- Artikel
- 29.08.2006
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Magazin - 30 Jahre Punk: Punk ist untot
Berlin ist Punk. Googelt man den Begriff „Punk“ mit deutschen Städtenamen, verweist Berlin mit 10 Millionen Treffern Städte wie Hamburg (3,6 Millionen) oder Düsseldorf (1,8 Millionen, und das trotz der Toten Hosen) locker auf die Plätze. Punk war immer anders, und auch Berlin war immer anders: Mauerstadt, Zentrum der Studentenbewegung, Rückzugsgebiet für Kriegsdienstverweigerer, Hochburg der Hausbesetzerszene, Abenteuerspielplatz von Glücksrittern und Lebenskünstlern in der Wendezeit und heute Spitzenreiter bei Hartz-IV-Bezügen. Eine Stadt mit dieser Biografie ist perfekt für Punk. Aber braucht man den, 30 Jahre nach seiner Entstehung, überhaupt noch? Was ist Punk heute in Berlin?
Steve Morell sitzt vor dem Eschschloraque in Mitte. Er trägt dunkle halblange Haare, ein schwarzes Hemd und eine schwarze enge Hose. Ist das Punk? „Punk spiegelt sich nicht in der Uniform wieder, die man trägt, Punk spielt sich im Kopf ab“, stellt Steve klar und bestellt sich erst mal einen Whisky. Nachher wird er hier im Club noch auflegen. Neben ihm steht eine übermannsgroße verrostete Monsterskulptur, die sich manchmal mit lautem Krach bewegt. „Hier ist eine letzte Oase in Mitte und irgendwie auch Punk“, findet Steve. Er ist 39 und hat schon vor der Maueröffnung im Trash aufgelegt, vor allem Punk-, Industrial- und Wave-Scheiben. Nachdem er in den 90er Jahren lange Zeit in London gelebt hatte, kehrte er zur Jahrtausendwende nach Berlin zurück und gründete hier seine eigene Plattenfirma Pale Music.
„Berlin bewegt sich seit ungefähr sechs Jahren, was den Punk angeht, wieder zu seinen Wurzeln zurück. Zu dieser Zeit hat die Szene in London und New York geschlafen. Jetzt guckt man von dort nach Berlin, um zu sehen, was hier passiert. Die Szene in Berlin hat in den 90er Jahren zehn Jahre lang Techno und Drogen zelebriert. Es ist ein Zeichen für diese Stadt, dass ein Dr. Motte 2006 bei der Loveparade nicht mehr mitgemacht hat. Wenn etwas tot ist, dann sollte man es nicht mehr weiter feiern. Die derzeitige Entwicklung ähnelt der, die wir Anfang der 80er Jahre in Berlin hatten. Alle möglichen Soundelemente werden benutzt, um etwas Neues zu kreieren.“
Punk pur oder gemischt?
Das Büro von Pale Music befindet sich in einer kleinen Ladenwohnung in der Böckhstraße in Kreuzberg. Die Wände sind übersät mit Bildern und Postern: The Cramps hängen neben Marylin Manson, Suicide und Nick Cave. Das Markenzeichen des Labels ist die Verbindung von elektronischer Musik mit klassischem Rock’n’Roll und Punk. Der Vertrieb läuft inzwischen international. Die Zusammensetzung des jährlich erscheinenden „Berlin Insane Samplers“ ist ein Barometer für den Trend. Sage und schreibe 560 Bands, die aus Berlin kommen oder mit Berlin verbunden sind, haben sich mit Demos für die neue Compilation beworben. Steves Fazit: Die besten Sachen haben jetzt einen echten Bass oder elektronisch gespielte Rock’n’Roll-Beats.
