Berlin - Landwehrkanal: Nicht ohne meinen Baum

Foto: Jolanda Roskosch
Daniel Boese
kommentieren

Von Feierstimmung und Siegesfreude ist auf der Admiralbrücke nichts zu spüren. Wie seit drei Wochen jeden Abend um 18 Uhr stehen gut 30 Menschen neben der alten Kastanie und sammeln Unterschriften für die Bäume am Landwehrkanal. Dabei gäbe es Grund zur Freude, heute ist der erste Erfolg offiziell. Kreuzbergs Bürgermeister Franz Schulz (die Grünen) meldet: Statt wie geplant 200 Bäume zu fällen, will das Wasser und Schiffahrtsamt nur noch 34 Bäume fällen und weitere 39 beobachten. Aber die Anwohnerinitiative will sich nicht besänftigen lassen. „Wir kämpfen weiter, kein Baum darf fallen“, sagt Wiebke Enwaldt, selbständige Designerin und eine der Aktiven. Es gibt keine Entwarnung.

Während Wiebke Enwaldt immer wieder neue Menschen in die Telefonliste einträgt, fahren unter der Brücke die Ausflugsschiffe durch. Die Wellen vom dicken Bugschwell und dem Strudel am Heck klatschen gegen die Ufermauern. Für die hölzernen Seitenwände unter der Wasseroberfläche des Kanals ist diese Belastung zu viel. Sie wurden 1890 angelegt, sind also über 117 Jahre alt und morsch. Seit der Wende fahren täglich dutzende Touristenschiffe durch den Kanal, das hat den Boden weiter ausgespült.

Ende April brach ein Teil des Ufers neben der Ankerklause am Maybachufer ein, Tage später rutschte der Boden vor dem Technikmuseum weg. Zuständig für die Sicherheit des Kanals ist das Wasser- und Schifffahrtsamt, eine Bundesbehörde. Nach den Abbrüchen kontrollierten Taucher den Kanal und eine Sachgebietsleiterin des Amtes verkündete, man müsse etwa 200 Bäume fällen, das Risiko sei zu groß. Die Bäume auf den Ufermauern könnten umkippen und auf Menschen oder Schiffe fallen.

Dagegen regte sich Widerstand. Jemand malte ein Plakat an der Brücke, man traf sich und beschloß, die Motorsägen aufzuhalten. Die Anwohnerinitiative wuchs über Nacht. Wiebke Enwaldt erzählt stolz: „Wir haben Unterschriften von 7.000 Bürgern, 1.100 Adressen im E-mail-Verteiler auf unserer Website und 500 Leute in der Telefonkette. Die stehen in zehn Minuten vor den Bäumen, wenn die Arbeiter zum Fällen anrücken.“ Sie sind sauer auf das Amt, weil es den alten Kanal jahrelang vernachlässigt hat. Dabei ist das Ufer der Garten für viele Berliner von Kreuzberg bis nach Charlottenburg. Ohne die Weiden, Pappeln und Platanen wäre er nur noch ein kahler Streifen. Dagegen gründen die Anwohner gerade einen Verein und haben ein Anwaltsbüro beauftragt.

Für den Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamts Hartmut Brockelmann ist die aktuelle Lage am Kanal klar: „Die Sicherheit ist bei weitem nicht erfüllt.“ Der Kanal ist eben alt, die Lasten zu Land und zu Wasser haben sich enorm erhöht. Jetzt sei Gefahr im Verzug, „da muß man schnell handeln, sonst gibt es Probleme mit dem Staatsanwalt“. Deswegen hat er alles prüfen lassen.

Das Amt habe seine Pflicht immer erfüllt, sagt Brockelmann. Eine schonendere Nutzung des Kanals, beispielsweise durch eine Beschränkung der Größe und Zahl der Schiffe kann er sich nicht vorstellen: „Eine Bundeswasserstraße ist für Schiffe da. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin ist nicht angetreten, die Schifffahrt zu begrenzen.“ Der Verkehr habe den Verfall nur um einige Jahre beschleunigt, ansonsten sei es normal, den Kanal zu reparieren: „Wir haben die Sanierung und die Fällungen so lange wie nur irgend möglich rausgezögert.“

Viele Besucher waren schon bei den Demonstranten auf der Brücke, von Naturschutzverbänden wie dem BUND und dem Nabu bis zu den Politikern. Vertreter aller Ebenen der Grünen waren da: der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele, der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg Franz Schulz und Cem Özdemir, Abgeordneter im Europaparlament. Sie alle versprachen zu helfen.

