- Artikel
- 20.11.2008
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Clubs: Fuck the Spain away
Als das Jahr wird 2009 in die Party-Annalen eingehen, in dem die zweite Besatzungszeit Berlins endete. Nach dem Zweiten Weltkrieg bereicherten die Alliierten das Nachtleben in der geteilten Stadt. Nach den Bomben kamen Jazz und Rock’n’Roll und machten Hunger auf Tanz zwischen Ruinen. In der Billigflieger-Epoche sind es statt Amerikanern und Engländern die Spanier und Skandinavier, die sich im Freizeitpark Berlin weitab der Heimat austoben. Ob damals in der „Badewanne“ oder heute auf den Afterhours im Golden Gate oder Ritter Butzke: die Bereitschaft, alle Vernunft fahren zu lassen und die Konsequenz daraus einen guten Mann sein zu lassen, wachsen proportional zum Anteil an Leuten, die nicht in der Stadt wohnen, in der sie in die Ecken kotzen. Das gibt dem Berliner Nachtleben seit dem Jungfernflug von Easyjet die ganz besondere Würze. Denn als Einheimischer will man natürlich nicht hintenan stehen. Die neue Migranten-Klasse der internationalen Feierschweine schafft nicht nur die kritische Masse, die die unglaubliche Vielfalt an Nachtleben in Berlin erst ermöglicht, sie bringt auch ihre ganz eigenen Vorstellungen und Ansprüche an Berlin mit. Das schafft die kreativen Reibungen, für die jeder hitzige Schmelztiegel von London über New York bis demnächst wahrscheinlich Peking bewundert wird.
Berlin gleicht dem New York aus dem Film „Die Klapperschlange“. Zaun drum und dann macht doch euren Scheiß. Der Bürgerentscheid gegen das Investoren-Projekt Mediaspree zeigt, dass die Berliner das auch so haben wollen. Ob man jetzt Oskar Melzer vom Weekend, Badlands und Restaurant Privée oder Heinz Cookie Gindullis vom Cookies, Crush, Crackers und Restaurant Cream oder Falk Walter von Arena und Admiralspalast für den Isaac Hayes, den Ober-Don aus der „Klapperschlange“, hält, ist völlig egal. Viel wichtiger ist, dass man so souverän durch die verschiedenen Feier-Sektoren Berlins gleitet wie Snake Plissken durch New York. Immer die Flasche im Anschlag und die Schlangenlederjacke überm Rippenunterhemd. Das ist genau das Outfit, mit dem man überall genau richtig aneckt von Neukölln/Kreuzberg über Friedrichshain bis Mitte/Prenzlauer Berg.
Neukölln gleicht aufs Haar dem Harlem der 20er Jahre. Keller ohne Notausgang, dafür mit naseweisen Zehnjährigen als Kassierern und Musik, die leiser gedreht wird, wenn die Hunde die Ohren anlegen. Die Turnschuhe sind ausgelatscht, Weird-Folk hätte auch hier erfunden werden können, und Kleinkunst schmeckt gut zum reingeschmuggelten Bier. In den umfunktionierten Kellern, Privatwohnungen und Eckkneipen ist alles Aufbruch, Improvisation, No-Budget. Und die Spanier feiern mit billigen Drogen, dass sie nicht beim Schwarzfahren in der S-Bahn von Schönefeld erwischt wurden. Wer noch nie auf Speed durch das Labyrinth über der Karmanoia Bar geirrt ist, hat ein Geburtskanal-Dejà-Vu verpasst. Jetzt ein Kuss, mi Corazon. Neukölln brodelt vor selbst gebauter Kreativität. Ideen brauchen keinen Businessplan. Ob im Ä am Open Wednesday Grufti-Folk für Emo-Kids neben Chansons in Matrosenkostümen vorgestellt wird, das „Gelegenheiten“ eine Reggae-Filmpreziose wie „Rockers“ ausgräbt oder im O Tannebaum im Heizungskeller neben der Folk-Elektronik von „Mein kleines Pony“ ein bisschen Psychedelic-Trance eingeschoben wird, in diesem anti-elitären Kiez-Flair werden genau die Samen gesät, aus denen der Metropolen-Charakter von Berlin entsteht. Weiter weg vom dumpfen Ballermann-Konsumismus, der nur bespaßt werden will, kann man gar nicht sein. In Neukölln will, wer feiert, auch mitgestalten. Deshalb ergibt sich so ein lustiges Babel aus all den konstruktiven Einmischungen. Der romantischste Sommer-Parcours für alle, die noch ein Fünkchen Hippie-Anstand in sich haben, startet auf der Admiralsbrücke in Kreuzberg bei Getrommel von Goa-Hängengebliebenen zu Blues-Gezupfe von Milchbubis mit Seitenscheitel und endet bei Sonnenaufgang in Rixdorf, am Ostende von Neukölln, einem verwunschenen Dorf in der Stadt, wo man eine Kletterrose bricht für all die Schatten, mit denen man gerade noch geflüstert hat, aber nun streicht nur noch ein Fuchs unterm Gartenzaun durch.
