- Artikel
- 10.08.2006
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FEATURE: "Ich langweile mich sehr schnell" - Interview mit Musiker Dirk von Lowtzow
Dirk von Lowtzow war immer schon der Antityp eines Rockstars. Aber heute bricht er noch alle Klischees: Der Sänger der ehemaligen Hamburger Schule-Band Tocotronic trägt nicht Cordhose, sondern Jeans. Er schüttelt Hände mit umständlichen Bewegungen. Redet mit weichem, badischen Tonfall. Und legt seine altertümliche Herrenhandtasche auf den Tisch. Er nimmt sich Zeit. Er ist verbindlich. Freundlich. Gar nicht trotzig. Das war wohl früher.
Was bedeutet, erwachsen zu sein?
Da fällt mir überhaupt keine Antwort ein. Das ist doch etwas ganz Natürliches. Per Gesetz ist man ab 18 erwachsen, und seitdem fühle ich mich erwachsen. Das ist so ein eigenartiger Diskurs, dieses Erwachsenwerden. Oder wie die Zeitschrift „Neon“ am Anfang auf dem Titel stehen hatte: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ – so etwas interessiert mich nicht. Ich denke nie darüber nach, was Erwachsensein bedeutet, man verändert sich ja eh ständig.
Dann ist für Sie wohl auch die Generationen-
Literatur, die nun den Rückzug antritt, belanglos gewesen?
Ich hab das nie gelesen. Das fand ich immer so was von öde, mir über solche Sachen Gedanken zu machen. Das klingt wahrscheinlich wahnsinnig überheblich, oder?
Nicht für uns. Stört es Sie dann nicht, wenn Tocotronic immer als Stimme einer Generation galt?
Das stört einen schon, aber mich stören auch Künstler oder Musiker, die sagen, dass sie in keine Schublade gesteckt werden wollen. In Schubladen gesteckt zu werden, finde ich ganz natürlich und okay. Ich denke: Alles, was geschrieben wird, ist wahr. Und deshalb konnte gern behauptet werden, dass wir die Stimme einer Generation oder was auch immer waren. Nur: Wir haben es nie darauf angelegt.
Moment: Alles, was geschrieben wird, ist wahr?
Man sollte als Musiker oder Künstler nicht so viel darüber nachdenken. Ich denke, dass es eine Meinung ist, und darum hat es auch eine gewisse Berechtigung und ist somit auch eine gewisse Wahrheit.
Wie viel Wahrheit steckt in Ihrem Satz: „Ich werd mich nie verändern“?
Ach nein, wir haben uns ja verändert. Der Aussage lag ein gewisser Spaß am Trotz oder ein Spiel mit Paradoxien zugrunde. Die Aussage, dass man sich nicht verändert, ist vollkommen verrückt, und erweist sich ja schon allein durch den Verlauf des Lebens als paradox.
Es gibt ironische Texte von Tocotronic, lyrische, tiefgründige, versteckt politische. Was ist unterm Strich wichtig?
Schwere Frage. Wichtig ist, dass man das macht, was man macht, seiner Kunst nachgeht und dabei nie zu selbstbewusst wird. Es ist wichtig, dass man sich permanent widerspricht und die eigenen Positionen wieder hinterfragt, dass man sich von einem Spruch wie „Ich werd mich nie verändern“ nicht leiten lässt und dass man alle Paradoxien und Ambivalenzen zulässt. Aber besonders wichtig ist, wie gesagt, ein gewisses mangelndes Selbstbewusstsein.
Sie machen nicht den Eindruck von mangelndem Selbstbewusstsein…
Doch. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass man gute Musik oder gute Kunst schafft. Der Zweifel, der in einem bohrt und der einen Sachen hinterfragen lässt, ist ganz wichtig, um Neues zu schaffen. Selbstbewusste Künstler sind die schlimmsten überhaupt.
Das ist natürlich auch wieder eine Paradoxie: Sie sagen, Sie sind nicht selbstbewusst, und deshalb machen Sie gute Kunst. Wenn das nicht selbstbewusst ist...
Ja, aber um überhaupt irgendwas zu schaffen, braucht man den Selbstzweifel – oder mangelndes Selbstbewusstsein. Allein schon den mangelnden Willen, sich zu entspannen oder mangelnde Selbstzufriedenheit.
Sind Ihnen alte Songtexte manchmal peinlich?
Ja, natürlich. Wir haben ungefähr 180 Stücke geschrieben und es wäre ja schrecklich, wenn man alles gut finden würde. Aber viele Sachen haben absolut immer noch ihre Gültigkeit.
Passiert es Ihnen, dass Leute Ihre Platten auflegen, wenn Sie zu Besuch sind?
