- Artikel
- 29.05.2009
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Migrantenradio: Tamer Ergün
Wie Tamer Ergün das wohl aushält? Sein schmuckloses Dienstzimmer in der sechsten Etage eines Kreuzberger Bürobaus hat keine Fenster, eine ständig surrende Klimaanlage hält die Temperatur auf einem erträglichen Niveau. 1992 kam Ergün, der aus Istanbul stammt, zum Studium nach Deutschland. Mit dem Diplom in der Tasche wollte er eigentlich in die USA ziehen. Dann aber baute er Deutschlands ersten türkischsprachigen Radiosender auf. Seit zehn Jahren ist Metropol FM in Berlin und mehreren anderen Ballungsräumen auf Sendung. 60 Prozent der Berliner Deutschtürken schalten den Sender ein, der damit genauso viele Hörer hat wie Radio Eins.
Würde auf Metropol FM auch Herbert Grönemeyer laufen?
Nein, leider nicht.
Und „Wir sind Helden“?
Nein, die leider auch nicht.
Warum nicht?
Wir spielen fast ausschließlich türkische Musik. Und das ist für viele unserer Hörer der wichtigste Grund, uns zu hören – weil diese Musik einfach nirgendwo sonst gespielt wird. Aber ich hätte Herbert Grönemeyer gern mal als Studiogast. Wir haben einen Wortanteil von 25 Prozent. Und der wird von unseren Hörern auch verlangt. Wir bringen sehr viele Informationssendungen und viel Infotainment on Air.
Um welche Themen geht es da?
Das ist bunt gemischt. Wir berichten viel über deutsche Kulturveranstaltungen, aber auch über deutschtürkische Angebote – und damit sind wir einzigartig, denn diese Veranstaltungen tauchen in den meisten anderen Medien überhaupt nicht auf.
Welche deutschtürkischen Veranstaltungen verpassen die deutschen Medien?
Dieses Jahr gab es zum Beispiel die Tanzshow „Fire of Anatolia“ in der Arena, die bis jetzt weltweit einige Millionen Zuschauer besuchten. In Berlin hat das kaum eine Redaktion berücksichtigt. Es gibt auch ziemlich viele große Konzerte, über die nicht berichtet wird, von Ferhat Göcer beispielsweise. Es gibt in Berlin viele Menschen, die sich für diese Events interessieren. Aber außer uns gibt es kein Medium, das regelmäßig darüber berichtet.
Das verbindende Element Ihrer Hörer ist der türkische Hintergrund. Aber die Deutschtürken in Berlin sind eine sehr heterogene Gruppe.
Das stimmt, in vieler Hinsicht sind sie sehr heterogen. Aber es gibt viele Künstler, die unter Türken von sehr vielen Menschen gehört werden. Wenn beispielsweise Ibrahim Tatlises oder Sezen Aksu zu einem Konzert nach Berlin kommen, dann sehen Sie im Publikum Leute jeden Alters, die Jugendlichen gehen da mit ihren Omas hin. Wenn man solche Musik spielt, dann hat man eine sehr breite Zielgruppe – auch wenn wir uns auf die 14- bis 49-Jährigen konzentrieren.

Foto: Moderator Alpay Sikilar am Mikrofon
Welchen Stellenwert hat die Musik in der türkischen Kultur?
Musik ist immens wichtig. Über Jahrhunderte gab es eigentlich keine anderen Kulturangebote. Wenn Sie in Anatolien sind, dann sehen Sie nur wenige Bibliotheken und kaum Theater, aber es gibt ständig Konzerte. Türkische Musik ist bis heute das dominierende Kulturgut. Türken ohne ihre Musik ist wie Currywurst ohne Curry.
Metropol FM sendet überwiegend auf Türkisch. Warum?
Die türkische Sprache ist für die Türken in Deutschland die Sprache der Emotion. Deutsch ist die Sprache der Information, der Schule, der Bürokratie. Wenn man bei den Deutschtürken Gefühle wecken möchte, dann muss man darum über die türkische Sprache gehen. Ein Beispiel: Es gibt einen Deutschtürken, Kaya Yanar, der deutschsprachige Comedy macht. Eine perfekte Symbiose, könnte man meinen. Viele Türken finden ihn auch sehr sympathisch. Aber sie können einfach nicht über seine Witze lachen. Wenn dagegen der türkische Comedystar Cem Yilmaz im Tempodrom auftritt, der sein Programm auf Türkisch macht, dann ist die Halle rappelvoll – und draußen stehen noch einmal tausende von Menschen.
Geht es Ihnen auch so?
