Karneval der Kulturen

Partys

BKA, Junction Bar, Prestige Festsaal, Yaam, Fr-So ab 22 Uhr
Auch die offiziellen Karnevalpartys widmen sich natürlich Grooves aus aller Welt. Am Freitag legt im BKA Wladimir Kaminer seine Russen- disko auf, Samstag Nacht folgt DJ Grace Kelly mit dem Mundo Mix. Freitag bis Sonntag Nacht wird es brasilianisch im Prestige Festsaal am Mehringdamm mit der Sambaband Furiosa, der Banda Jabuti  und mit Samba- und Capoeirashows. Salsa, HipHop und Reggaetón liefern Habano MC & Band in der Junction Bar am 11. Juni ab 22 Uhr. Karibische Klänge gibt es das ganze Wochenende im YAAM, am Pfingstsonntag steigt dort die offizielle Karneval der Kulturen-Aftershowparty mit Livemusik aus Trinidad-Tobago und Jamaika.

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Kulturelle Aneignung

Tanztage 2016

Die 25. Tanztage Berlin präsentieren den choreografischen Nachwuchs mit Auseinandersetzungen zu Kannibalismus und Ethno-Klischees

Text: Tom Mustroph

Meister Zufall ist ein guter Kurator. 160 Projekte bewarben sich bei der Ausschreibung der aktuellen Tanztage. Als thematische Schwerpunkte kristallisierten sich für die Festivalmacherin Anna Mülter Arbeiten heraus, die zum einen die außereuropäischen Traditionen des zeitgenössischen Tanzes erforschen und dabei das dis­kursive Post­kolonialismus-Besteck in die Hand nehmen. Und zum zweiten jene, die mit Klangerzeugung durch den menschlichen Körper operieren. „Bei unserem geringen Koproduktionsetat – maximal 3.000 Euro pro Premiere – werden die programmatischen ­Linien durch die Einsendungen und die daraus getroffene Auswahl vorgezeichnet“, meint Mülter pragmatisch.

Im Kontext Körperklang darf man sich auf ein Wiedersehen mit der zur weiteren Ausbildung nach Frankreich gegangenen Berlinerin Jule Flierl freuen, die ihre Stimmtechnik-Experimente mit dem bewegten Körper weiter vervollkommnet hat und nun in „A Sound Has No Legs To Stand On“ einen ganzen Soundscore aus fünf Performer-Leibern erzeugt (am 13. und 14.1.). Noise-Musik lässt hingegen Karol Tyminski, Warschauer Absolvent der belgischen Talentschmiede Performing Arts Research and Training Studios (P.A.R.T.S.), in „This is a Musical“ entstehen, indem ein Mikrofon die an der Haut spürbaren Erschütterungen seines Körpers durch Bewegungen abtastet (15. + 16.1.). Geräusche kämpfender Körper produzieren Lea Kieffer und Rocio Marano in ihrer Übernahme von Ninja-Kampftechniken („Los Ninjas – Matter Of Blood“ 13. + 14.1.).

Dieses Projekt passt auch prima in den zweiten Schwerpunkt des Festivals, der in einer kritischen Bestandsaufnahme außereuropäischer Tanztechniken durch den zeitgenössischen Tanz besteht. Herzstück dafür ist die Forschungseinrichtung des Julius-­Hans-Spiegel-Zentrums. Der Namensgeber war eine schillernde Gestalt. Seit frühester Kindheit taub, trat er in den 20er Jahren in Berlin mit Tänzen auf, die er angeblich bei einem Prinzen aus Java erlernt hatte. Er ­begeisterte damit die expressionistische und die futuristische Künstlerszene. Als Jude und Homo­sexueller emigrierte er später nach Capri und fristete dort nach diversen Internierungen seinen Lebensunterhalt als Tanzlehrer sowie als Modell für Wermut-Marken und Kaffeemaschinen.

Im Rahmen des Schwerpunkts „Archiv-Arbeit“ als mobiler Forschungsraum des Spiegel-Zentrums entdeckt nun deren Residenzkünstlerin Dragana Bulut serbische Volkstanz-, Cabaret- und Magiepraktiken (8.,9.1.), während sich Sara Mikolai der indischen Tanzform Bharatanatyam widmet und zugleich das Blickregime in kolonialen Fotografien aus Indien untersucht (12. + 13.1.).

