- Artikel
- 13.09.2007
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Kampf der Bezirke: Kampf der Bezirke
Eigentlich ist das unmöglich zu bestimmen, dem Naturfreund sind die innerstädtischen Bezirke zu hektisch und laut, dem Innenstadtbewohner die clubfreien, dafür mit Einfamilienhäusern und Laubenpiepern durchsetzten Außenbezirke suspekt. zitty hat es dennoch drauf ankommen lassen und einen überraschenden Gewinner gefunden, der Ruhe und Stadtleben miteinander vereint.
DIE VORRUNDE
Charlottenburg vs. Zehlendorf
Beide Bezirke eint vor allem eines: aufgeklärtes Bürgertum, und, ganz anders als manch Neuberliner zu wissen meint, kaum eine Spur von Spießigkeit. Das schöne Zehlendorf hat alles, was das Städterherz begehrt: viel Grün, Wasser an Krumme Lanke, Havel und Wannsee, schönste Villen in Schlachtensee und die Insel Schwanenwerder, auf der Brad Pitt und Angelina Jolie angeblich bauen wollten. Dafür hat Charlottenburg viel mehr internationales Flair: die Chinatown in der Kantstraße mit mindestens 25 verschiedenen asiatischen Restaurants, den belebten und beliebtesten Boulevard, den Kudamm und all die übrig gebliebenen kleinen Arthouse-Kinos. Wenn es also um Urbanität geht, liegt Charlottenburg eindeutig vorn. Ein Trost für die Zehlendorfer: Über die Avus ist man ruckzuck in Charlottenburg.
Friedrichshain vs. Hellersdorf
Friedrichshain hat Leben. Hellersdorf hat Gegend. Ausgehen in Friedrichshain bedeutet Berghain, Rosi’s, Bar 25, Supamolly. Ausgehen in Hellersdorf bedeutet Steakhouse oder Bowlingbahn. Friedrichshain hat die Zuckerbäckerbauten der Karl-Marx-Allee. Hellersdorf hat die „Helle Mitte“, das nachträglich geplante, steinern-pompös-verödete Stadtteilzentrum. In Friedrichshain stellt man sich einen Stuhl auf die Straße, wenn man einen netten Nachmittag verbringen will. In Hellersdorf pflanzt man Hecken, baut Zäune, schirmt seinen Balkon mit scheußlich-bunten Sonnensegeln gegen alle Blicke ab, damit einen auch ja niemand sieht. In Friedrichshain übt man sich in urbanem Großmut. In Hellersdorf pflegt man seinen parzellenzentrierten Kleingeist. Hellersdorf kann einpacken.
Köpenick vs. Prenzlauer Berg
Prenzlauer Berg hat natürlich nicht den Hauch einer Chance – falls wir hier nach dem schrulligsten Stadtteil suchen würden oder dem schönsten Ausflugsziel. Denn
natürlich ist an Köpenick wenig schlecht: Es gibt dort die höchste natürliche Erhebung Berlins, den größten See, und 75 Prozent der Fläche sind Wälder, Wiesen und Felder. Der Fischerkietz ist tatsächlich sehr schön und ein Hauptmann hat Köpenick in den bundesdeutschen Schulunterricht gebracht. Aber: In Prenzlauer Berg gibt es keinen Hauptmann, sondern einen King und weil zitty auf der Suche nach dem besten Stadtteil ist – mit Betonung auf Stadt – gibt es in dieser Runde einen klassischen K.O. für Köpenick. Prenzlauer Berg wird seiner Favoritenrolle auf gespenstische Art und Weise gerecht.
