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- 05.03.2007
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Magazin_Thema: Mit Maus und Seele
„Ich bin echt froh, nicht zehn Jahre früher geboren zu sein.“ Die 19-jährige Ulrika kramt eine bunte Kette aus Metall und Plastik aus ihrem schweren Metallkästchen. „Heute kann ich meinen Schmuck der ganzen Welt anbieten!“ Ulrika ist Schülerin, dieses Jahr wird sie ihr Abitur machen. Als Nebenjob verkauft sie unter dem Label „berlinmittegirl.de“ Schmuck, den sie selbst entwirft und produziert. Ebay findet sie die beste Plattform, um ihre kreativen Energien in Geld zu verwandeln – ohne Chef, dafür aber mit geringem Stundenlohn. Ihr größtes Kapital sind ihre Kundennähe und Authentizität. „Ich bin das geborene Berlin-Mitte-Girl“, sagt die kreative Jungunternehmerin. „Von meinem Fenster im 12. Stock aus gucke ich direkt auf den Alex.“
Die Begeisterung, mit der Privatverkäufer wie Ulrika ihre Produkte vertreiben, ist Kapital und Verkaufsargument zugleich. Beim Internet-Handel finden Käufer mit Spezialinteressen und Verkäufer mit Spezialangeboten zueinander. Man schätzt das gemeinsame Know-How und übt sich in Detailverliebtheit. Da Zwischenhändler im direkten Kontakt ausgeschaltet werden, sind auch die Preise konkurrenzfähig – trotz mitunter saftiger Gebühren. Kleinproduzenten wie Ulrika und umtriebige Sammler spezieller Produkte, deren Leidenschaft ihnen ein umfassendes Fachwissen bescherte, haben deshalb Hochkonjunktur. Aber hinter den hochpolierten Fassaden der Online-Shops entstehen Mischformen aus Wohnung, Versandzentrum und Lager. Und je besser die Geschäfte laufen, um so mehr erobert der Internethandel das Privatleben.
Gut 300 Ohrringe lagern in Ulrikas Zimmer in der Wohnung ihrer Eltern. In einer Ecke ist das „Versandzentrum“, am Schreibtisch lernt die junge Schmuckdesignerin fürs Abitur – wenn sie dort nicht gerade Ohrringe produziert. Nach der Schule werden Mails beantwortet. „Es ist sehr wichtig, Kundenanfragen möglichst schnell zu beantworten.“ sagt Ulrika. Ebay-Kunden warten eben nicht gerne. Sobald etwas verkauft ist, muss sie die Transaktion bestätigen, den Kontakt herstellen, Adresse und Bankverbindung austauschen und schließlich den Versand abwickeln. Jedes ihrer etwa 30 Modelle durchläuft den harten Test ihres Privatlebens: Es wird ein paar Tage getragen, von den Freundinnen kritisiert und beim Ausgehen und Der-Tram-hinterher-Rennen auf Widerstandsfähigkeit getestet. Wenn ein Modell Ulrikas Berlin-Test übersteht, ist es wohl auch für den Rest der Republik empfehlenswert. Einmal im Monat steht dann noch die Steuererklärung an. All das frisst Zeit – Ulrikas Freizeit. Den Stundenlohn rechnet sie lieber nicht aus. „Ehrlich, so ist es mir lieber, als im Supermarkt an der Kasse zu sitzen.” sagt sie.