Sicherlich. Mir ist das klar geworden, als ich noch studiert habe. Ich saß mit zwei Freundinnen in einem Café, und wir haben uns unterhalten. Irgendwann sprach uns die Frau vom Nachbartisch an. Ihr sei aufgefallen, sagte sie, dass wir mehrmals die Sprache gewechselt hätten, von Deutsch zu Türkisch oder umgekehrt. Was wir auf Türkisch gesagt hätten, wollte sie wissen. Wir erzählten es ihr: Es ging um die Familie, um Liebeskummer, solche Sachen eben. Da sagte die Frau: ,Das ist spannend. Sie haben sich über alle emotionalen Themen auf Türkisch unterhalten. Wenn es um die Uni, die Karriere oder die Bürokratie gesprochen haben, dann haben Sie Deutsch gesprochen.’ Später stellte sich heraus dass Sie eine Deutschlehrerin war. Übrigens hatten wir das selbst überhaupt nicht gemerkt.
Werden demnach Informationssendungen auf Metropol FM auf Deutsch gesendet?
Ja, überwiegend. Unsere Hauptnachrichten beispielsweise sind immer auf Deutsch. Wir sind zweisprachig – wie unsere Hörer.
Welche Medien nutzen Deutschtürken hauptsächlich?
Metropol FM hat einen Marktanteil von 70 Prozent der Deutschtürken. 59 Prozent davon sind Exklusivhörer – sie schalten also keinen anderen Sender ein. Vorher gab es nur sehr wenige Radiohörer. Die Leute haben Musik gehört auf CD oder Kassette. In gewisser Weise haben wir also die Berliner Türken überhaupt erst dazu gebracht, Radio zu hören. Ansonsten sind die Türken Ferngucker. Unter den zehn meistgenutzten Medien sind sechs türkische Fernsehsender. Dann folgen vier deutsche Programme, nämlich ProSieben, Sat1, RTL und Super RTL. Die öffentlich-rechtlichen tauchen kaum auf.
Wenn also die ARD sich bemüht, ihre Inhalte auch auf Migranten zuzuschneiden, bringt das gar nichts?
Es ist jedenfalls sehr schwer. Die meisten türkischen Haushalte haben Satellitenschüsseln. Diese Leute haben alleine Zugang zu mehr als 100 türkischen Fernsehsendern.
Mehr als 100 türkische Fernsehsender? Wie finanzieren die sich denn alle?
In der Türkei unterhalten viele Unternehmer kleine Sender, die mit geringem Aufwand produziert werden. Diese Sender existieren aus machtpolitischen Gründen. Etliche Bauunternehmen geben zum Beispiel kein Geld für Werbung aus – stattdessen finanzieren sie einen Sender, der zwischen Fernsehserien und Unterhaltungsshows ihre Sicht der Dinge verkündet.
Was macht diese Sender interessant für die Zuschauer?
Vor allem die Musiksendungen. Es gibt sehr unterschiedliche lokale Musiktraditionen in der Türkei. Wer aus einer bestimmten Region stammt, der schaut den dortigen Sender und hört da die Musik, mit der er aufgewachsen ist. Für Türken im Ausland ist das ein kleines Stück Heimat.
In deutschen Geschäften sieht man kaum türkische Waren. Und umgekehrt gibt es kaum deutsche Produkte in türkischen Geschäften. Wie kommt das?
Das stimmt so nicht ganz. In türkischen Geschäften gibt es immer mehr deutsche Produkte. Und die deutschen Supermarktketten denken auch darüber nach, ihr Sortiment entsprechend mit türkischen Markenprodukten zu ergänzen. Das müssen sie auch, immerhin hat etwa jeder zehnte Berliner einen türkischen Hintergrund. Die Ketten können es sich schlicht nicht leisten, die Wünsche dieser Gruppe nicht zu bedienen.
Und wenn sie das trotzdem tun?
Dann verpassen sie etwas. Das gilt auch für die Hersteller und ihre Werbung. Haribo zum Beispiel hat sich nie um die Deutschtürken gekümmert. Jetzt haben sie eine kleine Kampagne auf Türkisch gestartet, und der Absatz ist förmlich explodiert. Die Türken naschen nämlich sehr viel.
Aber Haribo hat doch früher auch schon Werbung gemacht.
Ja, aber diese Werbung hat die Türken eben nicht direkt angesprochen. Wenn ein Unternehmen dagegen beispielsweise mit der türkischen Sprache wirbt, wie das ja inzwischen viele tun, dann hat das zwei Effekte: Die Werbebotschaften bekommen mehr Aufmerksamkeit, und sie signalisieren Anerkennung. Und Anerkennung ist ein wichtiges Thema.
Verhindern solche Kampagnen Integration?
