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- 13.05.2008
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Zukunft des Landwehrkanals : "Macht ihn zum Schwimmbad"
Was wird aus dem Landwehrkanal? Letztes Jahr wollte ein wildgewordener Amtsleiter 200 Bäume in Kreuzberg fällen, weil die Uferbefestigungen morsch waren. Eine Bürgerinitiative stellte sich quer, seitdem wird in einem langwierigen Mediationsverfahren ein Plan für die Sanierung des Kanals erarbeitet. Reeder, Anwohner, Wasserbauer und Bezirksämter – alle reden mit. Aber niemand beantwortet bislang die Frage, was aus dem Landwehrkanal werden soll. Bleibt er eine dreckige, zugewucherte Wasserautobahn oder können die Kanalufer zum Mittelpunkt ihrer Kieze werden? zitty hat den Landschaftsarchitekten Stefan Jäckel und den Ingenieur Ralf Steeg nach ihrer Vision gefragt.
Die Sanierung des Kanals wird über 100 Millionen Euro kosten. Was kann man mit diesem Geld machen, außer eine Rennstrecke für Ausflugsboote zu bauen?
Steeg: Man sollte sich darauf konzentrieren, die Wasserqualität im Kanal erheblich zu verbessern. Man könnte das Wasser im Kanal so sauber bekommen, dass man wieder darin baden kann. Erst 1957 wurde das letzte Kanalbad geschlossen, das Studentenbad an der Ratiborstraße. In Zukunft sollte man reinhüpfen, zu einer Insel am Urbanhafen schwimmen und vor der Lohmühle planschen können. Man könnte den Kanal in Teilen zum Schwimmbad machen. Das würde eine unglaubliche Lebensfreude in die Stadt von Neukölln bis Charlottenburg bringen. Schon allein, wenn man überall auf den Grund gucken kann, wenn man in Kreuzberg Fische im Wasser, Schilf und Seerosen sieht. Technisch und finanziell ist das möglich. Wir sind die Hauptstadt einer der größten Industrienationen der Welt, man muss es nur wollen. Ich würde insgesamt die verschiedenen Maßnahmen nicht gegeneinander ausspielen.
Jäckel: Das Geld ist gar nicht das Entscheidende. Erst mal muss man dankbar sein für die Fällungen und die Ufereinbrüche letztes Jahr. Ohne die wäre der Landwehrkanal nie von so vielen Menschen diskutiert worden, und es wäre nie so eine starke Bürgerinitiative entstanden. Das Thema Kanal, Wasser und städtischer Freiraum ist so präsent wie nie zuvor. Man spürt, wie wichtig den Bürgern der Landwehrkanal ist. Bei der Sanierung muss jetzt die Qualität des Raums am Kanal und um den Kanal verbessert werden.
Wie kann das passieren?
Steeg: Indem man die Ufer verändert. Die Menschen müssen einen Zugang zum Wasser bekommen, mit Treppenanlagen, Rampen, Plätzen und Gartenanlagen. Die Ufer wie sie jetzt sind, mit Hecken, Gittern und der harten Kante, das sind alles Barrieren.
Jäckel: Sie dürfen aber den Denkmalschutz nicht vergessen. Der Kanal wurde von Peter Lenné entworfen und diese historischen Ufer müssen bewahrt werden. Am Urbanhafen und in Teilen am Potsdamer Platz existieren keine alten Mauern mehr, da kann man auch Veränderungen vornehmen und vielleicht einen Strand anlegen. Aber sonst muss man die harte Uferkante akzeptieren – das tun die Berliner auch, die am Maybachufer und am Paul-Lincke-Ufer mit den Beinen baumeln. Das sind schützenswerte, alte Bauwerke.
Steeg: Die aber nicht gut gepflegt sind – es gibt ein unästhetisches Sammelsurium an Stadtmöbeln, mit unterschiedlichen Lampen, Geländern, Eisengittern um den Kanal, die schon heute nicht dem Denkmalschutz entsprechen. Denkmalschutz ist außerdem nur ein Aspekt. Wenn man ernsthaft die Raumqualität verbessern will, sollte man die Mehrzahl der Straßen am Kanal für den Autoverkehr sperren.
Ist das realistisch? Gerade am Potsdamer Platz führen wichtige Durchgangsstraßen am Ufer entlang.
Steeg: Ist nicht jede Straße für irgendjemand wichtig? Die Autos sind laut und dreckig – wozu will man ein denkmalgeschütztes Ufer haben, wenn man sich dort nicht aufhalten kann?
Jäckel: Das kann nicht der erste Schritt sein, langfristig wäre es gut. Viel wichtiger wäre es aber erstmal, einen durchgängigen Fuß- und Radweg zu schaffen. Der fehlt. Das ist ein Grund, warum Berlin zwar mehr Brücken als Venedig hat, Bürger und Touristen das aber gar nicht merken. So wie am Urbanhafen, wo der Weg verbuscht und zugewachsen ist. Und die Liegewiesen in einem erbärmlichem Zustand sind. Zur Zeit trennt der Kanal noch die Stadtviertel, statt als Magnet zu wirken.
