- Artikel
- 20.03.2008
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Titel: Neukölln rockt
Kreuzkölln. Noch eines dieser Worte, die niemand ernsthaft benutzt und die trotzdem nicht totzukriegen sind. Castingallee war so ein Wort. Und jetzt Kreuzkölln. Neukölln ist hip wie Kreuzberg, will es wohl sagen. Dort wo die beiden Viertel am Landwehrkanal zusammenstoßen, machen jede Woche neue Kneipen auf, es gibt Kulturvereine für junge Berliner und Cafés, die mehr als Kännchenkaffee und Plunderstücke servieren. „Kreuzköllner Nächte sind lang“ schreibt die Morgenpost, Makler werben für „provisionsfreie Wohnungen hier in Kreuzkölln“, und „Arte“ filmt die Travestie-Galerie im Viertel – keine Frage, der Hype ist da. Aber was steckt dahinter? Kann man rund um die Rütlischule wirklich angenehm ausgehen, arbeiten oder leben?
„Auf der Weserstraße ist es nicht so schön, da wohnen zu viele Ausländer. Aber hier passen die Vermieter auf“, sagt die alte Dame mit Hund zu Ingar Dragset. Dann macht sie dem Künstler noch ein Kompliment, wie schön sie es findet, dass er ein altes Pumpwerk in der Nähe vom Kanal zum Atelier und Wohnhaus umgebaut hat. Sein norwegischer Akzent scheint sie nicht zu stören. Skandinavische Ausländer machen ihr keine Angst.
Als Dragset kurze Zeit später in der Atelierküche steht und Kaffee aufbrüht, lacht er noch darüber, wie genau die Nachbarn den Umzug des Künstlerduos Elmgreen und Dragset beobachtet haben. Gerade eben noch musste er Auskunft über den Kamin geben, den sie im Dachgeschoss eingebaut haben. Ihre neue Umgebung registriert eben aufmerksam, wie sich das Viertel verändert. Wenn international erfolgreiche Künstler wie Ingar Dragset und Michael Elmgreen von Mitte nach Neukölln ziehen, ist das ein sicheres Zeichen für die Renaissance von Neukölln. Auch wenn die alte Dame kaum wissen dürfte, wer die beiden sind.
Ingar Dragset und Michael Elmgreen wurden in der Kunstwelt bekannt, weil sie sterile weiße Museumsräume veränderten: Mal bauten sie Cruisingorte wie Bars und durchbohrte Toilettenwände in Galerien ein, mal versetzten sie den White Cube nach draußen und versenkten ihn im Boden. Im Mai wird das von ihnen entworfene Mahnmal für homosexuelle Verfolgte des Nationalsozialismus im Tiergarten eingeweiht werden, womit Elmgreen und Dragsets Werk auf Dauer mit Berlin und der Geschichte der Schwulenbewegung verknüpft sein wird.
Für die beiden Skandinavier ist Berlin längst Heimat genug, damit sie sich abseits der Trampelpfade bewegen. Vor gut einem Jahr fanden sie das Neuköllner Pumpwerk aus den 20er Jahren, sie hatten schon lange nach einem besonderen Gebäude gesucht, in dem sie gemeinsam wohnen und arbeiten könnten. Die 13 Meter hohe Halle begeisterte sie, die Lage in Neukölln passte ihnen – nah am Möbel Olfe und den Kreuzberger Restaurants, wo man sie häufig trifft. Nachdem sie den alten Bau mit dem jungen Architekturbüro Wenk und Wiese umgebaut haben, sind sie vor ein paar Wochen eingezogen. Bald werden sie auch Ausstellungen zeigen, als erstes Videos türkischer Künstler. „Wir wollen hier endlich mal türkische Kunst zeigen, ohne über soziale Probleme zu reden“, sagt Michael Elmgreen.
