zitty-Kritik 01/2012

Zu DDR-Zeiten waren die Offenbach Stuben mehr als nur ein aus dem staatlich verordneten Mittelmaß herausragendes Restaurant: Es war eine Zuflucht für all jene, die nicht glauben wollten, dass sich real existierender Sozialismus und gutes Essen ausschließen müssen, ein Treffpunkt für Künstler und Bohèmiens, für Politiker aus Ost und West. Es war ein kulinarischer Leuchtturm, der Gerichte jenseits der staatlichen Zuteilungen anbot wie Schnecken, die von Studenten gesammelt wurden. Und es war ein Sammelsurium aus Nippes, Bühnenrequisiten und gediegenem Mobiliar inklusive Holzvertäfelung und eigenem Musikzimmer. All das war einmal. 1995 gab der alte Eigentümer auf. Nach einigen Besitzer- und Konzeptwechseln verblasste die Erinnerung an das stolze Erbe und die Offenbach Stuben tauchten in die Bedeutungslosigkeit ab.

Bis jetzt. Zumindest hatten wir die Hoffnung, dass mit der Wiedereröffnung an die glorreiche Vergangenheit angeknüpft würde. Und der erste Eindruck ist wirklich vielversprechend: Der Nippes ist zwar weg, ebenso das Musikzimmer, geblieben ist aber die gediegene Ausstattung mit Edelholztischen, wuchtigem Tresen und antiken Dekomöbeln. Auch die Weinauswahl, die vorurteilsfrei viele Tropfen aus der Neuen Welt neben europäischen Klassiker versammelt, zeugt von einem gewissen Anspruch. Dieser wird allerdings von der Küche nicht eingelöst: Die Speisekarte ist beliebig, bietet diverse Tapas, Pasta- und Salatspezialitäten, aber auch die üblichen Klassiker von Leber Berliner Art bis zum Wiener Schnitzel zu vertretbaren Preisen. Eine klare Linie ist hier nicht zu erkennen. Die Datteln im Speckmantel (3,50 Euro) zum Beispiel kommen als ordentliche Portion – allerdings übergossen von der mehr als überflüssigen Balsamico-Reduktion aus der Convenience-Abteilung.

Die Fischsuppe (5,50 Euro) erfreut sich zwar einer reichhaltigen Einlage, der Fisch darin könnte, nein, müsste aber frischer sein. Die Saltimbocca (12,50 Euro) entpuppen sich als mit farblosem Käse überbackene Schnitzel, die Kroketten dazu könnte man auch als „Gruß aus der Tiefkühltruhe“ servieren.

Lediglich die geschmorte Gänsekeule (14,50 Euro) gefällt dank zartem Fleisch und mit viel Speck bissfest gebratenem Grünkohl. Was den Abend schließlich rettet, ist der sehr gute und unprätentiös als 0,2 Liter ausgeschenkte Chianti (4,50 Euro), der die alten – wohl nur für die Offenbach Stuben – glanzvolleren Zeiten vor unserem zunehmend benebelten geistigen Auge wiederauferstehen lässt. Kai Röger