- Artikel
- 24.10.2007
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Berlin - Reportage: Unser Haus ist unser Haus
Bewohner der Marienburger Straße 31a im Hof ihres Hauses Foto: Christoph Eckelt
Das ist schon eine tierische Wärmedämmung“, versichert Klaus Staffa. „KfW 40“, fügt er hinzu, das ist der Behördencode für den derzeit höchstmöglichen Dämmstandard. KfW 40, Holzpellet-Heizung im Keller, Solarthermie-Anlage auf dem Dach. „Man wohnt hier mit gutem Gewissen“, fasst Staffa zusammen.
Gut anderthalb Jahre ist das Haus alt, das Klaus Staffa bewohnt. Es steht in der Marienburger Straße 31a mitten in Prenzlauer Berg, hat eine ockerfarbene Fassade, einen Garten voller Kinderspielzeug und es gehört – Klaus Staffa. Zumindest zu einem kleinen Teil. Zwei Zimmer bewohnt er zusammen mit seiner Tochter. Klaus Staffa hat diese Wohnung nicht einfach gekauft – er hat sie gebaut. Als Mitglied einer Baugruppe aus 15 Parteien, die ihr Haus im Laufe von sechs Jahren geplant und errichtet hat.
Dass der Musiker und Leiter einer Trommelschule irgendwie etwas Unerprobtes tat, als er sich der Baugruppe anschloss, war ihm schon damals klar. Dass er Teil einer regelrechten Bürgerbewegung wird, wusste er nicht. Völlig unabhängig voneinander haben sich Anfang dieses Jahrzehnts in Berlin Dutzende kleine Gruppen gebildet, die einen dritten Weg gesucht haben zwischen dem Wohnkollektiv linksalternativen Zuschnitts und der Eigentumswohnung im luxussanierten Altbau. Und sie haben ihn gefunden. Sie haben sich Häuser gebaut, die ihren Vorstellungen entsprechen. Häuser, in denen sie in einer Gemeinschaft aber doch jeder in der eigenen Wohnung leben. Und sie haben Geld gespart, viel Geld sogar im Vergleich zu normalen Eigentumswohnungen.
Uwe Heinhaus, Architekt und Nachbar von Klaus Staffa, kennt die Zahlen – er hat das Haus in der Marienburger Straße entworfen und von Anfang an koordiniert. „Wir haben 1540 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche ausgegeben“, sagt er, „das sind gut 200 Euro weniger als ein kommerzieller Bauträger veranschlagt.“ Und dabei halte sein Haus einen viel höheren Standard. KfW 40, Holzpellets, Solarthermie – all das mache sich schließlich auch bei den Betriebskosten bemerkbar. Und außerdem müsse man berücksichtigen, dass die Wohnungen maßgeschneidert für die Bewohner sind. Klaus Staffa rechnet vor: Die Raten für seinen Kredit liegen heute ungefähr genau so hoch wie seine Miete vorher. „Und dabei war meine vorige Wohnung in einer völlig unsanierten Spelunke.“
Eigentlich will er aber nicht so viel über Zahlen reden. Sondern lieber über das Leben im Baugruppenhaus. „Für mich ist das wie eine Groß-WG“, sagt er. Regelmäßig feiern die Bewohner Feste, man kennt sich gut, hilft sich mit allem, was gerade anfällt. 23 Kinder gibt es im Haus, einen Babysitter braucht hier niemand, es ist immer eine andere Familie da, die einspringen kann. Staffa war fürs Casting der Gruppenmitglieder verantwortlich. Er hat damit besonders viel Erfahrung, er hat viele Jahre in WGs verbracht, einige davon auch in einem besetzten Haus in Kreuzberg. Die Auswahl sei auf einer sehr persönlichen Ebene abgelaufen, sagt er. „Manchmal habe ich schon nach dem ersten Telefonat gesagt: Das wird nichts. Wenn die Leute nur nach der Finanzierung gefragt haben und ob man dem Architekten trauen kann, dann war’s schon gelaufen.“
