Kunst_Kritik: Geschlossene Gesellschaft

Im Gefängnis darf man nicht träumen, so erfährt man von Toni Negri in der Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft“. Zu schmerzvoll sei die Rückkehr in die Wirklichkeit, sagt Negri, der Autor von „Empire“ und „Multitude“. Der linke Vordenker saß in Italien viele Jahre in Haft, anders als für die meisten Menschen ist für ihn das Gefängnis kein unbekannter Ort. Während Negri sich dort das Träumen verbot, kennen die meisten Bürger Haftanstalten nur als imaginäre Orte aus Filmen, Büchern und Alpträumen.
Wie Geisterstimmen klingen die Telefongespräche der Künstlerin Chloe Piene mit Raymond Trzaska, einem Häftling aus Ohio. Zwischen 2004 und 2008 sprachen die beiden immer wieder miteinander, während eines Projekts der Künstlerin über die privatwirtschaftliche Gefängnisindustrie in den USA. Dort sitzt mehr als ein Prozent der Bevölkerung hinter Gittern. Mit Arbeiten wie der von Peine verfolgt Kuratorin Susanne Pfeffer das Thema „Geschlossene Gesellschaft“ mit der Betonung auf starken künstlerischen Zugängen. Dokumentarisches gibt es lediglich in jener DVD-Arbeit, die die Interviews mit Toni Negri zeigt.
Pfeffer hat die Kunst-Werke für die Ausstellung klaustrophobisch umbauen und viele Mauern an Stellen ziehen lassen, die Besucher normalerweise leicht passieren können. Im zweiten Stock muss man Gregor Schneiders Nachbau von Zellen auf Guantanamo passieren, um zu weiteren Werken zu gelangen (Foto). Beklemmend, wenn die Türen sich schließen und alle Laute nur noch gedämmt zu hören sind. Trotzdem bleibt das wahre Guantanamo anderswo, der Nachbau vermittelt nur, wie fern das Terrorcamp der Vorstellung bleiben muss.

Bis 16.11.: Kunst-Werke, Auguststr. 69, Mitte,
Di-So 12–19, Do 12-21 Uhr,
www.kw-berlin.de


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