Gott sei Dank nicht. Mit solchen Leuten bin ich nicht befreundet. Aber es gibt in jedem Fall Sachen, die würde man heute nicht mehr machen. Andererseits gehört das Peinliche ja dazu. Manchmal sind es auch gerade die Sachen, die einem selber peinlich sind, die dann anderen Leuten ganz viel bedeuten.
Sind die Tocotronic-Fans heute andere als früher? Oder sind die alten einfach mitgewachsen?
Das ist schwer zu beurteilen, weil man ja doch nicht so nah an den Leuten dran ist. Trotzdem entdecken wir jetzt das Grateful-Dead-Syndrom. Auf Konzerten tauchen Leute auf, die uns schon ganz früh gehört haben und mittlerweile ihre Kinder mitbringen. Ich glaube tatsächlich, dass das Publikum mit uns gereift ist und gleichzeitig die Altersspanne auf den Konzerten sehr groß geworden ist, das geht mittlerweile tatsächlich so von acht rauf bis zu fünfzig Jahren.
Sie werden oft zu politischen Themen befragt. Dabei sagen Sie genau so oft, dass Sie sich dazu nicht äußern wollen. Seltsam, nicht?
Das ist nicht ganz richtig. Wir sind natürlich schon politische Menschen und mir ist wichtig, dass man sich klar verortet, in unserem Fall eben ganz klar als politisch links. Die Frage ist nur: Wie kann sich das bei einer Band manifestieren? Eine Möglichkeit wäre das politische Lied, das uns nie so sehr interessiert hat. Was wir sonst machen: Teilnahme an politisch kodierten Konzerten oder Benefiz-Veranstaltungen.
Sie haben sich zur Patriotismus-Debatte geäußert. Wie empfinden Sie den seit der WM ausgerufenen, angeblich „unbefangenen“ Patriotismus?
Wie so etwas von allen möglichen Leitartiklern herbeigeredet wird, finde ich schlimm. Genauso, wie jetzt auf Leute eingeschlagen wird, die vor der WM vollkommen zu Recht gewarnt haben, dass es Gegenden gibt, die für ausländische Besucher gefährlich sind. Abgesehen davon scheint es mir ein bisschen zu viel Gerede darüber, dass bei einer WM irgendwelche Wimpel geschwungen werden. Ich kenne mich überhaupt nicht mit Fußball aus, aber so etwas scheint mir doch eher normal zu sein. Deshalb habe ich das auch nicht als bedrohlich empfunden. Nur: Wenn jetzt im Nachhinein so ein Sportereignis umgedeutet wird, um auszurufen: Na endlich können wir patriotisch sein – das finde ich abscheulich. Es wird getan, als würden alle hier in Deutschland mit gebücktem Kreuz und von Scham gebeutelt umherschleichen. Aber das tun die Leute leider Gottes gar nicht. Obwohl man 60 Jahre nach Ende des Dritten Reiches durchaus noch Scham empfinden kann. Es ist doch auch eine Chance, wenn ein Land eben nicht patriotisch ist.
Gibt es einen richtigen oder falschen Patriotismus?
Nein. Patriotismus lehne ich grundsätzlich ab. Nicht nur aus einem politischen Impuls heraus, sondern weil es mir grundsätzlich fremd ist. Diesen Willen zum Patriotismus oder zur Vaterlandsliebe verstehe ich einfach nicht. Wobei ich schon nachvollziehen kann, dass man bestimmte Dinge mag, dass man mag, wo man lebt oder in welchem Umfeld man sich bewegt. Sogar, dass man es als Privileg empfindet, in einem Land wie diesem leben zu können.
Sie haben in einem Interview mal gesagt, der Vorteil des Künstlers liege darin, kritisch sein zu können, ohne konstruktiv sein zu müssen.
Genau.
Neben dem Patriotismus hat man seit ein, zwei Jahren das Gefühl, es bestehe so ein allgemeiner Zwang zum positiven Denken, zum Glauben an eine Aufbruchstimmung. Ist es da ein Anachronismus, gegen etwas zu sein, wie Tocotronic?
Könnte schon sein. Aber dann bin ich auch gerne anachronistisch – wir fühlen uns prima. Wir durchleben als Band gerade den zweiten Frühling. Das Ding ist, dass so ein allgemeiner Optimismus oftmals sehr schlechte Musik produziert. Man kann ja glücklich und zufrieden sein, man muss dann nur nicht gleich zehn Lieder darüber schreiben. Ich finde einfach kritisches Denken, eine gewisse negative Dialektik, grundsätzlich interessanter als Friede, Freude, Eierkuchen.
Gelingen Ihnen Musik und Texte besser, wenn Sie in einer melancholischen Stimmung sind?