Patti kann mit der Mischung von Elektro, Techno und Punk nicht viel anfangen. Ist nicht ihr Ding. Patti ist Sängerin der Berliner Punk-Band Cut My Skin. Gerade hat sie Record Release Party im Tommy-Weissbecker-Haus gefeiert. Das Tommy-Weissbecker-Haus. Eine Legende. Schon seit 1973 existiert es als selbstverwaltetes Projekt, direkt gegenüber haben sich unliebsame Nachbarn breitgemacht: Die SPD-Zentrale, der das Weissbecker-Haus mit seinem großen bunten Wandgemälde trotzig gegenübersteht. Anfang der 80er Jahre zog Patti von Oberhausen nach Kreuzberg. Mit ihren dunkel geschminkten Augen, der gestylten Stachelfrisur, zerschlissenen Klamotten und den vielen Tätowierungen ist sie eine, die gleich als Punkerin zu erkennen ist. Damals hat sie die große Hausbesetzerszene in der Mauerstadt fasziniert. Der Heinrichplatz war für Punks ein zweites Wohnzimmer. Heute ist der öffentliche Raum durch schicke Cafes und Geschäfte besetzt. „Jetzt ist die Szene nicht mehr so offensichtlich im Stadtbild vertreten und weicht in Clubs und Kneipen aus“.
Wild at Heart, Supamolly, Feuermelder, Köpi, Tommy-Weissbecker-Haus, Fischladen, selbst das White Trash – Plätze für Punkmusik sind in Berlin reichlich vorhanden. Einige davon existieren schon sehr lange. Das SO36 gibt es mit einer kurzen Unterbrechung seit 25 Jahren, es ist damit so etwas wie der Methusalem der Punk-Veranstaltungsorte. Hier spielten Anfang der 80er Jahre schon Bands wie Die Ärzte, Die Toten Hosen, Einstürzende Neubauten oder Dead Kennedys und nach wie vor finden hier regelmäßig Punkkonzerte statt. Der berühmte CBGB Club in New York, in dem Punkbands der ersten Stunde wie die Ramones auftraten, wird hingegen am 30. September schließen. In Berlin sind in letzter Zeit eher noch Orte dazu gekommen. So hat zum Beispiel das Clash in den Räumlichkeiten des Ex eröffnet. Die Liste weiterer Clubs, Kneipen, Labels und Projekte ist lang. Noch länger wäre eine Aufstellung der aktuell existierenden Bands in der Stadt. Dazu kommen Plattenläden wie Core Tex, Vopo Records oder Real Deal und mit Motor FM ein Radiosender auf normaler UKW-Frequenz (100,6), bei dem Punk einen großen Anteil ausmacht.
Patti findet, dass die Szene intakt ist. Das zeige sich daran, dass es genug Leute gäbe, die etwas auf die Beine stellen. „Ich finde Punks hohl, die nur saufen und sonst nichts machen. Das hat mit meiner Sache nichts zu tun. Punk sollte so sein, dass er nichts beschönigt. Der Anfang von Punk war für mich zu erkennen, was ungerecht abläuft, wie beispielsweise Diskriminierung aufgrund von Rasse oder Geschlecht. Man kann natürlich einen politischen Text in einen Popsong verpacken, aber von der Energie passt der Punk für mich besser, das Ganze hat auch viel mehr mit Wut zu tun.“
Runtergekommen sieht es aus. Wie eine Ruine. Am Rande des Hofes liegen ein paar Berge mit Sperrmüll. Auf einem Transparent wird gegen die Räumung der Wagenburg „Schwarzer Kanal“ protestiert. Hier kann man begreifen was Punk ist: Die Köpi in Mitte, direkt an der Grenze zu Kreuzberg, ist ein so genanntes autonomes Wohnprojekt. Es wurde 1990 besetzt, 1991 legalisiert, in Eigeninitiative instand gesetzt und konnte seinen ursprünglichen Besetzer-Charakter bis heute völlig bewahren. Das Nachbargelände wird als Wagenplatz genutzt. 60 Leute wohnen in der Köpi, einige Teenager von Geburt an. Es gibt kostenloses Kino, Konzerte, Diskos, Soliveranstaltungen, Workshops, einen Kampfsportkurs mit Don Chaos, eine Cocktailbar, ein Videoarchiv und einen Kneipenbetrieb auf Selbstkostenbasis. Der halbe Liter eines gehobenen Markenbiers kostet 1,50 Euro. Punk mit Stil. Kein Problem.
