Berlin - Massentourismus: Ballermann Mitte

Foto: Nick Ash
Imke donner
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Eine Nacht „Pub-Crawling” in Berlin – ich wusste dass uns eine aberwitzige Nacht bevorstand. Ich wollte so unvoreingenommen wie möglich starten. Ich hatte nicht vor, einen moralischen Bericht zu schreiben, sondern aus einem andere Blickwinkel als „Die bedenkliche Lust der Jugend am Alkohol.“ So ergab sich das Protokoll der Nacht, die wir mit unter 20-Jährigen, in einer Handvoll Berliner Bars verbrachten, die wir selber nicht kannten.

Nick, der Fotograf, sitzt schon an der Bar, während ich noch nach einem Parkplatz auf der Oranienburger Straße suche, wo der Pub-Crawl starten soll. Ich halte vor dem Galeriecafé „Silberstein“ und schaue mich um. Acht Typen, gekleidet wie die Blues-Brothers, tanzen in Anzügen, mit schwarzen Sonnenbrillen und Hüten um einen Champagnerkübel auf der Terrasse. Ein Knäuel fast identischer Männer: Drei von ihnen fallen beinahe in mein Auto, zwei andere krachen Huckepack in ein Straßenschild. „Das müssen meine Crawl-Kumpanen sein!“, denke ich. „Keine Rastazöpfe und Rucksack, nein, stylische Typen zwischen 30 und 40, die mit Champagner feiern.“

Aber Nick und ich werden im „Silberfisch“ erwartet. Die Blues-Brothers feiern im „Silberstein“ bloß ihren Junggesellenabschied. Im „Silberfisch“ hingegen organisiert Herr Jackson, ein Brite und der Chef des kommenden Abends, Getränke für seine 110 Gäste. Die stehen auf der Straße und freuen sich schon jetzt in beeindruckender Lautstärke. Herr Jackson hingegen drückt mit stiller Effizienz auch uns etwas zu trinken in die Hand. Mit seiner aufgeräumten Art, den gegelten Haaren, Regenjacke, Chinos und Mokassins sticht er aus der Meute seiner Gäste heraus.

Die Crawler sehen so aus, als wollten sie es richtig krachen lassen. Die Mädchen haben sich mit Leggins und Babydoll in die Uniform der jungen Großstädterin geworfen. Becky Brady und Sarah Hawkins haben sich besonders herausgeputzt: In glitzernden Minikleidern, High-Heels und schrillem Make-Up fühlen sie sich Berlin gewachsen. Beide 19 Jahre alt, sind sie aus Cheltenham angereist – einem Ort, den nicht mal der britische Herr Jackson kennt.

Es geht los. Wir halten uns an die beiden Glitzerkleidchen, verlieren sie aber in der Menge. Doch die beiden finden uns und die Wodka-Orange-Quelle: Zwei Animateurinnen versorgen die Durstigen mit Shots, die sie, obwohl sie im Rückwärtsgang vor der Truppe hereilen, zielsicher einschenken. Bereits nach der zweiten Station werden die beiden ihre Vorräte auffüllen müssen.

An der Ecke Oranienburger und Tucholskystrasse stoppt ein Typ in Crew-T-Shirt unseren gerade so richtig in Schwung kommenden Tross und gibt uns Regeln mit auf den Weg: „Trinkt nicht so viel, damit ihr euch nicht übergebt! Gebt Acht aufeinander! Bewahrt möglichst Ruhe! Dazu schwenkt er die Flasche Wodka-Orange wie einen Diri-gentenstab. Zeitgleich biegt ein gelber Bus mit der roten Aufschrift „Sightseeing-Tour“ um die Ecke. Die Passagiere am Oberdeck prosten uns zu und johlen Unverständliches. Um mich herum übertönt alles ein– „Pub-Crawling, yeaaahh!“ – mehr Spaß gewinnt.

