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- 07.05.2009
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Plastination: Jahrmarkt der Körperwelten
Der Mann mit den Leichen kommt nach Berlin. Gunther von Hagens alias „der Plastinator“ wird im Rahmen seiner Ausstellung „Körperwelten“ im Postbahnhof über 200 konservierte menschliche Körper präsentieren. Die Haut der Leichen ist abgezogen, darunter zeigen sich Muskelstränge und Organe, manche davon sind in Scheiben geschnitten. Die konservierten Leichen werden inszeniert, als Radfahrer, Pokerspieler oder Akrobaten. Das brachte von Hagens Vorwürfe ein, er sei ein „Leichenfledderer“ und „Frankenstein-Künstler“, der mit Toten ein Mordsgeschäft macht. Er selbst sieht sich dagegen als Aufklärer im klassischen Sinn, der den Menschen ihren Körper und ihre Sterblichkeit nahebringt.
Scheu vor dem Spektakel hat von Hagens nicht, in den Postbahnhof bringt er einen plastinierten Bären, der die klassische Pose des Berliner Bären mit erhobenen Tatzen einnimmt. Zur Eröffnung ist der Bär noch nicht fertig, der Silikonkautschuk muss noch trocknen.
Es ist von Hagens zweite große Ausstellung in der Hauptstadt. Vor acht Jahren wurde der Vorgänger „Körperwelten“ im Postbahnhof gezeigt und zog mehr als 1,3 Millionen Besucher an. Vor zwei Jahren bezog von Hagens ein Hauptquartier in Guben, der Stadt an der polnischen Grenze. „Leichenstadt Guben“, so oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen, als von Hagens ankündigte, eine Plastinationsfabrik hier ansiedeln zu wollen. Viele Gubener Bürger waren entsetzt. Noch mehr aber fanden, dass die Stadt mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit nichts mehr zu verlieren hatte und die Jobs willkommen heißen sollte.
Der Tod der Leichenstadt
Die Hoffnung auf den Arbeitsplatz-Boom hat sich nicht erfüllt. Von 200 versprochenen Arbeitsplätzen waren laut Arbeitsagentur Guben wischenzeitlich 128 geschaffen worden, davon wurden 25 von chinesischen Facharbeitern gefüllt, die von Hagens eingeflogen hatte. Nach einer Razzia des deutschen Zolls wegen des Verdachts auf Schwarzarbeit reagierte von Hagens mit Protestnoten. Kurz darauf entließ er in einer spektakulären
Aktion knapp die Hälfte seiner Angestellten. Während derzeit in der Plastinate-Fabrik über 100 Mitarbeiter beschäftigt sind, ist das Plastinarium, der öffentliche Teil der Fabrik, schon wieder geschlossen. Die
Geschäftsführerin des Plastinariums Angelina Whalley sagte zitty, derzeit
werde es renoviert. Anfang 2010 solle wieder geöffnet werden. Whalley, eine
approbierte Ärztin, hat den Plastinator Ende der 80er Jahre in den
Heidelberger Anatomielabors kennen gelernt. Sie wurde Gunther von Hagens
Ehefrau und Managerin, sie konzipiert die Ausstellungen und führt die
Geschäfte.
Aufklären über Medizin, dass soll die „Körperwelten“-Ausstellung, sagt Angelina Whalley: „Sie gibt den Besuchern Aufschluss über die Auswirkungen von Krankheiten und Suchtgewohnheiten wie Tabak- oder Alkoholkonsum sowie über die Mechanik künstlicher Knie- und Hüftgelenke.“ Aufgeschnittene Raucherlungen oder ein Herz nach dem Infarkt werden zu sehen sein. Krebs, Osteoporose und Arthrose werden erläutert, das ganze trägt den Untertitel „Zyklus des Lebens“.
Ist es ethisch zulässig, menschliche Leichen vor großem Publikum auszustellen? Ist es vertretbar, sie nicht nüchtern wissenschaftlich, sondern theatralisch zu präsentieren: auf einem Rennrad sitzend oder als enthäuteter Reiter auf einem scheuendem Pferd? Mitte der 90er Jahre wurde darüber mit großer Schärfe debattiert, heute hat die Diskussion nachgelassen.