Mittwoch ist in der Kneipe Volxküche. Die Wände sind mit Demoaufrufen und Konzertankündigungen gepflastert. Es herrscht eine entspannte Feierabendatmosphäre, auch wenn bestimmt keiner einer klassischen Beschäftigung nachgeht. Man ist unter sich. „Normalos“ verirren sich selten hierher. Benni ist 40 und steht an diesem Abend in der Köpi hinter der Bar. Er trägt ein Basecap, Skitsystem steht darauf – eine politische Metal-Punk-Band aus Schweden. Benni gehört zum Kneipenkollektiv und arbeitet seine Schicht, wie alle anderen, ohne einen Cent dafür zu bekommen. Der Ablauf funktioniert trotzdem. „Allerdings ist die letzte Schicht am Wochenende wegen der langen Arbeitszeit nicht so begehrt. Schmeiß mal 50 besoffene Punks raus, die feiern wollen“, sagt Benni und lacht. Aber ihm ist es wichtig mit anderen zusammen dafür zu sorgen, dass hier Gegenkultur weiter gelebt werden kann. Im Keller gibt es auch hin und wieder mal eine Technoparty. Die Eintrittspreise sind immer günstig. Außerdem ist meist ein Soli-Beitrag im Eintrittsgeld enthalten.
Die Fixe Punk im Arm
Benni war schon Anfang der 80er Punk, und er hat bis heute nach eigener Aussage nicht wirklich darüber nachgedacht, ein bürgerliches Leben anzustreben. Für ihn ist Punk zu einer Lebenseinstellung geworden. Auch für viele andere ist Punk schon lange keine Jugendbewegung mehr.
Benni sagt, dass sich die Umgebung negativ verändert. Anfang der 80er Jahre waren die Projekte in den Kiez integriert. Heute schießen in der Umgebung der Köpenicker Straße sterile Bürogebäude aus dem Boden. „Ich fühle mich dadurch manchmal isoliert“, sagt Benni. Dafür hat er den Eindruck, dass die Besucherzahl in der Köpi ansteigt, nicht zuletzt durch die bessere Vernetzung via Internet. „In anderen Ländern hat Punk auch mordsmäßig zugenommen“, was dafür sorgt, dass in der Köpi mittlerweile meist ein Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch, Spanisch, Polnisch, Russisch und Italienisch gesprochen wird.
Auch Victoria zieht es nach Berlin. Sie ist 17 und gerade in den Ferien mit ihrer Freundin aus Gießen gekommen. Sie wohnt in der „Roten Insel“, einem ehemalig besetzten und später legalisierten Haus in der Mansteinstraße in Schöneberg. Ihre Augen hat sie dunkel geschminkt, ihre Haare sind kurz und dunkel, einen Teil hat sie lila gefärbt. Auf dem Rücken ihrer zerschlissenen Lederjacke steht Vorkriegsjugend, der Name einer Kreuzberger Punkband, die älter ist als sie. Sie sagt, ihre konservative und katholische Mutter bekommt jedes Mal Depressionen, wenn sie sich ein neues Piercing machen lässt“. Aha, Provozieren mit Punk funktioniert also immer noch. Die Schule ist Victoria nicht so wichtig. Nächstes Jahr will sie mit ihrer Freundin ganz nach Berlin ziehen. „Hier ist einfach mehr los. Berlin ist das Mekka des Punk.“
Ähnlich sehen es auch viele Künstler aus dem Ausland. Die Lebenshaltungskosten sind vergleichsweise niedrig, und die politische Situation wird insbesondere im Vergleich zu den USA als liberaler eingeschätzt. „Wir arbeiten mit vielen amerikanischen und englischen Künstlern zusammen. Viele von ihnen verlegen ihren Wohnsitz nach Berlin, weil sie das Gefühl haben, sich hier freier entfalten zu können. Hier meckert kein Polizist, wenn du ein Gramm Hasch in der Tasche hast“, sagt Steve Morell. Er hat es jetzt eilig. Ein Mitarbeiter vom Eschschloraque drängelt, er solle mal langsam anfangen aufzulegen. Der Laden beginnt sich zu füllen. „Wenn du einmal die Fixe Punk in den Arm gesteckt hast, dann hat er dich infiziert und lässt dich nicht mehr los“, sagt er und
verschwindet im Club.
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