Nazis 2009: Der braune Traum

Foto: Archiv
Emanuell Möbius
kommentieren

 Es hätte witzig gemeint sein können: Auf dem Cover des Ende 2007 erschienen ersten Bandes der Science-Fiction-Buchreihe „Stahlfront“ fliegt ein UFO mit dem Balkenkreuz der Wehrmacht auf die Freiheitstatue zu. Deutsche Aliens überfallen die USA? Nicht ganz, „Die Macht aus dem Eis“ beschreibt die Abenteuer des deutschen Magnus Wittmann im Kampf gegen Aliens. Die Außerirdischen haben die Regierungen der Erde politisch unterwandert. Wittmann kämpft an der Seite der sogenannten Thule-Truppen: Super-Nazis vom Südpol, dank ihrer arischen Gene immun gegen die Beeinflussungsversuche der Außerirdischen.


Eis, Ufos und Nazis, das ist keine Satire, sondern Science-Fiction für Neonazis. Verlegt nicht von rechten Außenseiter, sondern von einem bekannten Verlag der Fantasy-Szene, dem Bernt-Verlag. Es ist eine ziemlich irre Geschichte, die man erzählt. Die Eis-Nazis leben in Neuschwabenland im Exil, und das gibt es tatsächlich. 1939 wurde das südlich unterhalb des Kaps der guten Hoffnung gelegene Polarland von deutschen Forschern so benannt. In der Realität gibt es dort wenig mehr als Eis und Berge. Die polaren Arier freilich reisen aus Neuschwabenland in selbstgebauten UFOs, den „Reichsflugscheiben“ oder „Haunebus“, Hauneburg-Fluggeräten, um die Welt. Homosexualität ist bei ihnen illegal, Frauen dienen einzig der Vermehrung. Als Kanonenfutter dienen den blonden und blauäugigen Überstrategen – auch Wittmann ist qua genetischer Herkunft so einer, er weiß es nur nicht gleich – die „Gorger“. Mischwesen aus Gorillas und Negern, dumm aber kräftig. In Folge der Schlachten der Eisnazis gegen die vollständig korrumpierte Welt wird nicht nur eine Atombombe über China abgeworfen, sondern auch Polen überfallen. Wieder einmal, denn wir schreiben das Jahr 2010.


Und das verkauft sich? Angeblich. 30.000 Exemplare habe man von den ersten drei Bänden verkauft, behauptet der Verlag in einer Pressemitteilung. Szene-Insider bezweifeln diese Zahl zwar. Allerdings wäre selbst ein Drittel dieser Menge noch beachtlich, vor allem für einen Kleinverlag, wie er hinter „Stahlfront“ steckt.
Herausgegeben werden die Bücher vom Schweizer Unitall-Verlag. Das ist ein Ableger des deutschen Hans-Joachim-Bernt-Verlages und Versandhandels. Innerhalb der deutschen Science-Fiction-Szene ist Bernt vor allem für seine Nachdrucke alter „Perry Rhodan“-Comics bekannt sowie für die Neuauflage und Fortführung der sechziger-Jahre-Serie „Ren Dhark“, ihrerzeit ein Konkurrenzprodukt zum Verkaufszahlenriesen „Perry Rhodan“.


Angeblich hat „Torn Chaines“ die „Stahlfront“-Bücher geschrieben. Ganz offen spielt der Verlag zwar mit dem Unsinnigen dieses Namens von den „gesprengten Ketten“. Ja, das sei ein Pseudonym eines 1939 (!) geborenen amerikanischen Universitätsprofessors, der heute in einer Blockhütte tief im Wald hause und für seine Romane keinen Verleger in den USA fand. Schuld sei die allgegenwärtige „political correctness“ in den Staaten. Deshalb veröffentliche er nun in Deutschland. Das ist eine dünne Legende. Jenseits des Atlantik veröffentlichen Autoren wie zuletzt der Amerikaner John Ringo mit seinem Roman „Watch on the Rhine“ bereits seit Jahren erfolgreich rechtslastige und rechtsextreme Phantastik.