Es geht zur „Ostzone“, einer dieser Nostalgie-Kneipen. Unterwegs werden die Bäume im Monbijou-Park genutzt, um bereits genossene Getränke wieder loszuwerden. Hier lerne ich Patti aus Barcelona kennen. Die hatte für den Abend keine Pläne, wollte Spaß haben, trinken und nicht so allein sein. Spätestens in der „Ostzone“ sind wir schwer in Fahrt. Ein Paar knutscht an der Bar. Er ist blond und Australier, sie ist Kanadierin und hübsch. Es ist das dritte Mal und das dritte Land, in dem sie sich für einen Pub-Crawl verabredet haben. Mit glasigen Augen schauen sie einander an. Pub-Crawling verbindet. Schön unverbindlich. Wir reden, tanzen, stoßen an, jeder mit jedem, immer und immer wieder. Wir sprechen über Geschichte, junge Autoren unserer Nationen und fühlen uns zugehörig. Wir machen Party. Wir sind die Party. Die Bar „Sajgon“, unsere dritte Station, ist leer, bis auf ein paar vereinzelte Nussesser und Biernipper. Dann brechen wir in ihre Ruhe ein. Wir, hundert-und-zehn um genau zu sein, eine Horde, die einen Drink nach dem anderen ordert, die Toiletten blockiert, sich auf dem Tresen halb entkleidet und nach einer dreiviertel Stunde geschlossen und singend den Laden wieder sich selbst überlässt.

Der Weg ins Café „Zapata“ am Tacheles kommt Nick und mir recht lang vor, obwohl es kaum einen Kilometer entfernt ist. Die Wodka-Mixtur erleichtert den Gang, das Gespräch und hilft gegen das nasskalte Wetter, das sich unangenehm schnell in die Glieder frisst.

Endlich angekommen im „Zapata“, müssen Nick und ich, noch im Eingang stehend, die Rolle der Finnen während des Zweiten Weltkrieges erörtern. Fotograf Nick ist total genervt. „So gut habe ich die Nazis jetzt auch nicht gekannt“, murmelt er mir ins Ohr. Wir kommen zu dem Schluss, dass das Museum am „Checkpoint-Charlie“ alle elementaren Fragen beantworten wird und können endlich rein in die Bar.

Doch da müssen wir schon wieder aufbrechen. „Pub-Crawl is leaving!“, brüllt Animateurin Anna, die behauptet ihre Crawler zu vermissen, wenn sie frei hat. Draußen drängelt es heftig, alle haben den richtigen Ausgang gefunden. Niemand kommt mehr durch. Nur die Blues Brothers vom „Silberstein“ bahnen sich ihren Weg durch die Crawler. Ihre Hüte hängen schief und irgendwie ist auch die Mimik ganz verrutscht. Wir begrüßen uns viel zu überschwänglich und übertreffen uns bei den Erlebnisberichten des Abends. Ihr Plan: Sich jetzt die andere Straßenseite hinuntersaufen. Da gibt es schließlich auch Bars, man darf kein Ungleichgewicht entstehen lassen. Ja, genau. Mehr fällt mir dazu wirklich nicht ein. Die Crawlers brüllen und versuchen, den enthemmten Kuss von eben auf der Tanzfläche wieder zu finden. Chaos ist ausgebrochen. Einzig Herr Jackson bleibt ruhig. Die Meute wird immer ungehaltener. Was sich dann abspielt, ähnelt dem Einfangen aus dem Zoo ausgebrochener Tiere. Die insgesamt fünf Animatoren versuchen Hazel und Marc, Denize und Susan, Chloé und Stan in die U-Bahn zu verfrachten. Ein nervenaufreibendes Unterfangen. Doch sie gehen ganz methodisch vor und als die erste Stunde des neuen Tages anbricht, sitzen alle hinter Schloss und Riegel der Waggons, die sie zur fünften und letzten Station bringen wird: dem Matrix.