Erst einmal aber halfen sich die Anwohner selbst. Als nach Pfingsten die ersten Arbeiter mit schwerem Gerät anrückten, um drei Pappeln am Prinzenbad zu fällen, ließen sie niemanden an die Bäume. Die Arbeiter vom Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) motzten: „Das ist unser Land, gehen sie runter.“ Arno Paulus, einer der Gründer der Initiative, wies sie zurück: „Nein, das ist unser Land. Sie sind nur der Verwalter. Sie sind hier nicht an der Havel, sie sind hier in Kreuzberg!“ Dann rief er die Polizei. Weil ein offizielles Schreiben mit Stempel und Genehmigung fehlte, schickten die Wachtmeister die Baumfäller nach Hause: „Wir sind hier doch nicht in Russland.“

So wird im alternativen Kreuzberg die Bürgerinitiative, diese verstaubte Aktionsform aus den 70ern, modernisiert. Ökologisches Gewissen und bürgerliche Fürsorge für das Gemeinwohl verbinden sich zu einem zukunftsweisenden Projekt.

Als die Arbeiter wiederkamen, brachten sie ein offizielles Schreiben mit. Die drei Pappeln am Prinzenbad fielen. Auch den Polizisten, die die Aktion zulassen mussten, standen die Tränen in den Augen. Nun ist das Misstrauen gegen das Amt groß. Zumal die Behörde nicht sehr gewissenhaft zu arbeiten scheint. Obwohl im Kanal seit den Einstürzen Tempo 8 Kilometer pro Stunde gilt, fahren die Ausflugsschiffe immer noch viel zu schnell, gut 12 km/h. Die Wache Zwei der Wasserschutzpolizei kennt das Problem. Aber sie war mit vier Booten und vielen Polizisten in Rostock beim G8-Gipfel in Rostock, nur ein Boot blieb zurück. Erst in den nächsten Tagen wird es auch Kontrollen in Zivil geben.

Das WSA greift nicht ein, was Arno Paulus und seine Mitstreiter erbost. Für Amtsleiter Brockelmann waren in den letzten Jahren andere große Projekte wichtiger als der Landwehrkanal: neue Schleusen und Wehre. Das Charlottenburger Wehr war komplett marode und musste erneuert werden. Die Wehre sind wichtig für die Stadt, weil sie das Grundwasser konstant halten. Tausende von Altbauten im sumpfigen Boden der Stadt stehen auf Holzpfählen, die im Grundwasser stecken. Wenn das Grundwasser sinken würde, auch nur für ein paar Wochen, würde das Holz faulen, Häuser absinken und Stadtteile wie das Nikolaiviertel wegbrechen. Der Landwehrkanal habe warten müssen, sagt der Amtsleiter.

Für die Bäume hat Bürgermeister Schulz erst einmal einen Aufschub organisiert. Es gab ein Treffen von allen beteiligten Ämtern, schließlich sind neben dem WSA vier Bezirke betroffen. Naturschutz und Denkmalschutz müssen beachtet werden, denn der Kanal vom preußischen Architekten Lenné ist geschützt. Es wird nun ein Einzelgutachten für jeden Baum geben und vor den Sommerferien am 10. Juli wird das Amt den aufgebrachten Bürgern erklären, welcher Baum warum gefällt werden soll. Bis dahin bleiben die Motorsägen aus.

