Inhaltsangabe

Der pädophile Michael, ein unauffälliger Versicherungskaufmann, hält im Keller seines anonymen Vorstadthauses den Jungen Wolfgang gefangen. Die beiden leben einen grausamen Alltag: hinter heruntergelassenen Rollläden, darf Wolfgang aus seinem dunklen Kellerzimmer zum Abendessen nach oben und als Michael für ein paar Tage ins Krankenhaus muss legt er für Wolfgang einen Vorrat Tütensuppen an. Die Situation gerät aus dem Lot, als Wolfgang beginnt, gegen seinen Unterdrücker zu rebellieren.

zitty-Kritik 03/2012

Michael ist 35, Versicherungskaufmann, und lebt fast ohne soziale Kontakte in einem Reihenhaus. Michael ist pädophil. Im Keller hält er den zehnjährigen Wolfgang gefangen. Wenn Michael von der Arbeit kommt, darf Wolfgang mit ihm zu Abend essen. Wenn Michael Wolfgang vergewaltigt, macht er ein Häkchen in den Terminkalender. Am Wochenende machen sie manchmal einen Ausflug. Markus Schleinzers erzählt in seinem Debütfilm diese grauenhafte Geschichte sehr nüchtern, ohne dramatisierende Mittel und in großer Ferne zu den üblichen medialen Wahrnehmungsmustern. Nicht zufällig erinnert die Strenge des Films an Michael Haneke; Schleinzer hat mehrfach mit ihm zusammengearbeitet.
„Michael“ verzichtet auf jeden wertenden Kommentar und setzt dadurch den Zuschauer unmittelbar dem Gezeigten aus. Er erzählt aus Michaels Perspektive, ohne je um Sympathie oder Antipathie zu werben. Interpretation und Bewertung überlässt er konsequent dem Zuschauer – Kino, das zu gedanklicher Arbeit herausfordert.
Das Erschreckendste an der Figur Michael ist seine Durchschnittlichkeit, wie er seine Taten scheinbar problemlos in Einklang bringt mit den von ihm minutiös durchexerzierten Ritualen kleinbürgerlichen Familienlebens. Die sexuellen Handlungen zeigt der Film nicht. Das sich langsam wandelnde Verhältnis zwischen Michael und Wolfgang wird in winzigen Stimmungsabstufungen angedeutet, in Details im absurden „Alltag“ der beiden, großartig gespielt von Michael Fuith und dem jungen David Rauchenberger. Wenn Michael Wolfgang die vom Waschen nassen Haare kämmt, das ist ein Moment von zugleich erstaunlicher Intimität und Schrecklichkeit, der vieles miterzählt. Susanne Stern