Berlin

Mono? Poly!

Menschen in Poly-Beziehungen haben ZITTY erzählt, wie es dazu kam und wie es sich damit so liebt und lebt

Bagel statt Croissant

bagel

Lange habe ich die Art, wie Ben und Alexander mit mir leben, das Modell „Croissant“ genannt: ich die große, buttrige Blätterteigmasse in der Mitte – und an meiner einen Spitze Ben, an der anderen Alexander. Zwischen den beiden gab es keine Berührung. Mittlerweise sind wir beim Modell „Bagel“ angelangt. Mit Ben war ich vorher schon sechs Jahre zusammen, als ich Alexander kennenlernte. Wir hatten eine offene Beziehung, mich interessierten ernsthaftere Liebschaften. Als ich mich dann in Alexander verliebte, war ich anfangs optimistisch, dass Ben und Alexander sich auch sehr gut verstehen müssten. Ich hatte oft mit Alexander Gespräche über klassische Musik, bei denen ich dachte: Darüber müsste er jetzt eigentlich mit Ben reden. Oder umgekehrt. Das war aber lange nicht gut möglich, sie haben sich eher misstrauisch beäugt. Für mich war das auch zeitlich schwierig, beiden gerecht zu werden. Quasi jeden Abend stellte sich die Frage: Zu wem gehe ich jetzt nach Hause? Einmal hatte ich zufällig mehrere Konzertkarten für Joanna Newsom im Admiralspalast bekommen. Dann hab ich also beide mitgenommen. Wir haben hinterher in der U6 noch dreistimmig gesungen. Ein Wendepunkt war vielleicht, als wir zu dritt im Bett landeten. Gar nicht sexuell, sondern weil wir Premiere hatten mit einem Theaterstück, an dem Ben und ich beteiligt waren. Alexander kam auch. Danach sind wir durch die Straßen gezogen. Ben wollte eigentlich, dass wir beide zusammen nach Hause gehen. Ich hab dann gesagt: „Das wäre doch jetzt aber voll schade, wenn Alexander woanders schlafen muss.“ Wir lagen also in meinem ziemlich engen Bett. Ich musste am nächsten morgen früh raus zu einer Klavierprobe. Als ich sie in meiner Pause anrief, um das Mittagessen zu koordinieren, sagten sie: „Ja, alles klar, bis gleich, wir sind gerade fertig geworden.“ Mit dem Sex. Irgendwie hat das viele Spannungen gelöst. Die beiden sind inzwischen Freunde. Sie beide haben für mich eine große emotionale Dringlichkeit. Ich hatte wohl noch nie mit so wenigen Menschen Sex wie jetzt, wo ich zwei Beziehungen habe. Bigam quasi. Wenn ich vom Modell „Bagel“ spreche, meine ich aber auch: In der Mitte bleibt ein Freiraum, und wir hängen nicht in allen Enden zusammen. Mal schauen, ob sich der Bagel noch schließt.

Martin, 30


Lernen, auf sich selbst zu achten

lernen

Es war in der zweiten Nacht mit meinem jetzigen Freund, als ich realisierte, dass ich Teil einer polyamoren Beziehung werde. Vor vier Jahren hatten Konstantin und ich uns über gemeinsame Freunde kennengelernt. Er interessierte mich, und ich wusste, dass er und seine Freundin Hanna noch andere Partner hatten. Und so gab es für Konstantin dann uns beide. Auch ich bin nicht frei von Eifersucht auf die Welt gekommen, aber in kritischen Phasen konnten Hanna und ich immer reden, und das war wichtig. Durch unseren engen Kontakt war Konstantin angehalten, klar zu sagen, was er möchte. Als seine Beziehung zu Hanna zu Ende ging, war das eine schwierige Zeit für uns alle, doch in unserem Umfeld waren viele erleichtert. Das war gemein, denn letztlich wollten sie nur ihr Bild bestätigt sehen: Schaut her, so funktioniert’s eben doch nicht.