Mit dem bisherigen Ablauf ist Bürgermeister Schulz sehr unzufrieden: „Es gab keine Transparenz, keine Bürgerfreundlichkeit, kein ordnungsgemäßes Verfahren.“ Stattdessen Panik. Die Mentalität des WSA sei die einer Behörde, die nur ihrem Minister Rechenschaft ablegt. Die glaubt, sie könne tun und lassen, was sie will. Schulz will das ändern: „Bürgerbeteiligung ist nicht vorgesehen. Das Bundeswasserstraßengesetz muß demokratischer werden.“

Auch mit dem vorhandenen Gesetz wird sich die Initiative ihr Mitspracherecht sichern. Initiator Arno Paulus traut der Behörde nicht: „Die sind Meister im Zurückrudern.“ Taktiker, die ihren Plan für einen störungsfreien Schiffsverkehr durchsetzen wollen, ohne auf die Natur zu achten. Der Landwehrkanal soll eine Schnellstraße für den Schiffsverkehr werden.

Paulus malte die ersten Plakate auf der Brücke. Seit Jahren macht er Stadtführungen zum Thema „Pleiten, Pech und Pannen in Berlin“, eine Pleite am Landwehrkanal will er nun verhindern. Gemeinsam mit dem harten Kern trifft er sich auch noch spät am Abend, um sich zu beraten. Sie sammeln Know How: rechtlich, politisch und fachlich. Von Professoren aus Holland bekommen sie Tipps für eine ökologische Sanierung, von Naturschützern Informationen über das WSA.

Der Baumstatiker Michael Barsig berichtete ihnen von seinen Erfahrungen mit dem WSA. Er lehrt an der TU und kämpfte dort schon 1998 gegen Fällungen, als alle Bäume am Salzufer in Charlottenburg gefällt werden sollten. Fast alle Beamten sind Wasserbauingenieure, ohne Ahnung von Bäumen. „Ein Teil der Ufer besteht aus Kies“, erklärt Barsig. „Da stützen die Wurzeln das Ufer mehr, als das sie es belasten.“ Die Ingenieure würden leichtfertig Bäume fällen. Barsig hat die Fällungen der Baumexperten des Amtes überprüft. 75 Prozent Fehldiagnosen sagt er, die Bäume waren nicht morsch. Und von den gepflanzten Eichen sind alle wieder eingegangen, weil sie falsch gepflegt wurden.

Am Salzufer fand man 2000 einen Kompromiss. Umweltexperten von der TU, von der Bundesanstalt für Gewässerkunde aus Koblenz und das WSA einigten sich auf einen Unterhaltungsplan. Aber das WSA hält sich nicht mehr daran, sagt Brasig. „Für Amtsleiter Hartmut Brockelmann sind Naturschützer ein rotes Tuch.“ Das Amt hat Sträucher und Bäume entfernt, wegen des Denkmalschutzes. Auf einer gemeinsamen Begehung wehrte sich die zuständige Referatsleiterin gegen den Kompromiss: „Der Plan ist uns zu naturschutzlastig.“

Barsig ist nicht der einzige, der das mangelnde Umweltbewusstsein der Technokraten beim WSA kennt. Auch andere Umweltverbände kritisieren das Amt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz will das „Projekt 17“ verhindern: Die Spree soll in Charlottenburg und Spandau für große Rheinschiffe befahrbar werden. Das Projekt wurde nach der Wiedervereinigung geplant, inzwischen werden aber viel weniger Güter übers Wasser transportiert. Trotzdem hält das WSA am Plan fest und will 1.000 Bäume in dem einzigartigen Biotop fällen.

Einer der von der Förderung des Schiffsverkehrs durch das WSA profitiert hat, ist Lutz Freise, Geschäftsführer der Reederei Riedel. Die Reederei hat mit ihren Ausflugsschiffen in den 90ern als erste die Brückentour durch den Landwehrkanal angeboten, vorbei an Sehenswürdigkeiten wie der Neuen Nationalgalerie, dem Tiergarten und dem Botschaftsviertel.

