zitty-Kritik 07/12

Im Foyer werden Protest-Flyer zum „Kulturnotstand in Pankow“ verteilt. Nicht nur die Prominenz der Regiedebütantin macht die völlig ausverkaufte Premiere im kleinen Theater unterm Dach aufregend. Dem kommunalen Haus droht die Schließung (siehe zitty 6/12). Das Regiedebüt der als Gorki-Schauspielerin sehr bekannten Anja Schneider gerät zum Politikum und zu einem furiosen Beispiel warum dieses Theater weiterhin gebraucht wird. Wie kein Zweites betreibt es Nachwuchspflege und ermöglicht jungen Talenten erste Inszenierungen. Regisseure wie Jo Fabian, Susanne Tuckenbroth, Astrid Griesbach, Anja Gronau und Jan Jochymski, Schauspieler wie Corinna Harfouch, Claudia Wiedemer und Matthias Horn reüssierten hier. Und nun Anja Schneider.

Sie verschränkt in der Stückfassung, die sie gemeinsam mit ihrer weiblichen Protagonistin Daniela Holtz erstellt hat, den Roman „Nachtgeschwister“ der West-Schriftstellerin Natascha Wodin mit „Das Provisorium“ des Ost-Schriftstellers Wolfgang Hilbig. Beide erzählen jeweils eine autobiografische Perspektive ihrer überaus obsessiven Liebesgeschichte. Es geht um Ost-West-Missverständnisse, Minderwertigkeitsgefühle und dass das Werk mitunter größer ist als der Dichter, der es verfasst hat.

Sensibel, aber auch mit Sinn für die Komik, die in Missverständnissen liegen kann, illustriert Schneider das tragische Verhältnis der beiden Liebenden aus verschiedenen Welten. Valerie von Stillfrieds Bühnenbild, in dem Metallstäbe Bewegungsräume abgrenzen, unterstützt sie dabei kongenial: Die Verstrebungen sind offen, aber immer steht irgendwas im Weg. Ein grandioser Regieeinfall ist die Doppelung der von Stefan Schießleder verkörperten männlichen Figur durch den Musiker Gerd Diener. Der spricht nicht nur Hilbigs markantes sächsisches Idiom, er kontrastiert Exzess und Hassliebe musikalisch mit Schlagerpoesie und vermisst mit clownesker Harmlosigkeit den Rand des Abgrunds, an dem die unglücklich Liebenden spazieren. Das nimmt der schmerzvollen Geschichte die Schwere, lässt ihr aber die traumverlorene Melancholie.