Musik hat viele Gesichter: Musik-Videos aus Berlin
Auf dem Bildschirm von Johannes Timpernagel, 26, Multimediadesigner, flimmert ein unübersichtliches Netz aus dünnen Linien und Kästchen, die „Switch“, „Decay“ oder „Renderer“ heißen. Sie sind Teil eines Programms, das später mit Farben und Formen auf die Musik reagieren wird, die Timpernagel abspielt. Das ist die gängige Vorarbeit für ein Musikvideo. „Wir sind zu 50 Prozent Gestalter und zu 50 Prozent Nerds“, sagt Timpernagel nicht ohne Selbstironie. Filmstudio, Kamera, Playback singende Musiker – das war gestern. Wenn heute Musikvideos produziert werden, geht es komplexer zu.
Zuletzt hat das Kreuzberger Design-Studio schnellebuntebilder, das Timpernagel gemeinsam mit Robert Pohle und Sebastian Huber betreibt, ein Musikvideo zum Stück „Bagatelle I“ des Saxofonquartetts sonic.art produziert – fast ausschließlich am Computer. Wie jedes neue Musikvideo, ist es im Internet jederzeit abrufbar. Musikfernsehen ist tot – spätestens, seit MTV nur noch als Bezahlsender über den Äther geht.
Die Verbreitung kreativer Erzeugnisse erfolgt im Internet über vielerlei Kanäle: Videoplattformen wie „Youtube“ oder „Vimeo“ sind zu visuellen Stereoanlagen geworden, bei denen jeder Song hochgeladen werden kann. In sozialen Netzwerken wie Facebook werden Clips anschließend viral verbreitet. „Gefällt mir“ und „Teilen“ sind nur einen Mausklick voneinander entfernt.
Diese Demokratisierung der Medien eröffnet Freiheiten, die zu Zeiten des marktorientierten Mainstreams bei MTV undenkbar waren. Das weiß auch Holger Lund, der zusammen mit seiner Frau Cornelia die Medienkunstgalerie und Onlineplattform Fluctuating Images in Berlin betreibt. An der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft beschäftigen sie sich mit der Visualisierung von Musik. „Früher musste der Fernsehzuschauer angucken, was kam. Im Internet müssen Künstler und Bands um Aufmerksamkeit kämpfen. Das führt zu einer Ausweitung der Kreativität im Umgang mit Formen und Formaten“, sagt Lund.
Ungewöhnliche Optik
Von den Linien-Netzen bis zum fertigen Video „Bagatelle I“ hat es mehr als einen Monat gedauert. Das Ergebnis ist ein Clip von einer Minute und 16 Sekunden Länge, in dem je nach Geschwindigkeit und Lautstärke des Saxofonspiels Linien und Punkte durch das Bild flitzen und immer wieder unterschiedliche Gestalten annehmen. Mal sind die Umrisse der Musiker erkennbar, dann wieder füllen schwarze Kleckse den Bildschirm.
Wer sich an die Ära des Musikfernsehens der 80er- und 90er Jahre erinnert, mag „Bagatelle I“ für einen ungewöhnlichen Videoclip halten. Seine Kürze, sein Abstraktionsgrad, die fast vollständige Unsichtbarkeit der Musiker und die zeitgenössische E-Musik unterscheiden sich enorm von dem, was seit dem ersten Musikvideo, Queens „Bohemian Rhapsody“ von 1975, galt: Es soll die Performance von Unterhaltungsmusikern, ihren Gesang, ihr Spiel an den Instrumenten, oder zumindest einen schauspielerischen Auftritt der Bandmitglieder zeigen. Ursprünglich zu Werbezwecken produziert, diente das Musikvideo später als Gesicht einer Band, sowie als Ersatz für und Vorgeschmack auf ihre Konzerte.
Seit die Musikindustrie kraftlos am Boden liegt, entwickelte sich jenseits der großen Produktionen eine Experimentierwiese für alternative Ideen. Von Playback-Gesang im Studio zu komplett digital erzeugten Animationen, vom narrativen Video zu sequenzhaften Bilderexplosionen – die neuen Videoproduzenten schöpfen eifrig aus dem Becken der scheinbar unbegrenzten technischen Möglichkeiten. Beschleunigt wurde die technisch-stilistische Revolution durch die Demokratisierung im Filmbereich, die die Produktionskosten für Videos „extrem zusammenschnurren ließ“, wie Lund erklärt. „Was zählt, sind gute Ideen.“
Die Suche nach der Identität
Das Problem kennt auch der Berliner Videokünstler Stephane Leonard. Im Gegensatz zu schnellebuntebilder hat der der 32-Jährige eine Bildsprache gefunden, die Elemente des klassischen Musikvideos mit neuen Techniken verbindet. Zusammen mit Kameramann, Lichttechniker, Visagist und Multimediadesigner schafft er bildgewaltige Hybride aus analogen, zum Teil performativen Sequenzen und kleineren digitalen Animationen. So wie die Bodi-Bill-Videos „Brand New Carpet“ und „What?“. Schwierig sei es, seine Ideen in Einklang mit den Vorstellungen der Band zu bringen und eine „gemeinsame Sprache zu finden“, erklärt Leonard. Die Band müsse sich mit den Bildern identifizieren können, denn sie verleihen den Musikern eine ästhetische Identität. So überrascht es nicht, dass sich Bodi Bill Sänger Fabian Fenk auf der Bühne einen Felsbrocken überstülpt, der den Fans schon aus dem Video zu „Brand New Carpet“ bekannt ist. Experte Lund erklärt: „Musik ist identitätslos geworden, zumindest im physischen Bereich substanzlos. Jede MP3-Datei sieht gleich aus. Akustische Töne mit einer visuellen Identität zu erleben, das ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis.“
Diese visuelle Identität muss so einzigartig wie möglich sein. Deshalb haben schnellebuntebilder für das Video „Bagatelle I“ alle 1337 Einzelbilder des digitalen Videos per Hand nachgezeichnet, abfotografiert und zu einer Animation zusammengefügt. Annegret Schmiedl, Basssaxofonistin von sonic.art, erklärt: „Jetzt wollen wir Sponsoren für die Nachfolger „Bagatelle II-VI“ finden.“ So sehr die Produktionskosten der Videos zusammengeschnurrt sind, sie existieren. Geld verdienen lässt sich mit den Clips kaum. schnellebuntebilder haben ihr Musikvideo auf internationalen Filmfestivals eingereicht und in Madrid und Oberhausen den Publikumspreis gewonnen. Ein bisschen Ruhm für eine Menge Arbeit.
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