Er nimmt Neukölln überhaupt nicht als Ghetto wahr. Vorher haben er und Dragset in der Schönhauser Allee gewohnt, gegen das quirlige Prenzlauer Berg ist ihre Neuköllner Seitenstraße mit den großen Brachflächen eine ruhige Landidylle. Und auch das Herz des neuen Neukölln ist noch klein: Nur um die Kreuzung Friedel- und Sanderstraße kurz vor dem Landwehrkanal merkt man auf den ersten Blick, wie sehr sich der Kiez gerade wandelt. Hier reihen sich Cafés und Restaurants wie die Kantina von Hugo oder Jimmy Woo, Boutiquen und Schreibtische mit Laptops in Ladenlokalen aneinander – es sieht aus wie rund um den Weinbergspark vor zehn Jahren.
Seit einem Jahr hat auch die Modedesignerin Jutta Teschner hier ihr Studio, in dem sie die zarten Dessous ihrer auch international erfolgreichen Marke „Fishbelly“ produziert. Sie ist schon fast genervt, als man sie fragt, warum sie gerade in Neukölln arbeitet. „Was soll denn hier so schrecklich sein?“, fragt sie. Sie schätze das nette Umfeld und den Gründergeist, gleichzeitig sei es hier nicht so aufgeregt wie in Mitte. „Fishbelly“ ist sicherlich das international erfolgreichste Modelabel aus Nord-Neukölln. Es haben sich aber noch eine ganze Reihe von Designerinnen hier niedergelassen, arbeiten an ihren Entwürfen, dekorieren Schaufenster und verkaufen ihre Kleidung. Läden wie Trummer und Trummer, Sei mein und Q-Ture sind typische Vertreter der jungen Modeszene, die sich jetzt auch auf dieser Seite des Kottbusser Damms etabliert.
Neukölln ist aber nicht nur wegen seiner günstigen Mieten attraktiv. Die Architektin Katharina Rohde hat eine Vision, wie die Berliner Mode gerade hier noch ein viel größeres Potenzial ausschöpfen kann. Ein Jahr lang hat sie im Rahmen des „Tekstilprojekts“ die Textilwirtschaft im Viertel erforscht und vernetzt. Rohde hat mit ihrem Team zugezogene Designer und altansässige Schneider zusammengebracht, 62 Teilnehmer aus 21 Nationen tauschten ihr Wissen über Stoffe, Schnitte und Mode aus und produzierten die erste Serie der „Tüte de Luxe“, einer Designerversion der blau-weiß-roten Tragetasche, die in Deutschland Türkenkoffer und in der Türkei Polentasche heißt.
Wichtigstes Resultat ist aber der Stadtplan der Textilwirtschaft in Neukölln und Kreuzberg 36, der die Vernetzung weiter voranbringen soll. Viele Modemacher wissen nicht, wo sie in Deutschland gut und günstig produzieren lassen können – gleichzeitig gibt es in Kreuzberg und Neukölln viele Schneider, die gerne mehr machen würden als Hosen zu kürzen oder Mantelfutter zu flicken. Ihnen fehlen aber die Entwürfe. Die ersten Anfragen und Kooperationen laufen schon. Rohde ist sich sicher: Hier könnten wieder lokale Produktionsstätten entstehen, flexibel, hochwertig und schnell.