Nein. Menschen sind in der Lage, mit zwei Sprachen zu leben. Für Deutschtürken ist Türkisch nun einmal die Muttersprache. Unsere Hörerbefragungen haben das übrigens auch ganz eindeutig ergeben: Die Leute wollen, dass wir sie auf Türkisch ansprechen. Wenn wir das nicht tun würden, dann würden wir sie als Hörer verlieren, und davon hätte niemand etwas. Auch der Integration würde das nicht dienen.
Betreiben Sie Integrationsarbeit?
Natürlich. Sehen Sie, wie bei allen anderen Zielgruppen, ist es auch bei den Türken schwer, Aufmerksamkeit alleine mit Broschüren zu bekommen. Diese ganzen gut gemeinten Heftchen, die für viel Geld gedruckt werden, könnte man sich sparen. Oftmals verfehlen sie nämlich ihr Publikum. Medien wie Metropol FM haben einen ganz anderen Zugang. Die Leute schalten uns wegen der Musik ein und zwischendurch vermitteln wir ihnen Informationen über ihre Stadt und über Themen, die sie bewegen. Und damit arbeiten wir auch gegen eine mögliche Isolation mancher Deutschtürken. Wir erzählen ihnen, was in Berlin und den anderen Regionen in Deutschland, in denen wir auf Sendung sind, los ist. Unser Sender erklärt, was in der Politik hierzulande geschieht. All diese Informationen bekommen sie auf türkischen Fernsehkanälen nicht.
Eine Studie hat ergeben, dass ein Drittel der deutschtürkischen Akademiker Deutschland verlassen möchte – also genau die Gruppe, die es geschafft hat.
Viele Deutschtürken glauben, dass sie doppelt so gut sein müssen wie ihre deutschen Mitbewerber, wenn sie hier Erfolg haben wollen. In der Türkei fällt es ihnen dagegen sehr leicht, Karriere zu machen. Absolventen mit ausländischem Studienabschluss und mit Deutschkenntnissen werden dort gesucht. Es gibt sogar Headhunter, die aus der Türkei nach Deutschland kommen, um hier gezielt Leute abzuwerben.
Und geht es ihnen in der Türkei tatsächlich besser?
Ich habe jedenfalls einige getroffen, die es weit gebracht haben. Das Land ist im Aufbruch, und als junger Mensch kann man sich schnell hocharbeiten. Vielleicht sogar bis ganz oben. Und das wagen viele Deutschtürken gar nicht zu träumen, dass sie es hier bis ganz oben schaffen. Oder glauben Sie, dass Daimler irgendwann von einem Türken geleitet wird? Aber eines ist sicher: Diese Leute würden lieber in Deutschland bleiben. Denn in die Türkei haben sie ja eigentlich keine Verbindungen mehr, jedenfalls in den seltensten Fällen direkte Verwandte.
Eine andere Studie hat kürzlich gezeigt, dass die Deutschtürken in vieler Hinsicht die erfolgloseste Migrantengruppe sind. Wie sehen die Deutschtürken das selber?
Viele Türken haben das Gefühl, dass sie in Deutschland nicht willkommen sind. Das ist immer noch ein Erbe der ersten Generation, die hier nie wirklich heimisch geworden ist. Das führt auch bei den nachkommenden Generationen zum Teil zu Resignation. Dazu kommt, dass es in Berlin eine fast lückenlose türkische Infrastruktur gibt, sogar Arbeit kann man ohne Deutschkenntnisse finden. Wer außerhalb dieses kleinen Umfelds keine Perspektive für sich sieht, wird es nicht verlassen. Die Politik und die Gesellschaft müssen diesen Menschen Perspektiven anbieten. Trotzdem gibt es viel mehr Erfolgsgeschichten wie man glaubt.
Wie kann man das durchbrechen?
Wir müssen die Menschen erreichen und das kann man am Besten, wenn man es schafft, bis in ihre Wohnzimmer vorzudringen. Unserer Auffassung nach gibt es hierfür bisher nur wenige intelligente Konzepte. Wir porträtieren immer wieder Deutschtürken, die positive Vorbilder sind, die es in Deutschland geschafft haben. Bodenständige Leute aus Kreuzberg oder Wedding, die gegen alle Schwierigkeiten angekämpft haben, und die es zu etwas gebracht haben. Ein anderer Punkt ist, dass wir versuchen, die Leute aus ihren Kiezen rausholen. Sie sehen einfach keinen Grund, mal für einen Nachmittag aus Wedding oder Kreuzberg raus zu fahren. Wenn wir ihnen aber mitteilen, was in unserer Hauptstadt passiert und ihnen somit das Gefühl vermitteln, ein Teil dieser spannenden Stadt zu sein, wird ihr Interesse geweckt. Und das ist unser Ziel.
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