Die Skandinavier trifft man in und um Mitte. Sie wohnen dort, weil ihre Eltern die Immobilienpreise in Berlin so lachhaft finden. 2009 tragen sie derbe Boots, nicht zugeschnürt, zu Bundfaltenjeans. Ausgelatscht ist da nichts. Das Skandinavier-Nachtleben zwischen Villa, Picknick, Scala, dem Broken Hearts Club und gelegentlichen Abstechern ins Cookies und die Panoramabar (druff und futsch gönnt man sich ab und zu, zu Hause wartet ja das Designerbett mit Südost-Fenster), ist bevölkert wie der erträgliche Teil der Blog-Welt: von Profis, die sich als Privatpersonen ausgeben (im Gegensatz zum unerträglichen Teil der Blog-Welt: private Amateure, die sich als Profis ausgeben). Wer hier beim Ausgehen A sagt, muss damit rechnen, dass er am Arbeitstag das B quittiert bekommt. „Hör mal auf, mich im Picknick-Hof immer so hinterm Ohr abzuschlabbern. Dann kann ich dich beim Agentur-Roundtable echt nicht ernst nehmen“, ist nur einer der Sprüche, die man in Kauf nehmen muss, wenn einem die Kiez-Gemütlichkeit Neuköllns auf den Wecker geht und man mal wieder den Hochglanz-Glamour eines „Style Council“-Covers nachspielen will, weil man immer noch glaubt, dass Dekadenz die Höchstform der menschlichen Daseinsformen ist. Die Läden sind abgeschrammelt und haben den Charme von halblegalen Flüster-Kneipen, aber das Publikum ist rausgeputzt und hat saumäßigen Spaß daran, sich im fancy dress des Gegenübers zu spiegeln. Wenn man am Galerientag im Staubmantel durch Mitte zieht, grüßt man permanent aufmerksam in alle Richtungen, weil man verdammt noch mal nicht mehr weiß, ob der und der Typ ein wichtiger Galerist oder Künstler ist oder einfach nur eine Nachtlebenbekanntschaft, die genauso nach wichtigen Künstlern und Galeristen Ausschau hält. Mitte ist das Schaufenster für Schaumschläger und Snobs. Neuköllner finden das eklig. Aber wer den Reiz von Potemkinschen Dörfern, großem Theater und Sugar-Daddies liebt und alles von Bret Easton Ellis gelesen hat, der kann sich in diesem aufgeblasenen Möglichkeitsraum vom Statisten zum Player hochspielen, ohne dass irgendjemand ihm die falsche Komödie verübeln würde. Die Wirklichkeit ist für Trockenpflaumen mit Riester-Rente. Mehr als acht Euro braucht hier niemand, um durch die Nacht zu kommen. Nur Style und die richtige Geschmeidigkeit. „Wer hat eigentlich gestern das Taxi bezahlt? Oder waren wir zu Fuß gegangen?” Wer nicht auf der Gästeliste steht, muss wenigstens so aussehen, als wäre er Stammgast. Und irgendwer schleppt einen immer noch ins Bandol oder Grill Royal oder Tartane und spendiert einen Happen zum wieder erstarkten In-Getränk Chardonnay-Aperol. Es lebt sich, als wäre schon ewig Wirtschaftskrise und Beziehungen sind alles, Geld nichts. Deshalb schockt die reale Wirtschaftskrise da draußen auch niemanden hier drinnen.
Weil diesem Nachtleben nicht nur Kopenhagen und Stockholm, sondern auch London und New York so nah sind, orientiert man sich ebenfalls bei der Informations-Weitergabe an den Kanälen, die dort längst Usus sind. Was früher der Flyer war, der selektiv weitergereicht wurde, wird zusehends von Facebook übernommen. Und der Vorteil: klick RSVP und du bist drin. Parties von der Villa, dem Tausend, Scala, Discos Capablanca, Trickski, Inner Visions werden nicht nur über Facebook an die „members of …“ kommuniziert, man kann sich auch gleich mit einem Klick auf die Gästeliste setzen. Der Trick vor dem Klick: Man muss natürlich erst mal zum „member of …“ gekürt worden sein. Das läuft nur offline. Zeig’ deine Fresse, beweise, dass du ein Hecht im Hechtteich bist, dann wirst du mit Privilegien belohnt. Über den kontrollierten Zugang wird der familiäre Charakter des Mitte-Ausgehens gerettet. Die Mitte-Ausgeher sind nicht die, die sich die Oranienburger Straße hoch und runter flatrate-saufen, sondern die, die 24/7 mit dem Sektkelch in der Hand arbeiten und mit dem Blackberry in der Hand feiern. Und die, die wissen, dass eine Facebook-Mail mit dem Betreff „Fuck Hugo invited you to the event …“ kein Pornospam bedeutet, sondern das Versprechen einer weiteren Kontrollverlust-Nacht unter falschen Freunden, von denen niemand erwartet, dass sie richtige sein sollten.
