abend in der freundlichen Zigarrenstadt Bünde in Westfalen. Zunächst war nach drei Stunden Schluss, und ich dachte, ich hole jetzt mal meine Sachen von der Bühne. Da standen aber noch 60 Leute in der Tür, und dann ging es noch zwei Stunden weiter, bis alle besoffen waren. Das war wie ein Sit-in, es war toll.

Ist der Wein, den Sie auf der Bühne trinken, echt?
Na klar. Das gehört dazu, sich öffentlich zu besaufen.

Wann werden wir den großen Rainald-Grebe-Abend auf Pro 7 sehen?
Ich will eigentlich kein Comedy-Format, das wäre nicht meins. Diese Fünfminüter wie bei Nightwash, das ist schon okay. Dann kommen ann kommen mehr Leute in meine Liveshow, dafür ist es gut.

Herr Grebe, vielen Dank für das Gespräch. Haben Sie noch eine Frage an uns?
Wie heißt Mercedes Bunz mit bürgerlichem Namen?


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