Nach der Trennung von Hanna führten wir eine offene Beziehung. Affären und One-Night-Stands waren fortan gestattet, intensive Beziehungen zu anderen vorerst nicht mehr. Eine offene oder polyamore Beziehung ist auch immer eine Selbstachtsamkeitsprüfung, man ist ständig angehalten, sich mit seinen eigenen Gefühlen zu befassen, sonst kann man sich sehr wehtun. Vor allem als Frau, denn uns legt die Gesellschaft nahe, eher auf das Wohl der anderen als auf unser eigenes zu achten. Für mich war immer klar: Wenn ich in einer schlechten Verfassung bin, muss es möglich sein, auch monogame Phasen zuzulassen.

Eine der größten Konfliktpunkte war immer die Frage nach der Solidarität in einer Beziehung. Wenn mein Partner Dinge tun möchte, zu denen ich nicht bereit bin – sollte er sich diese dann bei anderen holen dürfen? Konstantin ist Individual-Anarchist, er findet Letzteres legitim. Ich aber sehe das kritisch, denn so schafft man schnell Lebensbereiche, zu denen der Partner keinen Zugang hat.

Über die Jahre habe ich viel zum Thema gelesen, aber eine Frage konnten mir die Texten nicht beantworten: Wie vereint man eine polyamore Beziehung mit Elternschaft? Ich hatte schon lange den Wunsch, ein Kind zu bekommen, und nach knapp zwei Jahren Beziehung wurde ich schwanger. Schnell stellte ich fest, dass ich eine Pause von der Offenheit brauche. In einer Lebenslage, in der ich nicht auf Dates aus bin, wäre das Verhältnis sonst in eine Schieflage geraten. Unser Kind ist nun anderthalb Jahre alt, und noch haben wir die Beziehung nicht wieder geöffnet. Ich bin gerade sehr  an unser Kind gebunden, mein Körper ist noch nicht wieder völlig selbstbestimmt. Doch dass sich das wieder ändern wird; dass wir die Beziehung erneut öffnen werden, das spüre ich ganz deutlich.

Lene (Name geändert), 28


Lieben üben

lieben

Meine letzte Beziehung endete, wie sie immer gewesen war: leidenschaftlich, laut, hochdramatisch. Vier Jahre lang waren Tom und ich in einer teils offenen, teils monogamen On-Off Partnerschaft gewesen. Und genauso, wie ich die Nähe zu anderen Menschen genossen habe, bin ich oft fast gestorben, wenn er – mein schöner, charmanter Mann! – vor meinen Augen andere Frauen begehrt und berührt hat. Nachdem Tom sich im Sommer mal wieder im Namen der Freiheit aus der Partnerschaft verabschiedet hat, war mir klar, dass ich so nicht mehr leben wollte. Deshalb habe ich mich für eine ungewöhnliche Lösung entschieden: für eine „arrangierte“ Liebesbeziehung, eine Art Übungspartnerschaft. Ich kenne Tobias, meinen jetzigen Partner, seit drei Jahren. Gemocht habe ich ihn immer, er versteht sich bestens mit meinen zwei Kindern – und mit Facetten von Sexualität spielen wir schon lange, wenn wir auch nie miteinander geschlafen hatten.

Und so standen wir nach Ende meiner Beziehung zu Tom beide vor meinem Coach, und er stellte die Frage: Warum versucht ihr es nicht miteinander? Schließlich wollte ich eine Partnerschaft, und Tobias auch. Ohne verknallt zu sein, zogen wir mit Kids zusammen. Schon komisch, dachte ich, eine Beziehung von hinten aufzuziehen; Zweckpartnerschaften sind in westlichen Gesellschaften ja völlig unüblich. Bereut habe ich die Entscheidung aber bisher keinen Tag. Ich liebe Tobias, mag unser Zusammenleben, wertschätze ihn – nur ist da nicht diese extreme Leidenschaft, die meine letzte Beziehung so heiß, aber auch so toxisch gemacht hatte. Doch genau das tut mir momentan gut. Ich lerne viel über mich selbst, etwa, meine Bedürfnisse klar zu formulieren. Gerade beginnen Tobias und ich, uns auch mit anderen Menschen zu treffen. Wundervoll finde ich, dass er auch auf Männer steht – das eröffnet mir völlig neue Möglichkeiten, die ich mit Tom so nicht hatte.

Mara (Name geändert), 34

Polyamorie ist Berliner Lebensrealität

[Fancy_Facebook_Comments]