Das Internet klebt auch sonst als immer wichtigerer Appendix am Berliner Nachtleben. Nach einer Broken Hearts Club-Party checkt jeder deren My Space-Seite, um sich auf den Partyfotos zu versichern, dass man selbst eine bessere Figur gemacht hat, als man am nächsten Morgen mit Brummschädel dachte, alle anderen aber eine schlechtere, als man neidisch in Erinnerung hatte. Eine Veranstaltungs-Seite wie Unlike.Berlin ist mit ihrer strengen Auswahl eine wichtige Ergänzung zu Stadtmagazinen wie zitty. Und der neue Live-Rockschuppen, der den „103Club“ am Schlesischen Tor ablöst, wirbt damit, dass die Konzerte professionell aufgezeichnet und parallel als Stream ins Netz gestellt werden.
Mit dem Umbau des 103Clubs zum Konzertraum schließt sich eine Dreierphalanx vom Lido über den Ex-103Club bis zur unverfrorensten stadtplanerischen Ohrfeige, der O2 World, die den Trend zum Konzert- statt Club-Besuch manifestiert. Aber irgendwie sind die Leute, die für eine Stunde Frontalunterhaltung in der O2 World 80 Euro ausgeben, nicht so ausschlaggebend für das Nachtleben mit dem Acht-Euro-Budget, das dann beginnt, wenn die Konzertgänger unter ihrem Starposter einschlafen. Mit den acht Euro ist man nämlich selbst ein Star.
Die O2-Arena sieht man bis nach Friedrichshain. Das stärkt die Friedrichshainer nur in ihrer Anti-Haltung. Ob Friedrichshain jemals aus dem Würgegriff der selbst ernannten Haschrebellen im ersten Semester Biologie rauskommen wird, ist offen. Aber entlang der Eisenbahntrasse vom RAW-Tempel übers Cassiopeia bis zum Lovelite entwickelt sich eine Stadt in der Stadt, die zwar den Ruch von Alternativ-Spießern in humorlos konsumverweigernden schwarzen Hoodies nicht ganz los wird, aber mittlerweile ein sehr offenes Programm zusammenstellt. Überraschung 2008: Im Cassiopeia spielen die Electro-Hopper Cool Kids aus Amerika, die vor Hipness geradezu stinken. Und hip, das ist etwas, worüber man im rebellischen Bafög-Kiez nur die Nase rümpft. Bestes Erlebnis in Friedrichshain: nach einer durchgesumpften Berghain-Nacht in einer Dealerwohnung mit Einbauschrankwand landen und die Wasserpfeife vom Couchtisch stoßen. „Eh, die war aus Glas. Teuer. Die ersetzt du mir. Ich hol’ die Quittung, Alter, die ersetzt du mir.“ Genau so hatte ich mir immer die zügellose Welt der Drogenexzesse vorgestellt. Hier dominieren halt immer noch die Schwaben vor den Spaniern. Aber beim Fahrradhändler an der Warschauer Brücke
gibt es die günstigsten Rennfahrerkappen. Und die braucht man auch beim Ausgehen in Neukölln und Mitte.
Wenn die Flugpreise so exorbitant anziehen werden, wie es Schwarzseher an die Wand malen, dann wird das zum einschneidendsten Ereignis in Berlins Nachtleben 2009 werden. Berlin als babylonische Multikulti-Besatzerstadt von nachmittäglichen Barfuß-Openairs bis zu Kunstsammler-Afterhours mit Fußmassage für Stiletto-Geschädigte: adé. Und wer jetzt noch in Anlehnung an Peaches posaunt: „Fuck the spain away“, der wird Ende 2009 wahrscheinlich in einen Unterstützerfonds einzahlen, mit dem die Teuerungsrate für Flugtickets aufgefangen wird. S
Dieser Text ist ein Auszug aus dem neuen Jahrbuch 2009 der zitty. Es erscheint am 24. November.
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Kommentare
übrigens...
würde ich, als deutscher, zweimal drübernachdenken, bevor ich mein Ekel gegen Ausländer ausspreche...
pablito 03.12.2008 19:13 UhrWut!
oh oh oh... da hat jemand mal ne schlechte Nacht gehabt? lass mal raten... entweder scheiss cocks in mitte gekriegt, oder nicht im Club reingekommen in kreuzberg, voll bekifft in der sbahn warschauer eingepennt, Jacke geklaut in Mitte oder Alkikotze in der Hose in Neukölln? cool down, alter!
pablito 03.12.2008 18:18 UhrIhr Kommentar
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