Großes Spektakel
Der Besucherandrang spricht für sich: „Körperwelten“ wurde inzwischen in über 40 Städten Asiens, Europas und Nordamerikas gezeigt. Vor kurzem war sie in Israel, wo sich orthodoxe Rabbiner empörten. Die Menschen strömten trotzdem herbei. Nach Angaben der Macher sei „Körperwelten“ mit über 26 Millionen Besuchern die weltweit erfolgreichste Sonderausstellung.
Gunther von Hagens – Geburtsname: Gunther Gerhard Liebchen, seine erste Ehefrau hieß von Hagens – experimentiert seit den späten 70er Jahren mit toten Körpern. Er begann in der Medizinstadt Heidelberg, dort promovierte er und vertrieb Konservierungsmittel für Leichen. Anfang der 90er Jahre gründete er dort sein „Institut für Plastination“, setzte sich einen schwarzen Hut auf, was ihm in vielen Medien den Ruf eines „Plastinations-Künstlers“ einbrachte.
In den Medien war er dauerpräsent. Die Debatte um seine Methoden erreichte einen Höhepunkt, als der „Spiegel“ fragte, wo der „Plastinator“ wohl seine vielen Leichen hernimmt. Das Magazin warf von Hagens vor, er verwende für seine Exponate Leichen chinesischer Hinrichtungsopfer. Von Hagens verfügte eine Unterlassungsklage, aber Zweifel blieben bestehen. Hintergrund seien Verwechslungen mit chinesischen „Nachahmer-Ausstellungen“ gewesen, sagt Angelina Whalley. Gunther von Hagens habe damit nichts zu tun gehabt. „Wir haben es nicht nötig, aus schrägen Quellen Körper zu bekommen“, erklärt sie.
Nach Whalleys Angaben haben bereits mehr als 10.000 Menschen verfügt, dass ihr Körper nach ihrem Tod an von Hagens gehen soll. Derzeit haben über 600 Verstorbene ihren Körper Hagens überschrieben; sie stammen aus Deutschland, Europa und Nordamerika. Asiaten seien nicht dabei. Man habe aber aus den Vorwürfen Konsequenzen gezogen, so Whalley: „Wir lassen in China nur noch tierische Präparate fertigen.“
Der Verdacht, dass von Hagens jeden neuen Skandal um seine Praktiken lustvoll aufnimmt, ist nicht von der Hand zu weisen. Vergangenes Jahr stellte er zur Debatte, seine Leichenteile per Kleinanzeige auch an „Laien“ zu verkaufen. Laut Preisliste der Gubener Plastinate GmbH sollte eine Kollektion „von 16 transparenten Horizontalscheiben Mensch (Kopf, Hals, Rumpf, Extremitäten) Standard-Qualität (zerbrechlich)“ 1.400 Euro kosten. Dabei, verteidigt ihn Angelina Whalley, sei es nur darum gegangen, dass „niedergelassene Ärzte sich Plastinate zulegen dürfen“. Nach einem öffentlichen Aufschrei ruderte Von Hagens zurück und erklärte, dass er beschlossen habe, seine Plastinate nur an „etablierte, öffentlich anerkannte Lehr- und Forschungsinstitutionen“ abzugeben. Eine ethische Grenze, die der Plastinator auch in Zukunft wahren will. „Eine Körperscheibe als Untersetzer – das wird es mit uns nicht geben“, beteuert Whalley.
Gunther von Hagens hat alles erreicht, möchte man meinen. Spätestens seit er 2002 vor laufenden Kameras eine Leiche sezierte, hat er jedes Tabu rund um den Tod gebrochen. Hagens Exponate sind skandalumwittert, sie sind schaurig, schön, schockierend, informativ, tabulos – durchweg handwerkliche Meisterstücke. Gunther von Hagens ist für die einen ein erfindungsreicher Medizintechniker, für die anderen Geschäftemacher ohne Moral. Nur ein echter Aufklärer ist er nicht – seine Heimat ist der Jahrmarkt. Treten Sie näher!
Ausstellung: Körperwelten & Der Zyklus des Lebens, ab 7. Mai im Postbahnhof am Ostbahnhof, Friedrichshain, Mo-Mi 9-19.30 Uhr, Do-So 9-22 Uhr, www.koerperwelten.de
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