Wenn man die Straßen sperren würde, bliebe aber das Problem mit den Booten. Deren Dieselmotoren fahren immer noch ohne Rußfilter. Kann man den Kanal verkehrsberuhigen?
Jäckel: Die Touristenboote sind wichtig, sie zeigen den Kanal einem Millionenpublikum. Gleichzeitig sollte es aber auch möglich sein, dass kleine Ruderboote und Kajaks die Stadt durchqueren.
Steeg: Die Fahrgastschiffe sind eigentlich zu groß. Man bräuchte ein neues Verkehrskonzept – einen Masterplan für den Landwehrkanal. Der Senat müsste ihn zu einem wichtigen Infrastrukturprojekt erklären. Nun hat der Senat aber gerade die Übernahme des Landwehrkanals vom Bundesverkehrsministerium abgelehnt. Obwohl der Bund sogar die Kosten für die Sanierung übernommen hätte, das kann ich nicht verstehen.
Die Anwohner am Kanal sind für das Thema sensibilisiert. Zeigen der Senat und die Bezirke genug Initiative?
Steeg: Generell ist Berlin als Stadt am Wasser ein Thema, das den Bürgern sehr wichtig ist – man muss sich nur den Protest gegen die Baumfällungen und gegen die Bebauung der Spreeufer angucken, aber auch, wie sehr die Strandbars in den letzten Jahren zum Treffpunkt geworden sind. Die Bars haben die Berliner ans Wasser geholt, die Verwaltung hängt da noch hinterher. Andere Städte sind schon viel weiter. Zürich hat vor 20, Hamburg vor 15 Jahren entschieden, wie man am Wasser leben will. Frankfurt hatte den Mut, Museen an den Main zu bauen und keine Banken. Mitten in München kann man in der Isar baden. Hier wird man sich erst jetzt nach dem Ende der Baustellen Potsdamer Platz und Mitte bewusst, welchen Platz und welches Erbe man hat.
Was ist das für ein Erbe?
Steeg: Wir haben unglaubliche Werte mit der Spree und dem Landwehrkanal. Man muss jetzt anfangen zu überlegen, wie sich Berlin am Wasser entwickeln soll. Wie bringt man Lebensqualität, Ökologie und Ökonomie am Wasser in Einklang? Wie wird es möglich, nach der Arbeit zu schwimmen oder am Ufer zu entspannen? Das Debakel am Kanal und der Spree ist das Ergebnis unmotivierten Stückwerks von Jahrzehnten.
Jäckel: Dieses Erbe ist ein besonders wichtiges, denn wenn wir über Berlin als historische Stadt diskutieren und über die Rekonstruktion, dann ist der Landwehrkanal für die Bürger und Anwohner sicherlich genauso wichtig wie das Stadtschloss. Meines Erachtens bedarf es nicht nur eines Planwerks Innenstadt sondern auch eines Planwerks Berliner Wasserwege.
Wie schwierig wäre es denn, bei der Sanierung des Kanals die Wasserqualität so zu verbessern, dass wieder gebadet werden kann?
Steeg: Man muss dafür sorgen, dass bei Starkregen das Wasser von den Straßen und der Kanalisation nicht mehr ungeklärt in den Kanal fließt. Technisch ist das kein Problem, finanziell muss es in die Langzeitplanung der Stadt aufgenommen werden.
Wie realistisch ist denn diese Hoffnung? Mit welchem Nutzen kann man den Behörden schmackhaft machen, den Kanal zu entwickeln?
Steeg: Ganz einfach: Die Stadt kann damit Geld verdienen, dass sie schön ist.
Jäckel: Es sind innovative Ideen gefragt, die die Lebens- und Freizeitqualität sowie das Stadtklima verbessern. Diese Ideen sollten sich auch mit den denkmalpflegerischen Aspekten in Übereinstimmung bringen lassen, um nicht die Behörden zu überzeugen, sondern als Erstes die Berliner Bürger und die Berliner Politik.
Durch Tourismus?
Steeg: Ja klar, die Touristen bleiben länger und kommen öfter. Aber viel wichtiger: Die Berliner identifizieren sich mehr mit ihrer Stadt. Wenn man, um einmal Luft zu schnappen und sich ans Wasser zu legen, nicht mehr 25 Kilometer fahren muss, dann wird Berlin wirklich zum „Home an der Spree“, wie Seeed singen. Wenn man die Züricher fragt, warum sie dort leben, sagen die als erstes „wegen der Arbeit“ und an zweiter Stelle kommt der Zürichsee.
Jäckel: Der Landwehrkanal war jahrzehntelang nur ein Bach vor der Mauer. Man müsste eigentlich heute ein Landwehrkanalfest veranstalten, um den Wasserverlauf für die Berliner richtig greifbar zu machen: Einen Sonntag lang die Straßen um den Kanal sperren, alle Restaurants und Firmen am Ufer können sich mit Ständen präsentieren und auf dem Wasser kann man 200 Ruderboote und Kanus mieten.