Auch für die deutsche Popkultur ist der Neuköllner Norden längst eine Schaltzentrale. Beat Gottwald, der Manager von K.I.Z., teilt sich in einer Fabriketage ein Büro mit Marcus Staiger, der bis vor kurzem das Undergroundlabel Royal Bunker betrieb. K.I.Z. wohnen auch selber im Viertel. Ein paar Häuser weiter bereitet Thees Uhlmann, Labelchef von Grand Hotel van Cleef, das nächste Album von Kettcar vor. Und in der Sanderstraße stauten sich eines Tages im letzten Herbst letzten Jahres die Polizeiautos. Kein Überfall, keine Schlägerei, sondern die Außenminister: Walter Steinmeier und sein französischer Kollege Bernard Kouchner sangen im Studio mit dem R’n’Besk-Sänger Muhabbet den Refrain von „Deutschland“ ein – der Titel war das Herzstück einer PR-Offensive des Außenministeriums zur Integration. Jochen Kühling und Produzent Ünal Yüksel von Plakmusic produzieren und vermarkten schon seit Jahren „türkische Musik auf Deutsch – made in Germany“. Muhabbet mit seiner Fusion von orientalischer Musik und deutschen Texten ist ihr erster Star. Jochen Kühling glaubt, dass er und Yüksel in Nord-Neukölln genau richtig sind: „Hier entsteht etwas Neues, so wie unsere Musik. Wir sind Deutsch-Türkisch, aber kein Rap, kein Ghetto, genau wie das Viertel.“
Essen gehen, Reden, Trinken, Flirten – das sind die simplen Zutaten, die den Hype um Neukölln anfeuern. Denn die neuen Bars, Kneipen und Restaurants schaffen genau den Austausch, die Netzwerke, den Herdentrieb, die so lange fehlten. Wer vor zwei Jahren sagte, er wohne auf der Weserstraße, erntete mitleidige Blicke. Heute heißt es, oh, das ist ja aufregend. Gerade gab es die erste Weserrakete, einen Partyrundgang von Läden wie dem Ä, dem Silverfuture, dem Kuschlowski. Und regelmäßig finden Partys im Turm auf dem Gelände der Kindl-Brauerei statt, wo letztes Jahr mit dem „Wallenstein“ von Peter Stein auch die Hochkultur Einzug hielt. Beim Spaziergang durch den Kiez entdeckt man Ladenlokal um Ladenlokal, in dem gerade geschraubt wird. Raumfahrer, Goldberg und O Tannenbaum haben gerade aufgemacht, das Nansen kommt bald, und ins Ä reisen schon seit einer ganzen Weile nostalgische Fans aus dem Prenzlauer Berg an. Denn hier man kann so schön auf alten Plastikstühlen Bier trinken, Lesungen und Konzerte hören – ganz wie am Helmholtzplatz vor zehn Jahren. Der Reuterkiez-Blog nennt den Weichselplatz sogar schon „Little Kollwitzplatz“. Tatsächlich sind alle Zutaten vorhanden – junge Eltern, ein Spielplatz und ein trendiges Milchschaum-Café.
Während in Prenzlauer Berg in den 90er Jahren der massenhafte Wohnungsleerstand die Neuerfindung des Bezirks möglich machte, trifft der Wandel in Neukölln freilich auf ganz andere Bedingungen. Arbeitslosigkeit, Jugendgewalt, mangelnde Integration von Migranten – unter diesen Schlagworten verhandeln Politiker den Alltag um die Sonnenallee. Wie sich eine neue kreative Szene – die auch die Mieten nach oben treiben dürfte – darauf auswirkt, ist noch unklar. Sie könnte die Probleme verdrängen oder verschlimmern. Sie könnte aber auch dem sozialen Experimentierfeld einen entscheidenden Impuls geben.
Denn schon längst sucht man hier nach Lösungen für drängende Probleme und scheut nicht davor zurück, neue Wege zu beschreiten. Die Rütli-Schule steht in ganz Deutschland als Symbol für das Scheitern der Integrationspolitik. Nun soll das bislang einmalige Projekt Campus Rütli, das eine integrierte und vielseitige Betreuung von der Krippe bis zum Schulabschluss vorsieht, die Perspektiven der Jugendlichen in Neukölln langfristig verbessern. Das Albrecht-Dürer-Gymnasium am S-Bahnhof Neukölln gilt schon länger als Vorzeigeprojekt. Schon seit einigen Jahren bietet es das Abitur in zwölf Jahren an und wurde damit auch über die Grenzen des Bezirks hinaus bekannt, die Schule gab sich außerdem ein musisches und naturwissenschaftliches Profil. Die Schülerzeitung „Dürer!“ ist eine der lustigsten der Stadt, gerade wurde sie im Landeswettbewerb prämiert. Und aus ganz Europa reisen inzwischen Experten und Politiker an, um das Projekt „Stadtteilmütter“ zu studieren, das Kiezbewohnerinnen zu Sozialarbeiterinnen macht und so Zugänge zu scheinbar verschlossenen Milieus öffnet. Wenn darüber hinaus Ansätze wie das Tekstilprojekt und die Erfolge des deutsch-türkischen RnBesk von Plak Music und dem Rap von K.I.Z. den Problembezirk weiter beleben – warum sollte dann Neukölln nicht zum Schauplatz eines kleines multikulturellen Wirtschaftswunders werden?
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