„Baugruppen leisten genau das, was die Stadt sonst erst mit umfangreichen Maßnahmen in Gang bringen muss“, meint Klaus Beckmann, Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) in Charlottenburg, „sie helfen sich im Alltag, sie kümmern sich um ihr Quartier.“ Die Baugruppen in Berlin und anderen deutschen Städten – insbesondere in Tübingen, Hamburg und Freiburg gibt es rege Szenen – reflektierten aber auch geänderte Bedürfnisse der Städter: „Unsere Lebensformen haben sich geändert. Es gibt viele Alleinstehende und Alleinerziehende, für die es massive Vorteile mit sich bringt, wenn sie näher zusammenrücken.“
Auch der Senat hat das erkannt. Schon aus fiskalischen Gründen ist das Land daran interessiert, dass die Klientel der Baugruppen nicht in die Vororte abwandert. „Wir begrüßen diese Initiativen außerordentlich“, sagt Manuela Damianakis, Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Es gebe Pläne, für Baugruppen geeignete Flächen in städtischem Besitz zukünftig nicht mehr meistbietend zu versteigern, sondern zum Festpreis und mit einem Vorzugsrecht für Baugruppen. Die Festpreisklausel ist nötig, denn bis heute haben Baugruppen Schwierigkeiten, an Kredite zu kommen, erklärt Architekt Heinhaus, der zurzeit den Bau eines der größten Berliner Projekte in der Kollwitzstraße leitet. Das hängt mit der häufig eher geringen Solvenz ihrer Mitglieder zusammen, aber auch mit dem noch unbekannten Konzept. „Erst allmählich kommt in den Köpfen der Banker an, dass sie ja in jedem Fall die Wohnung als Sicherheit haben, so wie bei allen anderen Immobilienkrediten auch.“
An einen möglichen Wiederverkauf denkt in der Friedrichshainer Kreutzigerstraße noch niemand. Wo später einmal der Hausflur sein soll, blockieren jetzt noch Stahlträger den Weg, direkt vor der zukünftigen Haustür steht der Baukran. Wenn alles glatt läuft, ist das Haus Mitte nächsten Jahres fertig, und 16 Erwachsene zwischen 30 und 45 mit sechs Kindern ziehen dort ein. Ein Wohnprojekt ist es nicht unbedingt, das diese Gruppe anstrebt, aber mehr als eine Zweck-WG solle es schon werden, sagt Sebastian Brandt, der Sprecher der Gruppe. Von den ursprünglichen Initiatoren ist nur noch einer in der Gruppe dabei, alle anderen haben sich erst kennen gelernt, als das Projekt schon weit gediehen war. Brandt ist als Letzter dazu gestoßen. Er kümmert sich viel um die Baustelle, ist häufig vor Ort und bespricht sich mit Architekt Simon Schlosser oder den Handwerkern. Bauen macht richtig Spaß, sagt er, aber dann findet er eine seltsame Verfärbung an einer Betonwand und sein Gesicht verfinstert sich doch. Die Wohnung ist ein Teil von Brandts Altervorsorge. Er ist Freiberufler, hat eine Agentur für Künstlerreisen. Der Gedanke der Baugruppe gefiel ihm von Anfang an – weil er sich sicher ist, dass er in keinem Haus lieber wohnen würde als in diesem. Aber eben auch, weil er in kein anderes Projekt gerne so viel Geld stecken würde. Gemeinsam, selbstbestimmt und ökologisch will die Gruppe leben, schreibt sie auf ihrer Homepage. Selbstverständlich wird auch das Haus in der Kreutzigerstraße den Dämmstandard KfW 40 erfüllen. Im Keller wird eine Wasseraufbereitungsanlage stehen. Und auf dem Dach Solarzellen.
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