Inhaltsangabe

Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgård) feiern ihre Hochzeit mit einem rauschenden Fest auf dem Landsitz von Schwester (Charlotte Gainsbourg) und Schwager (Kiefer Sutherland) der Braut. Währenddessen nähert sich der riesige Planet MELANCHOLIA immer weiter bedrohlich der Erde.

zitty-Kritik 21/2011

 

Trierfilm

Der Anfang ist das Ende: Ein riesiger Planet rast auf Kollisionskurs gen Erde. Untermalt von Wagners „Tristan und Isolde“ reihen sich Bilder des Untergangs aneinander: Der Himmel verdunkelt sich, Schlingpflanzen wachsen aus dem Boden. Eine Ästhetik wie eine Melange aus Casper David Friedrich und Leni Riefenstahl, eine visuelle Oper, die strudelartig in den Film hineinzieht.

Dann der Rückblick: Justine (Kirsten Dunst) feiert Hochzeit. Ihre Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und deren Mann John (Kiefer Sutherland) haben ein rauschendes Fest in einem schwedischen Schloss organisiert. Alles ist wie im Märchen. Doch Justine ist depressiv, sie schafft es nicht, sich durch die Abläufe der Feierlichkeiten zu kämpfen.

In der zweiten Hälfte des Films wechselt der Fokus auf Claire. Sie pflegt Justine, die wie gelähmt ist von einem depressiven Schub. Plötzlich erscheint ein seltsamer Stern am Himmel. Es heißt, der Planet Melancholia werde die Erde passieren. Claires Mann John fiebert dem Naturschauspiel entgegen. Doch Justine und Claire ahnen, dass der Untergang naht.

Nach dem opulenten Einstieg springt der Film um in die Dogma-Ästhetik. Die Hochzeitsfeierlichkeiten erinnern optisch – Handkamera, hektische Schwenks – an Thomas Vinterbergs „Das Fest“, und auch inhaltlich: Justines Familie ist zerrüttet, wie ihre Eltern (Charlotte Rampling, John Hurt) eindrucksvoll beweisen.

Die klare Zweiteilung des Films in die Perspektiven der beiden Schwestern will nicht kaschieren, welchem der Charaktere sich der bekennende Depressive Lars von Trier verbunden fühlt. Er stellt Justine zwei Pole gegenüber: Claire, Mutter eines Kindes, klammert sich an das Leben. Ihr Mann John, der Rationale, findet Halt in der Wissenschaft. Justine aber gewinnt plötzlich an Kraft.

„Melancholia“ ist vollgepumpt mit dem Geist der deutschen Romantik, sie steckt in von Triers Bildern, in Wagners Musik – ihre Themen ziehen sich durch die drei Charaktere: die gepeinigte Seele, der Kampf zwischen Sehnsucht und Vernunft, die unbändigen Kräfte der Natur. Und über allem: der riesenhafte Planet, Todesbote und Gespiele der lebensmüden Justine. Sie räkelt sich nächtens nackt in seinem Licht – wie sich schon Charlotte Gainsbourg in „Antichrist“, Lars von Triers stark polarisierender Psychodrama-Horror-Tragödie, der Dunkelheit des Waldes hingab. Auch in „Melancholia“ wirken Natur und Weiblichkeit geheimnisvoll und bedrohlich zugleich. Fast hat es etwas Hexenhaftes, wenn Justine dem unheilverkündenen Hagelschauer lachend die Arme entgegenstreckt.

Der Film ist eine emotionale und optische Wucht. Kirsten Dunst spielt atemberaubend und erhielt dafür bei den Filmfestspielen in Cannes die Silberne Palme als Beste Schauspielerin. Mehr war für „Melancholia“ nicht drin, nachdem Lars von Trier als Persona non grata vom Festival ausgeschlossen wurde. Der Provokateur hatte sich während der Pressekonferenz in bedenklichen Äußerungen  („Ich verstehe Hitler“) verrannt und beendete seinen Monolog nach selbstironischem Geschlinger („Wie komme ich aus dem Satz jetzt wieder raus?“) mit dem Satz: „Ja, okay, ich bin ein Nazi.“ Lustig muss das niemand finden. Aber das? Von Trier säte einen Sturm der Hysterie, der zu seinem Ausschluss vom Festival führte. Soviel Theater, wo es doch um Kino gehen soll. Eine höchst überzogene Strafe, die das Werk nicht berührt: „Melancholia“ ist ein unvergesslicher Film. So wunderschön kann die Apokalypse sein. Lydia Brakebusch