Kreuzberg vs. Marzahn
Eine schwere Aufgabe für den Ostbezirk Marzahn, der deutschlandweit als Synonym für Plattenbau und platte Nazis steht. In Marzahn gibt es natürlich tatsächliche viele Plattenbauten und auch genug platte Typen, aber auch viel anderes: Das Eastgate ist Deutschlands größtes Einkaufszentrum, die „Landsberger Allee Pyramide“ ist Europas größte Uhr. Das Highlight Marzahns sind aber die Gärten der Welt mit dem japanischen, dem orientalischen, chinesischen, balinesischen und koreanischen Garten. Nachteil Marzahn: So richtig multikulturell ist der Stadtteil außerhalb der Landschaftsarchitektur nicht, ganz im Gegensatz zu seinem Kombattanten Kreuzberg. Weitere Argumente für Kreuzberg: SO 36, Oranienstraße, Landwehrkanal, 103 Club, Hans-Christian Ströbele, die schönste U-Bahn-Strecke der Stadt (U1), Görlitzer Park, das Rap-Label Royal Bunker, der Karneval der Kulturen, die Køpi … sorry Marzahn. Fieser Erstrundengegner dieses Kreuzberg.
Neukölln vs. Weißensee
Eigentlich unfair, denn Weißensee hat gegen den größten Berliner Bezirk nicht den Hauch einer Chance: Das 1360 gegründete Cölln ist nicht nur eine Keimzelle der späteren Großstadt Berlin. In all seiner Unterschiedlichkeit ist Neukölln so etwas wie Berlin im Kleinen. Es gibt die urban geprägten Gebiete um den Hermannplatz und die Karl-Marx-Straße herum, es gibt historische Orte wie Böhmisch-Rixdorf mit dem erhaltenen Anger, aber auch dörfliche Ortsteile wie Rudow und Buckow. Zwischen dem barocken Körnerpark und dem modernen BUGA-Gelände hat Neukölln zudem vollkommen unterschiedliche Grünflächen. Zwar gibt es mit 25 Prozent die höchste Arbeitslosenquote von Berlin, aber nimmt man Neukölln alleine und denkt sich die Restbezirke Berlins weg, wäre dies schließlich auch die größte Stadt zwischen Hamburg und Warschau. Dem entspricht dann auch das Kulturangebot: jede Menge Kinos, die Neuköllner Oper und das Festival „48 Stunden Neukölln“ Und Weißensee? Tja, Weißensee hat einen runden See mit ‘ner Fontäne in der Mitte …
Reinickendorf vs. Tiergarten
Anfangs lässt sich Außenseiter Reinickendorf von der Love-Parade-Vergangenheit, Knut oder Häusern mit Politikern drinnen einschüchtern. Doch schnell findet der Underdog zu seiner Stärke und überzeugt mit sagenhaften Statistiken von Haushaltseinkommen (hoch!) über Arbeitslosigkeit (niedrig!) bis zu Grünflächen (über 40 Prozent Wald, Wiese, Wasser). Auch technisch ist man dem Tiergarten überlegen: Ob Drei-Schluchten-Staudamm, Burj Al-Arab oder die Christus-Statue in Rio – ohne Technik aus Reinickendorf wäre nichts davon denkbar. Noch ein paar Attacken mit Grundschülern, die chinesisch lernen können, Berlins ältestem Baum und den vier Millionen Münzen, die täglich in Reinickendorf geprägt werden und die Überraschung ist perfekt: Reinickendorf landet den ersten Überraschungssieg des Turniers.
Schöneberg vs. Wilmersdorf
Ein ungleicher Kampf: In Wilmersdorf sieht man auf der Straße bestenfalls alte Damen, die ihre Schoßhunde ausführen, in Schöneberg alle: Lederschwule, türkische Großfamilienpapas, HipHop-Mädchen und Müsli-Esser. Schöneberg ist der Prenzlauer Berg des Westens: In der Gegend um die Goltzstraße gibt es unzählige Cafés und Kneipen, im Second Hand Laden Garage wählt man aus einem riesigen Sortiment und zahlt nach Gewicht, abends trifft man die Prominenz der Stadt im 90 Grad. Wilmersdorf hat nicht mal die Gedächtniskirche, aber Schöneberg das KaDeWe. Nur mit dem Teufelsberg als höchstem Berg Berlins liegt Wilmersdorf vorne. Aber das reicht nicht. Schöneberg gewinnt!