Freise erzählt: „Wir hatten großen Erfolg, da haben sich andere Reeder drangehängt.“ So hat sich seit 1995 die Zahl der Ausflugsschiffe verdoppelt. Die Wellen der Schiffe haben den alten Kanal mürbe gemacht. So ist es wohl kein Zufall, dass das Maybachufer genau an der Geschäftsstelle der Reederei Riedel einbrach, wo ständig die Schiffe an- und ablegten. Freise hat „Respekt für die Arbeit der WSA“. Das Amt stört sein Geschäft nur wenig. Auch die gelb-blauen Schiffe der Reederei wie die „Spreeprinzessin“ halten sich nicht an das Tempolimit.

Freise erzählt auch, dass der Einbruch am Maybachufer durchaus zu verhindern gewesen wäre. Bereits eine Woche vorher sahen die Schiffer Spundbohlen, die im Wasser trieben. Sie riefen beim WSA an, es kamen Taucher, die weitere lose Bohlen entfernten. Dann rückten die Beamten wieder ab und planten ausgiebige Sicherungsmaßnahmen. Genau eine Woche später war türkischer Wochenmarkt mit vielen Transportern, die auf dem Ufer fahren. Das Ufer stürzte ein. Im WSA prüfte man derweil noch die Optionen.

Wie es weitergeht mit dem Kanal, den Bäumen und der längst fälligen Sanierung, das wird am Platz der Luftbrücke entschieden. Im Columbiahaus am Flughafen Tempelhof sitzt das Wasser- und Schiffahrtsamt. Hartmut Brockelmann ist seit 1998 Amtsleiter. Der 50-jährige Bauingenieur hat im Zweitstudium Wasserbau studiert und die Wasserstraßenverwaltung im Osten aufgebaut. Sein Büro im ersten Stock ist geräumig, aber nicht pompös.
Die Baumschützer zu verstehen, fiel Brockelmann schon damals bei den Protesten am Salzufer schwer. Er fragte sich: „Warum sehen die nicht ein, dass wir hier handeln müssen?“ Aber dann habe man einen Kompromiss gefunden, an den sich seine Behörde halte. Man kümmert sich um die Bäume, jeder von ihnen wird seit fünf Jahren in einem Baumkataster erfasst. Kein anderes Schifffahrtsamt betreibe so einen Aufwand. Damit widerspricht er Umweltschützer Michael Barsigs Beobachtungen. Aussage steht gegen Aussage.

Nun da die Sanierung des Landwehrkanals nicht mehr aufzuhalten ist, wird Brockelmann ohne Ausschreibung ein Ingenieurbüro beauftragen, das verschiedene Möglichkeiten untersucht. Bis Ende September sollen Ergebnisse fertig sein. Eine ökologisch-nachhaltige Sanierung, „das ist nicht unbedingt unser Belang“. Zwar werde auch die Variante erwogen, „in situ“ zu arbeiten. Dabei würde das Ufer mit den Bäumen im jetzigen Zustand erhalten bleiben, nur unter Wasser würde die Holzwand durch eine aus Stahl ersetzt.

Aber die Vorstellung des Amtsleiters geht in eine ganz andere Richtung: „Wir favorisieren eine komplett instand gesetzte Ufermauer.“ Dafür würde die Wand Stein für Stein abgetragen, eine Stahlspundwand eingezogen und dann die Steine wieder draufgesetzt, so dass die Wand aussieht wie vorher und der Denkmalschutz bestehen bleibt. Für den Wasserbauingenieur ist der Vorteil klar: „Der Landwehrkanal würde wesentlich stärkeren Verkehr ohne Schäden aushalten.“ Aber müssten dann die Bäume am Ufer gefällt werden? „Alle auf den ersten zwei, drei Metern.“ Kahlschlag am Landwehrkanal.

Auf der Admiralsbrücke stellen sich die Bürger die Zukunft ganz anders vor: Alle Bäume sollen stehen bleiben und das Regenwasser soll nicht mehr ungeklärt in den Kanal fließen. Und am schönsten fänden sie es, wenn man auch im Kanal baden könnte. Amtsleiter Brockelmann davon zu überzeugen, dürfte schwer werden. Aber wo sonst sollte das möglich sein, wenn nicht in Kreuzberg?


Leser:
  • Currently 0/5 Stars
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5

Ihr Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.