Was muss passieren, damit ihre Vision vom Baden im Kanal Wirklichkeit wird?
Steeg: Der Regierende Bürgermeister und die Politik müssen sagen, der Landwehrkanal ist wichtig. Und die Berliner sollen Druck machen.
Jäckel: Wowereit sagt zu Recht immer: Es geht nicht darum, was ich will, sondern darum, was die Stadt braucht.
Wofür braucht die Stadt den Landwehrkanal?
Jäckel: Dort ist der weite Blick fast bis zum Horizont möglich. Es gibt nur wenige Stellen an denen man die Sonne in der Stadt untergehen sehen kann. Es macht glücklich am Kanal spazieren zu gehen, und es wäre toll, wenn man mit dem Wassertaxi schnell von A nach B käme, mit Kindern zusammen angeln, rudern und paddeln könnte.
Steeg: Es ist einfach ein schöner Ort. Der Blick auf den Kanal hat schon viele Verzweifelte mit Liebeskummer über die nächste Nacht gebracht.

Ingenieur Ralf Steeg (li.) ist Initiator des Projekts „Spree2011“, das bis zum Jahr 2011 das Baden in der Spree möglich machen will.
Landschaftsarchitekt Stefan Jäckel (re.) ist Geschäftsführer des Kreuzberger Planungsbüros ST Raum A, das die Gärten am Olympiastadion, am Umweltbundesamt in Dessau und im neuen Regierungsviertel von Tripolis in Libyen entworfen hat.
www.spree2011.de, www.strauma.de
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Kommentare
frischer Wind zum Landwehrkanal 2
Demnächst gibt's einen Workshop, wo Planungsbüros Ideen vorstellen werden, die über die Plass'schen Varianten hinausgehen (welche das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) im vergangenen Herbst leider an den Anfang des Mediationsverfahrens gestellt hatte). Werden nun echte Alternativen präsentiert, will das WSA ihre Umsetzung auch finanzieren. Es kann dabei ohnehin immer nur um abschnittsweise Gestaltung gehen, denn die eine umfassende Gesamtkonzeption wird es nicht geben.
07.05.2008 23:14 UhrVielleicht findet sich also darunter auch ein technisch gangbarer Weg in ein beschwimmbares Baudenkmal mit abwechselnd ökologisch wertvollen und eher für die Erholungsnutzung geeigneten Uferpassagen...
Angesichts der dicken Bretter, die da noch zu bohren sind, ist es jedenfalls wichtig, das öffentliche Interesse an diesem komplexen
Sanierungsprojekt wachzuhalten bzw. immer wieder zu wecken. Für Euren Weckruf seid bedankt!
frischer Wind zum Landwehrkanal
na, die neue zitty-Ausgabe ist ja fast ein LWK-Special! Das Interview mit Jäckel und Steeg bringt frischen Wind just in time, denn zurzeit
07.05.2008 23:14 Uhrbläht sich der Denkmalschutz sozusagen als oberste Genehmigungsbehörde und versucht, die Sanierung auf die 1:1-Restaurierung der sog.
Regelbauweise zu reduzieren (die übrigens noch nicht mal von Lenné stammt) und damit das ganze Mediationsverfahren tendenziell ad absurdum
zu führen. Auch die Reederschaft bringt wieder ihre Maximalforderungen in Anschlag, so dass die BI Bäume am Landwehrkanal alle Mühe hat, bei der anstehenden Sanierung auch noch weitere Interessen und Erfordernisse in Erinnerung zu halten und gehörig zur Geltung zu bringen, seien es nun Erholungsnutzung, Barrierefreiheit, kleinteiligere und vor allem emissionsfreie Fahrgastschifffahrt, seien es ökologische Ziele, die anzustreben uns die einschlägigen EU-Richtlinien zu Lande und zu Wasser auch im Falle künstlicher Gewässer aufgeben.
Natürlich kann es nicht um eine Entgegensetzung von Denkmal oder Schwimmbad oder Grünkorridor gehen, sondern nur um eine Vermittlung der
verschiedener Interessen, Bedürfnisse und Schutzgüter, letztlich eben um einen Ausgleich, mit dem alle Seiten die nächsten 50 Jahre werden leben können müssen.
Der Vision Baden im LWK hängt übrigens sogar unser Bezirksbürgermeister an, doch so einfach wie von Steeg geschildert, wird der Weg dorthin wohl nicht sein, nicht nur wegen der Mischwasserkanalisation direkt, sondern weil dank ihrer allerhand kontaminierte Sedimentschichten, also die Giftschlämme auf der Kanalsohle davor sind. Die Beseitigung dieser Fracht würde einigen Aufwand erfordern und temporär - zumal bei der geringen Fließgeschwindigkeit - einen Totalausfall der allermeisten Lebensformen bedeuten, will man sie nicht vorher abfischen und nach einem Wasseraustausch wieder einsetzen...
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