Börsensturz: Finanzkrise? Klimakrise!

Foto: photocase.com ramon aemmer
Daniel Boese
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 Lehmann Brothers Zertifikate, Credit Default Swaps, Kaupthing, Beige-Buch,  täglich lerne ich zur Zeit aus der Tagesschau neue Vokabeln, die die Finanzkrise erklären. Alles Namen und Dinge, die man nie kannte und die auf einmal wichtig sind. Wenn man tagsüber Spiegel Online aktualisiert, ist das mit kleinen Gruselschauern verbunden: Der Dax schlägt eine Rekordmarke nach unten nach der anderen. 6.000 Punkte, 5.000, vielleicht schafft er ja auch noch die 4.000? Ich fühle mich wie ein Unfall-Gaffer auf der Autobahn, während ich die Börsennachrichten lese. Als ich zum ersten Mal von der Pleite von Fannie Mae und Freddie Mac las, war es noch ein wohliges Gruseln, so wie damals, als man das erste Mal den Friedhof der Kuscheltiere sah. Einige schwarze Montage später ist meine Lust am Crash verflogen. Aber daran ist weder das x-te Hilfspaket Schuld, noch der Beinahe-Staatsbankrott von Island. Sondern die Angst.
Sie erwischte mich an einem schönen Herbstsonntag, auf dem Telegrafenberg in Potsdam. Der Finanz-Crash ist nur der Testlauf für die Klimakrise, ging mir auf. Wenn die bestbezahlten Banker mit ihren Rechenzentren und Analyseprogrammen schon überfordert sind, das Weltfinanzsystem vor der Kernschmelze zu bewahren, dann zeigt das, wie viel schwieriger es wird, gefährlichen Klimawandel zu verhindern. Menschen sind von komplexen Risiken überfordert – und das Ökosystem Erde ist deutlich komplexer, als Börsen und Banken.
Auf dem Telegrafenberg im Potsdam Institut für Klimafolgenforschung sprachen Wissenschaftler und Künstler über den Klimawandel. Einer der Wissenschaftler, der mehrere europäische Regierung berät, zeigte seine Folien, auf einem Blatt waren die Prognosen des UN-Klimarates aus den 90er Jahren für den Anstieg des Meeresspiegels zu sehen. Und daneben die tatsächlich beobachteten Daten: Sie lagen noch jenseits des Worst-Case-Szenarios. Das Wasser steigt schneller, als die vorsichtigen Wissenschaftler der UN noch vor kurzem glaubten, der prognostizierte Klimawandel passiert schneller als angenommen. Ähnlich war es bei der Finanzkrise: Als letztes Jahr massenweise Hypotheken in den USA platzten, konnte man daran den Beginn der Krise ablesen, auch wenn Dow Jones, Dax und Nikkei  noch nicht beinflusst wurden.
Die Parallele zwischen den Krisen des Finanz- und des Klimasystems der Erde ist schnell erklärt: Beide werden von Experten und Laien vorausgesagt, aber nicht verhindert. Weil die kurzfristigen Belohnungen für die entscheidenden Akteure größer und angenehmer sind als der Anreiz, etwas gegen den Crash zu tun. Für die Gemeinschaft aber sind die langfristigen Kosten schmerzhaft. Die Prognosen für die Finanzkrise kamen von Experten wie dem Investor Warren Buffett, der schon 2003 die Kredit-Derivate als Massenvernichtungswaffen bezeichnete. Oder von Laien, wie dem Kulturjournalisten Alex Blumberg von NPR, dem öffentlichen Radio in den USA. Blumberg wunderte sich, warum lauter Freunde und Bekannte Kredite für Häuser bekamen, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten und dokumentierte dann den Wahnsinn der Subprime-Kredite, als diese von Finanzexperten noch als tolle neue Produkte gelobt wurden.
Die Prognosen für die Klimakrise kommen genauso von Experten, wie dem UN-Klimarat aus tausenden Meteorologen, Geologen, und Physikern. Und von Laien, wie den Inuit-Stämmen in Kanada, die merken, dass sie im Sommer keine Robben mehr jagen können, weil die Eisberge zu klein und zu weit weg sind und dass im Winter die Eisdecke so brüchig bleibt, dass selbst die besten Jäger nicht mehr durchkommen.
Obwohl die Gefahr bekannt ist, lohnt es sich für alle Beteiligten, so weiterzumachen wie bisher, statt den Kurs zu ändern: Broker, Banken, Ratingagenturen und Hauskäufer verdienten bis zum Einbruch prima. Alle Kohle- und Erdölkonzerne, Kraftwerksbetreiber, Autokonzerne und Eigenheimbesitzer profitieren genause vom unbeschränkten Kohlendioxidausstoß.
Nur bei den Konsequenzen, da wird der Klimawandel gravierender sein als der Taumel an den Börsen. Auch eine globale Rezession geht irgendwann vorbei, die Wirtschaft wächst wieder. Wenn aber die Riffe absterben, der Monsun dauerhaft ausbleibt und das Grönland-Eis abschmilzt, ist das nicht umzukehren.    


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