Bernd Wetzer ist eigentlich Maurer. „Sobald ich nach Hause komme, logge ich mich bei ebay ein,“ sagt der 28-Jährige, „in der Woche sind das wohl weit über 40 Stunden.“ Bernd verkauft als Privatverkäufer Markenturnschuhe, aber in erster Linie ist er leidenschaftlicher Sammler von Schuhen der Marke Nike und Adidas. „Ich trage 300 Tage im Jahr dasselbe Schuhmodell: den Nike Air Max 87“, erzählt er und deutet auf seinen Füße. Bernds Schuhleidenschaft entstand in den 90er Jahren in der Berliner HipHop-Kultur. Mit der Leidenschaft kamen wie von selbst jede Menge Fachwissen und Kontakte zu spezialisierten Schuhhändlern. Früher stand Bernd mit anderen Sammlern vor Schuhgeschäften Schlange, bevor die überhaupt öffneten. Nur um limitierte Modelle in seiner Größe zu erstehen. Als er 1999 das erste Mal auf ebay stöberte, war er begeistert – als Sammler und als Mensch mit Geschäftssinn. Die Schuhe waren billig, hatten die gewohnte Qualität, und es gab eine Riesenauswahl. Alles, was dem damals 20-Jährigen noch fehlte, war ein ebay-Account. Das übernahm er von seiner Mutter, die bei ebay Tupperware gekauft hatte. Das war der Anfang. Heute verkauft er nach Hongkong, Japan oder in die USA. „In Deutschland interessieren sich nicht viele für diese Art von Schuhen“, erläutert er. Von dem Geschäft leben kann er zwar nicht, aber der Internet-Handel hat trotzdem sein Privatleben erobert. Wenn er zu Hause mit Freunden ein Bier trinkt, ist er gleichzeitig online, beobachtet Auktionen und Forenbeiträge. Sein Zimmer ist eine Mischung aus Lagerraum, Fotostudio, Servicecenter, Wohn- und Schlafzimmer. Auf dem ehemaligen Hochbett lagern Turnschuhe im Wert von „zehn bis zwölf Mille“. Bernd liebt seine Schuhe, und er weiß, was er anderen Sammlern schuldet: Schuhe und Schuhkartons werden für den Versand in eine extra Schachtel gepackt. „Der Schuhkarton ist für manche auch wertvoll. Wenn da so Klebestreifen drauf sind, das mögen die nicht.“ Seine größte Sorge ist, dass die Waschmaschine in der Wohnung über ihm einen Wasserschaden verursachen könnte. „Das wär' wirklich schlimm.“ Bernd steckt die Hände in die Taschen und blickt misstrauisch zur Decke.
Trotz saftiger Gebühren bietet ebay für viele Privatnutzer die beste Plattform. Statistisch gesehen wechseln jede Sekunde ein Kleidungsstück, jede Minute eine Digitalkamera und alle elf Minuten ein Kühlschrank den Besitzer. Quereinsteigern und findigen Einzelkämpfer stehen da alle Türen offen.
Lars Eiternick ist „ebay-Powerseller Bronze“. Diesen Status erhält nur, wer im Monat über 2.500 Euro umsetzt. Unter dem Namen „cultismde“ verkauft er Vintage-Sportbekleidung. Während die Frontseite von Lars’ Online-Laden mit stylischen Modefotos in Szene gesetzt wird, platzt seine Wohnung in Friedrichshain aus allen Nähten: Das Badezimmer wurde zum Wasch- und Trockenraum, das Arbeitszimmer zum Lager und Geschäftszentrum. Aktenberge, Textilfussel und sich biegende Wäscheständer inbegriffen. „Es ist wirklich furchtbar“, sagt der 28-Jährige. „Wenn ich meine fünf bis zehn Waschladungen an einem Tag mache, ist das Bad voller Fussel, die ganze Wohnung riecht süßlich, die Luft ist feucht.“ Das Geschäft läuft schon seit Jahren gut. Viele der weltweit begehrten Sportklamotten im Stil der 60er bis 90er wurden von Firmen wie Adidas, Lacoste, Puma und Fila in Deutschland produziert. Das ebay-Geschäft entdeckte Lars, weil er Klamotten für sich selbst einkaufte. Auf der Suche nach noch günstigeren Quellen stieß er dann auf industrielle Sortierbetriebe, die ausgemusterte Textilien zu Kilopreisen verscherbeln. Als er sah, welche Raritäten dort zu kriegen waren, erkannte der gelernte Kaufmann die Möglichkeiten. Heute fährt Lars alle zwei Wochen mit dem PKW durch die Republik und packt den Kofferraum voll. „So etwa 100 bis 300 Kilo Klamotten fahre ich dann nach Friedrichshain.“
Aber je besser sein Geschäft läuft, desto mehr erobert ebay auch sein Privatleben. „Meine Freundin findet es nicht so toll, wenn wir abends vor dem Fernseher sitzen und ich hab’ den Laptop auf den Knien.“ Bei Fußballübertragungen steht er in der Halbzeit auf und überprüft seine Auktionen. „Feierabend gibt’s eigentlich nicht. Ich wohne mitten in meinem Büro“, seufzt Lars. Deshalb hofft er, bald einen Büro- und Lagerraum zu finden. Ein oder zwei Angestellte, auch die würden vieles erleichtern. Er selbst könnte sich dann vielleicht wieder auf das konzentrieren, was ihm am Herzen liegt: Vintage-Sportklamotten.
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