Spandau vs. Steglitz
Wer in Spandau wohnt, ist selber schuld. Denkt der Durchschnitts-Berliner. Dabei hat Spandau alles was ein Bezirk braucht: Grün (Spandauer Forst), grau (Industriearchitektur Siemens) und blau-gelb (Ikea). Außerdem: 26.880 Straßenbäume, 129 Pferde, 196 Rinder und 79 Schafe. Dann noch Fährverkehr Richtung Wannsee und Potsdam und eigenen DB Bahnhof. Steglitz punktet mit dem Botanischen Garten (auch grün, kostet aber Eintritt), eigenem Berg (Fichtenberg) und dem absurdesten Gebäude der Stadt: dem Bierpinsel. Steglitz ist Sitz der Firma Knauer, die Dopingkontrollmittel für Rennkamele in Dubai herstellt, und hat bei Krasselts die beste Currywurst Berlins. Außerdem ist Steglitz ein geheimes Shopping-Mekka: „Das Schloß“, Forum Steglitz, Schlossstrasse. Man fragt sich, ob soviel geballter Konsumterror ein Negativ-Kriterium ist, aber dann fällt einem ein: Die Spandauer tun gern so, als hätten sie Berlin nicht nötig und Spandau wäre ihr Stadtstaat. Das können sie dann gerne weiter tun: Steglitz ist in der nächsten Runde.
Tempelhof vs. Pankow
Eine Erstrundenpartie der Extreme zwischen Pankow im Norden und Tempelhof im Süden: Was Lebensqualität und Grünflächen betrifft liegen beide Bezirke dicht beieinander im oberen Bereich der Skala. Was kulturelle und kulinarische Qualitäten betrifft liegen Ost- und Westbezirk dicht an dicht im Keller (da hilft auch leider die Ufa-Fabrik nicht viel). Der gebürtige Tempelhofer Wowereit wurde als Argument ebenso abgeschmettert, wie die Villen des kommunistischen Resopalregimes im Majakowskiring. Den Ausschlag gab dann am Ende eines der schönsten Gebäude der Welt: der Flughafen Tempelhof. Denn wie sagt der in der Flugschneise aufgewachsene Literaturfuzzi Göllner: „Fluglärm ist kein Lärm,
sondern ein Geräusch voller Sehnsucht.“
Treptow vs. Hohenschönhausen
Der Treptower Park ist einer der größten und schönsten in Berlin. Außerdem befindet sich hier mit der Arena einer der wichtigsten Berliner Veranstaltungsorte – am wichtigsten aber: Hier befindet sich mittlerweile Berlins bestes Stadtmagazin, die zitty. Hohenschönhausen hat eine der wenigen Antifas, die ihre Homepage aktualisieren, das Mies van der Rohe-Haus (das letzte in Deutschland geplante Haus des Stararchitekten, bevor er 1938 emigrierte), die Eishockeycracks der Eisbären Berlin – aber: die Menschen verlassen Hohenschönhausen. Derzeit sind es noch ziemlich genau 100.000 Hohenschönhausener, aber pro Jahr ziehen 1.000 weg. Der Knockout für Hohenschönhausen: Die Uferpromenade im Treptower Park. Einen Ort wie diesen sucht man in Berlin sonst vergeblich.
Wedding vs. Lichtenberg
Erste Feststellung: Lichtenberg ist eine Wüste. Badeseen: null. Im Wedding wartet dagegen der grandiose Plötzensee. Wedding ist der profiliertere Wissenschaftsstandort (Charité, Deutsches Herzzentrum, TFH, diverse TU-Institute), aus Wedding kommt man gut wieder weg (Autobahn und Fernbahnhof), der Soldiner Kiez ist eindeutig die krassere No-Go-Area als die national-verkorkste Weitlingstraße. Klarer Sieg nach Punkten für Lichtenberg dagegen in der Kategorie „Tierwelt“: Dem Tierpark, dem Tierheim und der Trabrennbahn Karlshorst kann Wedding nur das Wildschweingehege in den Rehbergen entgegen setzen. Für den Sieg reicht’s trotzdem: Wedding gibt Lichtenberg richtig auf die Fresse.
Wie es den Bezirken in den weiteren Runden ergeht - und wer am Ende das Rennen macht - das lesen Sie in der aktuellen zitty-Ausgabe.
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