Offenlegen mag der Verlag den wahren Autoren der „Stahlfront“-Serie dennoch nicht. Im Comicforum, dem größten deutschen Diskussionsforum für Comic und Science-Fiction, wird Hajo F. Breuer von Lesern immer wieder gefragt, ob er Autor der Texte sei.  Breuer ist langjähriger Herausgeber der „Ren Dhark“-Bücher bei Bernt. Er arbeitete viele Jahre als Texter der Gespenstergeschichten des Bastei-Verlags und ist bei weitem kein Außenseiter in der Science-Fiction-Szene. Breuer streitet ab, Autor zu sein: „Mit Stahlfront habe ich zu meinem Bedauern (denn die Serie ist wirtschaftlich extrem erfolgreich) nur soviel zu tun, daß ich als Teilhaber des Vertriebspartners HJB Verlag & Shop KG von den hohen Umsätzen der Serie profitiere.“ Auf der Website zu „Ren Dhark“ wird er als leidenschaftlicher Sportwagenfahrer und Hundehalter beschrieben, Name seines Hundes: „Brauni“.
Während Breuer für den Bernt-Verlag arbeitete, wurde der Verlag erstmals politisch auffällig. Im Jahr 2000 publizierte Bernt zwei „Ren Dhark“-Sonderbände, verfasst von Ewald Fehlau, langjährigem Redakteur der Gespenstergeschichten. Rezensenten attestierten ihnen Rassismus – Ren Dhark bekommt es darin mit minderbemittelten arabischen Terroristen zu tun.


Dass mit den Unitall-Büchern gerade jetzt offenbar wird, was damals nur zu ahnen war, dürfte auch wirtschaftliche Gründe haben. Denn der Absatz der „Ren Dhark“-Bücher soll deutlich schwächeln, ist zu hören. Braune Käufer als Zielgruppe könnten den Ausgleich in den Bilanzen schaffen. Unitall stößt damit in eine Marktlücke. Zwar veröffentlichen viele neurechte Verlage Sachbücher zu revisionistischen und ähnlichen Themen. Unterhaltungsliteratur mit diesen Themen ist in Deutschland wegen der Rechtslage aber selten.
Aus gutem Grund. Im April wurden die ersten drei Bände „Stahlfront“ von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert. Das heißt, sie dürfen nicht mehr an unter 18-Jährige verkauft und nicht mehr beworben werden. Der vierte Band freilich ist weiterhin erhältlich. Dass Frauen darin das Wahlrecht abgesprochen wird, ist eine seiner harmloseren Positionen.


Das wirtschaftliche Potential rechtslastiger Unterhaltungslektüre trotz hoher Indizierungsgefahr hat der Unitall-Verlag jedenfalls rechtzeitig erkannt. Bereit seit Ende 2008 liegt ein Nachfolgeprodukt zu „Stahlfront“ vor, „Engel der Schwarzen Sonne“. Vom Verlag als „okkulter Thriller“ angepriesen, schreibt nun angeblich ein ehemaliger irakischer Artillerieoffizier. Auch dieser Titel ist als Serie angelegt. Dem Helden, dem Kölner Lehrer Thorsten Steiner, wird nach einem Aufenthalt in Tibet offenbart, laut einer alten Prophezeiung der potentielle Erlöser der nordischen Welt zu sein. Aus diesem Grund machen auch dunkle Burschen, die Mitglieder der sogenannten „Orkult-Loge“ auf ihn Jagd. Besagter Thorsten Steiner aber würde zum Glück das „erlösende Licht der Schwarzen Sonne“ (paradoxerweise das Symbol der strahlenden Nordmänner) finden und erkennen, wie „die Kraft des geheimnisvollen Himmelskörpers mächtig in ihm wirkt“.


Was da wirkt, ist klar: Die Schwarze Sonne ist in der heutigen rechtsextremen Szene als Hakenkreuzersatz weit verbreitet. Sie geht zurück auf ein Bodenornament im ehemaligen SS-Schulungszentrum Wewelsburg. Groß prangt sie auf dem Cover des Romans.