Nein, das hat damit nichts zu tun. Das ist Arbeit. Ich glaube nicht an Authentizität oder so was. Ob man glücklich oder unglücklich ist, spielt beim Schreiben keine Rolle. Wenn man etwas geschrieben hat und meint, es ist gelungen, dann ist man glücklich. Ich würde behaupten, dass Franz Kafka während des Schreibens sehr glücklich war. Man sollte aus Inhalten, die sich irgendwie mit dem Thema Unglück befassen, nicht schließen, dass der Autor in einer unglücklichen Situation geschrieben hat. Eher aus Langeweile, das ist zumindest für mich der Antrieb. Wenn ich mich nicht langweilen würde, dann würde ich auch nichts machen. Ich langweile mich sehr schnell.
Langeweile und Trotz sind also durchaus Thema innerhalb der Band. Wie steht es um den Humor?
Bei uns wird grundsätzlich unterschätzt, dass Humor zu 80 Prozent die treibende Kraft ist. Wir lachen sehr viel, und vieles entspringt einer gewissen Albernheit. Musik, über die man nicht auch lachen kann, finde ich ein bisschen langweilig.
Sie wurden der Hamburger Schule zugerechnet. Ist das ein Begriff, mit dem Sie sich identifizieren können?
„Ich bin neu in der Hamburger Schule“, das ist zum Beispiel ein Stück, das mir unfassbar peinlich ist. Das war ein Gag auf der zweiten Platte, die eh ein bisschen Sekundärliteratur zur ersten sein sollte. Das ist mir heute zu zeitgebunden und dumm. Außerdem war’s auch schlecht, grauenhaft – eine Schande.
Gibt es Kontakt zu anderen Bands der Hamburger Schule wie Blumfeld, Die Sterne?
Klar. Aber da gibt es natürlich mittlerweile altersbedingt sehr viele unterschiedliche Lebensmodelle. Manche Leute haben, wenn sie nicht gerade Musik machen, vollkommen zu Recht den Rückzug ins Private angetreten, manche haben mittlerweile andere Interessen als Rockmusik. Heute finde ich unser Lied zur Hamburger Schule ja auch gerade deshalb dämlich, weil der Begriff von Anfang an eine journalistische Erfindung in Anlehnung an die Frankfurter Schule war. Ich fand das schon witzig, Bands in den Kontext von Adorno, Horkheimer oder Benjamin zu stellen. Das war sehr schmeichelhaft, aber es hatte nicht wirklich Aussagekraft.
Seit einigen Jahren leben Sie in Berlin. Wie ist es für die Band, dass Sie in Berlin wohnen und die anderen drei in Hamburg?
Durch die 90-Minuten ICE-Verbindung ist Hamburg ja fast eine Vorstadt von Berlin geworden. Oder umgekehrt.
Aber abends spontan auf ein Bier – das geht ja nicht mehr.
Wir leiden seit eh und je unter einer ausgeprägten Telefonitis, deshalb hat sich eigentlich nicht viel verändert, außer vielleicht die Arbeitsweise. Wenn wir jetzt proben, dann machen wir das konzentrierter. Wir schieben nicht immer alles auf. Wir sind ja doch im Allgemeinen sehr faul.
Sie spielen im Herbst das nächste Album ein. Zu den neuen Stücken haben Sie geschrieben, dass sie „einen Versuch darstellen, sich durch das Lob der Vielheit gegen den Mythos des nichtentfremdbaren Selbst und das unersättliche Bedürfnis nach Macht und Kontrolle zu stellen.“ Was heißt das?
Bei deutschsprachiger Rockmusik wird viel mit Begriffen wie Ehrlichkeit und Authentizität operiert, um eine besondere Nähe vom Autorensubjekt zum Hörer herzustellen. Das ist so ziemlich die Antithese zu unserer Arbeit. In der literarischen Moderne wurde ja schon vor hunderten von Jahren herausgearbeitet, dass das „Ich“ etwas anderes sein kann als das Selbst. Das finde ich interessanter, als permanent zu konstatieren: Ich bin ich, wir sind wir, wir alle sind eins. Eine vielschichtige, gespaltene, chamäleonartige Persönlichkeit ist spannender als der Mythos vom nichtentfremdbaren Selbst. Zumal es ein Irrglaube ist, dass diese Art von Direktheit ein Gegenmodell zum Kapitalismus darstellt. Dessen aktuell prägnantestes Phänomen ist ja, dass auch das Privateste in die eigene Verwertung eingebracht werden muss.
Oha. Und was ist das Privateste?
Man könnte meinen, dass private oder persönlich daherkommende Äußerungen ein Gegenmodell zum gegenwärtigen leistungsorientierten, anonymen System darstellen. Ich glaube aber, dass genau das ein totaler Irrglaube ist, weil in der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus die Instrumentalisierung des Privaten voranschreitet. Das gilt ja nicht nur für Künstler. Wenn man in dieser oder jener Agentur arbeitet, dann heißt das heute auch oftmals, dass man nach der Arbeit noch mit der Belegschaft grillen gehen muss. Es gibt keinen Feierabend mehr.
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