Tanz gegen Stereotype: Olivia  Hyunsin  Kim in „She Came, She Saw, She Said: Meme“ - Foto: Moo Sang-Kim

Tanz gegen Stereotype: Olivia  Hyunsin  Kim in „She Came, She Saw, She Said: Meme“ – Foto: Moo Sang-Kim

Ein Höhepunkt des Festivals dürfte die wilde Auseinandersetzung des brasilianischen Choreografen und Tänzers Rodrigo Garcia Alves mit den Stereotypen kolonialer Ethnologen und der trotzigen Wiederaneignung dieser Stereotypen durch antikoloniale Aktivisten werden. Sein „La Maison Baroque“ (16. + 17.1.) beschäftigt sich mit frühen Kannibalismusvorwürfen gegenüber der indigenen Bevölkerung und dem Anthrophogischen Manifest des brasilianischen Modernisten Oswald de Andrade, laut dem in einer „Karibischen Revolution“ alle kulturellen Fremdeinflüsse verschlungen werden sollen.

Auch die portugiesischen DJs und Tänzer António Onio und Bráulio Bandeira untersuchen in „Savannah“ mittels portugiesischer Folklore selbst­ironisch eine Übergangszone aus Postkolonialismus und kultureller Aneignung. Bemerkenswert verspricht auch Olivia Hyunsin Kims ironische Beschäftigung mit den Klischees asiatischer Tanzkunst in „She Came, She Saw, She Said: Meme“ zu werden (9. + 10.1.).

In ihrer Jubiläumsausgabe versuchen die Tanztage nicht nur wie stets einen Überblick über interessante Nachwuchschoreografen in der Stadt zu geben. Sie zeigen auch internationale Positionen und sorgen vor allem für thematische Akzentsetzungen. Ein schöner Festivalauftakt fürs neue Jahr.

7.-17.1., Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte. Eintritt 14, erm. 9 €,
Archiv­arbeiten Spiegelzentrum: 5 €,
Partys und Let’s Talk About Dance: Eintritt frei.
www.sophiensaele.com

Berlin

Was wird aus den Piraten?

Ach, die Piraten. Inzwischen ist fast die gesamte Berliner Fraktion aus der Partei ausgetreten. Doch was wird aus ihnen nach der Abgeordnetenhauswahl nächstes Jahr? Fünf Sozialprognosen Text: Stefan Tillmann

Gerwaldt Claus-Brunner Foto: Piratenfraktion Berlin

Gerwaldt Claus-Brunner Foto: Piratenfraktion Berlin

Claus-Gerwald Brunner

Typ: Freak

Der Mann mit dem Pali-Tuch und der Latzhose war einer der meistfotografierten Politiker des Jahres 2011. Danach wurde es schnell still um ihn, der gelernte Mechatroniker begann parallel ein Maschinenbaustudium und sitzt heute im Petitionsausschuss, der als parlamentarisches Abstellgleis gilt. Versuchte zwischendurch noch Berliner Landeschef zu werden, verlor aber kläglich. Brunner kann es egal sein. Er wurde angeblich auf dem Heimweg von einem Dänemark-Urlaub der Eltern geboren und bereits von Charlotte Knobloch kritisiert. Das ist mehr als die meisten Menschen in ihrem Leben erleben.

Prognose: Wird Baustellenleiter am BER


Christopher Lauer Foto: Piratenfraktion Berlin

Christopher Lauer Foto: Piratenfraktion Berlin

Christopher Lauer

Typ: Ehrgeizling

Er war schnell das Gesicht der Piraten, obwohl oder gerade weil er in den eigenen Reihen viele Neider hatte. Stand vor jeder Kamera, redete in einem Affentempo, verwirrte und nervte viele Menschen, ehe er mit dem Bekenntnis einer ADHS-Erkrankung eine halbwegs brauchbare Erklärung für seine Dauer-Twitterei abgab. Macht inzwischen mehr oder weniger hauptberuflich irgendwas mit Internet beim Springer-Konzern.

Prognose: Wird das nächste „durchgeknallte Arschloch“


Andreas Baum Foto: Piratenfraktion Berlin

Andreas Baum Foto: Piratenfraktion Berlin

Andreas Baum

Typ: Nerd

Im Wahlkampf 2011 der Spitzenkandidat. Er wurde bekannt, als er als in einem TV-Duell Berlins Schulden auf „viele, viele Millionen“ schätzte – tatsächlich waren es damals 60 Milliarden Euro.  Baum war der Prototyp des Piraten: ein Techie, guten Willens, aber politisch naiv. So hörte er recht schnell als Fraktionschef auf, Machtspielchen mit Christopher Lauer waren offenbar nichts für ihn. Wird ihm aber langfristig egal sein. Der gelernte Industrieelektroniker, der früher bereits mal eine IT-Firma gegründet und verkauft hat, sagte bereits 2011, dass er nach der Politik gerne wieder eine Firma gründen würde.