Die Bücher sind voll solcher Symbole und Codices: Thorsten Steiner heisst ähnlich wie eine bekannte, in der rechten Szene beliebte Modemarke, der Name Magnus Wittmanns verweist auf Michael Wittmann, SS-Panzerkommandant im II. Weltkrieg und heutiges rechtsextremes Idol. Die Thule-Truppen kürzen sich „TT“ ab, nur einen Buchstaben vom doppelten S entfernt, und tragen schwarze Uniformen – die Welt als Wille zur Andeutung.


Der Verlag vermarktet seine Titel ausgesprochen modern. Es gibt nicht nur einen Youtube-Kanal und einen deutschsprachigen Blog von „Torn Chaines“ mit „Briefen aus Amerika“, sondern auch ein Myspace-Profil des Verlages. Für die Bücher wurden Leseproben in den „Landser“-Heften geschaltet und zum Teil ganze Romane online gestellt.


Die Vermarktung geht weg vom Geheimbündlerischen sonstiger rechtsextremer Publikationen. Jedes „Stahlfront“-Kapitel beginnt mit einem Textzitat eines Rocksongs. Zeilen von David Bowie und Status Quo, unverdächtiger Pop. Dazwischen freilich auch: Zeilen von Von Thronstahl, einer in rechten Kreisen populären Band. Die zählen auch auf dem Myspace-Profil zu den Top-Freunden des Verlages. Zu „Stahlfront“ existiert ein Werbevideo, das mit Musik von Von Thronstahl unterlegt ist. Trotz aller Nähe zum Mainstream, die Vermarktung der Bücher zeigt keine Distanz zur braunen Szene.


Die Bücher selbst sind ein krudes Amalgam rechter Verschwörungstheorien: „Mächte der Finsternis“ haben das Bankensystem seit 1913 unter Kontrolle, die Ökos sind gegen die Erderwärmung, denn die sei ein Projekt der „Schwarzen Sonne“ um Neuschwabenland auzutauen.


Kann man so viel braune Phantasien, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Schwulenfeindlichkeit und schieren Unfug in seiner Ballung auf wenige hundert Buchseiten wirklich lesen und ernst nehmen? Der Paderborner Soziologe Dierk Spreen beschäftigt sich seit Jahren wissenschaftlich mit trivialer Science Fiction. Er ist sich sicher, dass die Bücher nicht nur, wie der Verlag immer wieder betont, ironisches Spiel mit einer sogenannten „political correctness“ sind, und auch keine dissidente Parodie auf braune und SF-Klischees. „Satire“, so sein Urteil, „läßt Distanz erkennen zum Objekt, das es behandelt. In Büchern wie ‘Stahlfront’ sehe ich diese Distanz nicht.“ Stattdessen bräche sich in den Büchern „etwas Bahn, das jahrelang unterdrückt wurde“.


Neben dem miserablen Stil fällt die besonders plastische Darstellung extremer Gewalt auf. Von Beginn an spritzt das Blut gegen Cockpitscheiben, knacken und krachen Knochen, wird hemmungslos gemetzelt und gegengemetzelt. „Stahlfront“ beginnt mit der brutalen Kastration von fünf Türken in Kreuzberg durch den Helden – aus Notwehr.


Derlei drastische Gewalt, der Verweis auf rechtsextreme Ideologeme und Symbole dient nicht dazu, den Leser zu unterhalten – beide Buchserien sind nahezu unlesbar. Stattdessen geht es, so Dierk Spreen, darum, „das Gefühl eines permanenten inneren Reichsparteitages zu erzeugen“. Die narrative Qualität der Bücher ist mithin jene der Pornographie, in der die Darstellung von Schlüsselreizen (wie etwa der extremen Gewalt gegen Ausländer oder des erneuten Überfalls auf Polen) die Schilderung von Motiven und Ereignissen ersetzt – Nazi-SciFi-Porno. Das ist manchmal unfreiwillig komisch, wie wenn über Thorsten Steiner nach einem Mord beschrieben wird: „Sonderlich großen Hunger verspürte er nicht, Dr. Krings’ Leiche lag ihm immer noch im Magen.“ Nur witzig ist das nicht, wenn ein renommierter deutscher Science-Fiction-Verlag in den braunen Sumpf steuert.


Leser:
  • Currently 0/5 Stars
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5

Ihr Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.