Nazis 2009: Perfekt getarnt

Foto: Juliane Saum
Matthias Kalle
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 Natürlich interessieren Sie sich nicht für Mode – warum auch? Sie rollen sich morgens einmal durch den Kleiderschrank, was hängen bleibt, das ziehen Sie an, und über das Sakko, das Sie sich vor zehn Jahren kaufen mussten, sagen Sie gerne den Satz: „Da ist doch das Neue auch noch nicht von runter“. Mode ist oberflächlich und dumm und eine Sache für schwule Schwabenbürschlein oder Mittetussies. So denken viele, und es ist ihr gutes Recht – schließlich ist das hier ein freies Land. Und damit das auch so bleibt, sollte dieses Denken besser aufhören.

 Perfekt getarnt


Denn die Beschäftigung mit der Mode, mit den Codes und den Symbolen, würde nicht nur dazu führen, dass in diesem Land die Menschen mal ein wenig besser angezogen wären – sie würde auch dazu führen, dass man den Feind erkennt: die Gutangezogenen gehören übrigens meist zu den Guten, die Schlechtangezogenen zu den Schlechten, und wem das jetzt ein bisschen zu oberflächlich ist, der kann bei Adorno nachlesen: „Mode hat gegen ihre Verächter als Stärkstes anzuführen, dass sie an der triftigen, mit der Geschichte gesättigten individuellen Regung partizipiert.“ So steht das in der „Ästhetischen Theorie“, in dieser zitty steht etwas über „Die neue Rechte“, und die ist auch unter ästhetischen Gesichtspunkten eine Frechheit. Ihr neuester Trick: Man erkennt sie nicht mehr.

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Wenn man heute in Berlin einen jungen Mann auf der Straße sieht, der eine Glatze hat, Bomberjacke und Springerstiefel trägt, dann ist er wahrscheinlich das, was Skinheads von Anfang an waren: ein multikulturell denkender Linker, stolz auf seine Herkunft aus der Arbeiterklasse – der am liebsten Ska hört oder Reggae.
Denn die Skinheads entsprangen der Mod-Bewegung der 60er Jahre. Eine Jugendkultur aus der englischen working class, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, maßgeschneiderte Anzüge und Hemden zu tragen, dafür ihren kargen Lohn auszugeben und sich so die Insignien anzueignen, die ihnen eigentlich nicht zustanden. Dazu gehörten auch die Polohemden von Fred Perry, sie haben einen Lorbeerkranz-Symbol auf der Brust. Perry war ein englischer Tennis-Spieler, er gewann in den 30er Jahren dreimal hintereinander das Turnier von Wimbledon. Er, der aus der Arbeiterklasse kam. Er, dessen Vater für die Labour-Partei im Parlament saß. Er, der Jude war. Rechte Jugendlichen trugen gerne Fred-Perry-Polohemden in der Farbkombination schwarz-weiß-rot, die Farben des Deutschen Reichs; der Lorbeerkranz tat sein übriges. Die Hintergründe des Namensgebers, die Bedeutung der Mode in der linken Mod- und Skinheadkultur, die Versuche der Firma Fred Perry mit antirassistischen Kampagnen das schlechte Image loszuwerden, die Tatsache außerdem, dass die Perry-Shirts schlichtweg toll aussehen – all das sollte man wissen, und da es die Rechten mittlerweile auch anscheinend wissen, verschwindet die Marke mehr und mehr aus der Szene. Das ist einerseits gut, andererseits schlecht, denn es wird unübersichtlicher.

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Während echte Skinheads ihre antirassistische Gesinnung wieder mit der ihnen eigenen Mode tragen können, sind die neuen Rechten immer schwerer zu identifizieren. Im Moment verkleiden sie sich als linke Autonome. Auf Demos ist dies gut zu erkennen: Linke und rechte Demos sind allein durch die Kleidung der jeweiligen Demonstranten kaum noch auseinanderzuhalten, die Rechten haben genau hingeschaut und sich die Radikalität und Funktionalität der Klamotten beim Schwarzen Block abgeschaut. Und irgendwie hat dieser Klau auch Methode. Michael Kühnen, ein Vordenker deutscher Neonazis, der 1991 an Aids starb, sagte einmal in einem Interview mit der Zeitschrift „Tempo“, dass die Rechten noch viel von den Linken lernen könnten und er disqualifizierte sich auch als Stilkritiker mit dem Satz: „Schwarz und braun – die Mode der Macht.“

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Das ist zum einen historisch großer Unfug – und gilt in der Gegenwart erst Recht nicht, denn der zurzeit vielleicht mächtigste Mensch der Welt, Michelle Obama, trägt mit Vorliebe kräftige Farben, sicher kombiniert, während eher fragwürdige Staatsmänner sich nicht nur von demokratischen, sondern auch von stilistischen Prinzipien entfernen: Männer wie Berlusconi, Medwedew und Sarkozy – das erkannte kürzlich Jens Jessen im „Zeit Magazin“ –, wagen den Stilbruch und tragen braune Schuhe zum blauen Anzug. Es sind eben doch Details, die den feinen Unterschied machen.

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Und deshalb ist auch die Diskussion um die Marke „Thor Steinar“ relativ albern. In Berlin werden regelmäßig Läden, die diese Marke führen, angegriffen. Das ist so dumm wie falsch, denn daraus ergibt sich für die Macher der Marke nur ein Medienhype, und der hat zur Folge, dass sich Hauptschüler aus dem Brandenburgischen den hässlichen Quatsch anziehen, um im Schulunterricht ihre Sozialkundelehrerein aus der Fassung zu bringen. Außerdem treffen solche Aktionen – so grundgut sie auch immer gemeint sind – eben nicht die, gegen die sie sich wohl richten sollen, denn die neue Rechten laufen eben nicht mit T-Shirts rum, auf denen steht: „Hallo, ich bin ein Nazi-Schwein“ – sie tragen schwarz, sie tragen Palästinensertücher, sie tragen mal die Uniform der Linksradikalen, mal die Uniform des Normalen, des Banalen – eben die Uniform des hässlichen Deutschen. Die Uniform des Feindes. Gut angezogen sind sie allerdings nie.

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Und so ist die Mode am Ende doch politisch, und eines sicher nicht: Mode ist nie modisch, denn Mode macht sich nicht gemein. Mode ist immer individuell – auch in ihrer Verneinung. Alles andere, das Gegenteil, ist Tarnung, das Schmücken mit fremden Federn – etwas, dem jede Haltung fehlt. Und ohne Haltung geht es nicht im Leben, und geht es nicht in der Mode. Beides bedingt sich, die Mode drückt immer eine Haltung aus, wenn ich Mode ablehne, dann sieht man das auch – in der Mode. Die Haltung der neuen Rechten – und das ist das Schlimme, das ist die Gefahr, ist oberflächlich nicht mehr zu erkennen. Man kann allerdings davon ausgehen, dass ihre Mode so hässlich ist, wie ihr Denken.


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