- Artikel
- 01.09.2006
-




Titel - Interview: "Wir waren eher Kunst-Punks" Gudrun Gut im Interview
Malaria war keine typische Punk-Band – haben Sie sich trotzdem als Punk gefühlt?
In gewisser Weise schon: Wir lebten den Spirit von Punk. Was am Punk so toll war, war nicht die Musik als solche. The Sex Pistols zum Beispiel fand ich schnell doof – zu kommerziell, zu berechnend. Ich stand auf Bands wie Siouxie & The Banshees, Suicide, Throbbing Gristle. Oder die Sachen aus New York. Was mich begeisterte, war die Haltung des Punk: einfach etwas zu machen. Egal, ob man es kann oder nicht. Keine Scheu vor Peinlichkeiten. Zum Ethos des Punk zählte zum Beispiel, nie das Instrument zu spielen, das man beherrschte. Also saß ich bei Malaria am Schlagzeug. Punk war eine Initialzündung: Erstmal alles zerstören, reinen Tisch machen, bevor man etwas Neues startet. Mit der Punk-Musik als solche hatte ich aber schnell abgeschlossen.
Weshalb?
Mir wurde klar, Punk ist nichts anderes als schnell gespielte Rock-Musik. Das war mir zu wenig. Wir waren eher „Kunst-Punks“. Auch diese Prügeleien zwischen Punks und Skins, wie sie in England stattfanden, diese ganze Härte war nichts für mich. Wir wollten endlich etwas machen! Das war die Befreiung: nach Lust und Laune rumzuexperimentieren. Das war eher typisch für Berlin.
Wie kamen die „Kunst-Punks“ in „echten“ Punk-Kreisen an?
Malaria hatte die Unterstützung von Ratten-Jenny, das war die Punk-Frau in Berlin. Die mochte uns, vielleicht, weil wir auch Mädchen waren. Das hat die Sache einfacher gemacht. Auch sonst stimmte der Zusammenhalt in Berlin, es ging sehr solidarisch zu. In Hamburg war das anders: Da wurde eine Band wie wir bei einer Punk-Veranstaltung eher ausgebuht.
Dank Punk standen plötzlich viele starke Frauen auf der Bühne, die keinesfalls dem Rollenklischee entsprachen.
Ich dachte damals: Endlich ist es soweit, und das wird jetzt immer so bleiben! Tat es aber nicht. Im Laufe der Jahre habe ich erkannt, dass immer, wenn etwas neu ist, viele Frauen am Start sind. Professionalisiert es sich aber, rücken sie wieder in den Hintergrund - wahrscheinlich sind wir zu lustorientiert, wir gehen weniger Kompromisse ein.
Mit Malaria traten Sie im New Yorker Studio 54 auf, Sie spielten mit John
Cale, wurden von John Peel nach England eingeladen. Spürten Sie Erfolgsdruck?
Nein, wir fanden das toll. Wir alle lebten ja quasi ohne Geld. Es ging um Aufregung. Und etwas tun. Wir machten den Laden Eisengrau in der Goltzstraße, ich arbeitete im Plattenladen Zensor. Ich hatte Bands wie Din A Testbild, Mania D, ich spielte bei den Einstürzenden Neubauten und schließlich war da Malaria. Es hat uns viel Spaß gemacht, auf der Bühne zu stehen. Und wir waren bei Malaria wirklich sehr aktiv und viel unterwegs, insofern hat unser Plan auch gut hingehauen. Letztendlich hat uns das aber auch kaputt gemacht: Ständig hockten wir aufeinander, nach fünf Jahren konnten wir uns nicht mehr sehen. Wir merkten, dass wir in Berlin die Bodenhaftung verloren: Wir waren nur noch drei, vier Tage im Monat hier. Da ist es schwer, seine Freundschaften zu pflegen. Wir gehörten nicht mehr dazu. Also machten wir Schluss. Das war eine dunkle Zeit in Berlin, es war sehr eng geworden. Viele Leute waren kaputt von den Drogen, sehr, sehr negativ. Da wollte ich hier raus.
Gab es Kontakt zur DDR-Punk-Szene?
Die gab es wahrscheinlich schon, aber ich habe davon nichts mitbekommen. Es gab nicht viele Informationen. Nachdem die Mauer dann fiel, hat es mich überrascht zu sehen, dass es in der DDR schon lange eine Punk-Szene gab.
Was ist geblieben vom Punk?
Was soll ich sagen: mein Leben, immer wieder etwas Neues machen. Früher haben wir Sachen gemacht, um der Langeweile zu entgehen. Heute erscheint mir Langeweile wie ein Luxus, den man nur selten hat.
Navigation
-
Brandenburg »
Brandenburg -
Fototouren »
-
Berlin »
-
Stil & Mode »
Shopping in Berlin
zitty Suche
Login
Zitty Empfehlung
Umfrage
Wählen Sie ihr Lieblingsfeindbild
Wer ist Ihr Lieblingsfeind? Wir wollen es wissen.Wegen der großen Nachfrage wieder aktiv!
Hier finden Sie den Artikel zur Abstimmung!

Ihr Kommentar
Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.