Dass Berlin so eine richtige Disko hat, in der acht Jahre alte Chartbreaker gespielt werden, war mir nicht klar – willkommen im Matrix. Drinnen riecht es stark nach dem süßlich schweren Duft der Nebelmaschine. Alles badet in indirektem Licht: Warme Töne, gelb, blau, sanftes Pink. Die Belegschaft ist auffällig gebräunt, mit gestählten Körpern und sehr akkurat geschnittenen Kurzhaar-Frisuren. Sie versuchen tatsächlich, mit den zu Flaschen jonglieren. „Wollt ihr noch ein Bier?“; fragt Herr Jackson. Nick und ich schauen uns an. Jetzt bloß nicht aussteigen. Eine halbe Stunde vergeht. Auf „Blümchen“ folgt „Scooter“, jetzt gönnt uns der Allround-DJ eine kurze Rockwelle – unsere Gelegenheit Feiergeist zu demonstrieren. Die Finnen wanken auf uns zu, sie haben eine Flasche Wodka bestellt und so Anrecht auf die Sofaecke erworben. Als Curt Cobain dann „here we are now, entertain us“ durch die Boxen klagt, kreist hier oben die 1,5 Liter-Flasche und wird direkt angesetzt. Nick nimmt drei tiefe Schlucke. Sein Schweiß mischt sich mit Wodka, die Mischung rinnt seinen Hals hinunter. Wir schleudern unsere Köpfe rhythmisch über den von innen beleuchteten Tischen.

Auch Patti ist unersättlich. Ein Cuba-Libre nach dem anderen findet den Weg zu ihr. Sie spricht nur noch Spanisch. Patti ist zu Nicks und meiner Freundin geworden und auch viele andere Torkelnde halten sich an uns. Berlin ist groß und kleine Mädchen können hier schnell verloren gehen. Wo ist Herr Jackson? Wo ist die Crew? Bisher war ich Herrn Sandeman für seine organisierte Pub-Exkursion sehr dankbar, diesen Aspekt hatte ich verstanden. Nur warum verlässt das Team ausgerechnet hier die mittlerweile alkoholbedingt verwirrten Stadtfremden? Das Matrix bedeutet die Endstation der offiziellen Feierei, die Crew-Mitglieder sind plötzlich privat hier. Was jetzt geschieht, liegt in Pattis, Zoes, Wills und Daniels eigener Verantwortung. Kaum einer kann sich an den Namen der hiesigen U-Bahn-Station erinnern, geschweige denn an Adresse ihres Hostels. Kurzzeitig flackert bei einigen Panik auf und Stadtpläne werden unkoordiniert auf dem Tresen hin- und hergedreht – wo war noch mal oben?

Eine Woche später gehe ich wieder zum Crawler-Treffpunkt „Silberfisch“ und setze mich gegenüber in ein Café. Diesmal werde ich nur beobachten: Kommen genau so viele Studenten wie beim letzten Mal, oder die Berlin-Besucher, die Hin- und
Rückflug ohne Hotel buchen, weil sie die Nacht durchtrinken wollen? Wird sich jemand prügeln? Oder doch nur knutschen? „Der zuständige Polizeiabschnitt kennt die Crawl-Strecken aller Anbieter und ist allabendlich in Bereitschaft. Als mal ein Messer gezogen wurde – von einem Berliner –, war der Notarzt innerhalb von Minuten da“, sagt New Berlin-Tours-Chef Cris Sandeman. Ich warte also ab. Insgesamt ist dass, was sich bereits am frühen Abend auf der Oranienburger Strasse abspielt, kaum zu ertragen. Auffällig sind nicht nur die lauten Crawler, sondern vor allem kleinere Grüppchen, die in Funktionssandalen und schlabbrigen Shirts die Oranienburger Strasse zum Ebenbild der Hamburger Amüsiermeile „Große Freiheit“ machen. Die Crawler verlassen den „Silberfisch“ und setzen sich in Bewegung: ein Tross junger, herausgeputzter und fröhlicher Leute. Den nächsten Stopp spare ich mir und setze mich stattdessen dem „Sajgon“ gegenüber zum Italiener. Wenig später kommen sie. Man hört sie von weitem, da gibt es kein Vertun. Das Szenario ist das gleiche: Wodka Shots für den Weg und Heuschreckenartiger Einfall im halbleeren „Sajgon“ Der Deal mit den Crawlern sei zwar gut für das Geschäft, sagt einer der Barkeeper, aber im Prinzip auch ein Armutszeugnis: „Berlin hat mit seiner Ausgehkultur längst Städte wie Amsterdam abgelöst, aber was hier gezeigt wird, ist eben nicht das wahre Berlin bei Nacht. Es ist eine inszenierte Version, durch und durch für die Touristen.“ Dieses Wochenende ähnelt dem Letzten verblüffend: Spanier, Kanadier, Engländer. Kaum ein Unterschied – außer: Es sind bloß 80 statt 120 Crawler.


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