Prognose: Wird als nächster Zuckerberg „viele, viele Millionen“ verdienen – mindestens


Martin Delius Foto: Piratenfraktion Berlin

Martin Delius Foto: Piratenfraktion Berlin

Martin Delius

Typ: Streber

Er hat alles richtig gemacht, und doch wieder alles falsch. Zur Erinnerung: Die Piraten waren angetreten, um alles anders zu machen. Und dann kam Martin Delius und stieg hochmotiviert in den Betrieb ein – zunächst als parlamentarischer Geschäftsführer. Mit parlamentarischer Penetranz wurde er zum Vorzeigepiraten und später als Fraktionschef und Leiter des BER-Untersuchungsausschuss zum Medienliebling. Allerdings gefiel er sich in der Rolle so sehr, dass er gar nicht merkte, dass die Menschen außerhalb des parlamentarischen Betriebs von der Fraktionsarbeit kaum etwas mitbekamen.

Prognose: Wird ein ganz normaler SPD-Politiker


Fabio Reinhardt Foto: Piratenfraktion Berlin

Fabio Reinhardt Foto: Piratenfraktion Berlin

Fabio Reinhardt

Typ: Romantiker

Bevor er ins Abgeordnetenhaus einzog, schlug er sich als freier Journalist durch und verdiente seine Geld mit fragwürdigen politischen Jobs, etwa beim ehemaligen Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss, der wegen des „Besitzes kinderpornographischer Schriften“ verurteilt wurde. Im Berliner Parlament wurde Reinhardt zunächst dadurch bekannt, dass er sich mit Parteikollegin Julia Schramm verlobte, was manch einer merkwürdig fand – nicht wegen der Verlobten. Inzwischen setzt sich Reinhardt für Flüchtlinge ein, sitzt unter anderem im Gnadenausschuss und entging nur fast einem Shitstorm, als er mit Parlamentskollegen den Flüchtlingsschlager „Und sie suchen nur das Morgen“ sang.

Prognose: Wird Schlagerstar, Neuauflage von „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“

Karneval der Kulturen

Die Höhepunkte des Karnevals der Kulturen

Viertägiges Straßenfest, Kinderkarneval und der Umzug von 96 Gruppen aus aller Welt am Pfingstsonntag: Karneval der Kulturen in Berlin. Zum letzten Mal wird der Straßenumzug von Afoxé loni angeführt.

Als ein Geschenk an die Stadt verstehen die Veranstalter den alljährlichen Karneval der Kulturen. Und die Stadt darf sich rund um den Pfingstsonntag stolz auf die kulturelle Vielfalt ihrer Einwohner zeigen und sich mit ihren Gästen der schönen Vorstellung hingeben, dass wir in einer multikulturellen, fröhlich-bunten Welt leben. Für ein paar Tage und besonders für den Straßenumzug, das Herzstück des Karneval der Kulturen, stimmt das ja auch. Hundertausende Besucher erfreuen sich an den Formationen von Berlinern aus aller Welt. Das diese oft nur durch Selbstausbeutung ihrer Teilnehmer zustande kommen, da die öffentlichen
Mittel und die Einnahmen aus dem Straßenfest allein von der 750.000 Euro teuren Logistik des Events verschlungen werden, wissen die wenigsten. Mit Afoxé Loni wird eine der prominentesten Gruppen in diesem Jahr zum letzen Mal dabei sein. Aber wenn die Karawane losgeht, überstrahlt die Freude am Karneval allen Ärger und es herrscht Alegria, Plaisir und Happiness. Viva Karneval!

Karneval der Kulturen

Afoxé Loni gibt auf

Afoxé Loni will aus Protest nicht mehr am Karneval der Kulturen teilnehmen – damit verliert der Umzug seine Spitze

Seit 15 Jahren eröffnet die afro-brasilianische Formation Afoxé Loni rituell den Karneval der Kulturen und führt die bunte Karawane an. Doch damit wird nun Schluss sein. „Wir sagen Nein zu dieser Kulturpolitik der Missachtung, Instrumentalisierung und Ausbeutung der kulturellen Vielfalt in dieser Stadt“, steht in einem Offenen Brief, mit dem Afoxé Loni ihren Abschied vom Karneval zum nächsten Jahr erklärt.
Der Karnevalsumzug, mit dem Berlin seit 1996 die bunte Mischung der Stadt feiert, geschieht auf Kosten der Formationen, nur unzureichend unterstützt durch kleine Sponsoren. „Wir sind nicht mehr bereit, die Kosten aufzubringen, die bereits durch die Auflagen der Stadt bei der Technik des Wagens und der Sicherheit entstehen“, sagt Krista Zeißig, Organisatorin und Mitgründerin der Gruppe. Die Einnahmen aus dem Straßenfest und die öffentlichen Mittel in Höhe von 270.000 Euro, die das Karnevalsbüro des Veranstalters Werkstatt der Kulturen erhalten, decken allein die Logistik des Spektakels.
Mit Afoxé Loni gibt einer der größten und bekanntesten Blöcke des Kulturkarnevals auf.  Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) unterstützt den Umzug als Schirmherr ideell, verweist ansonsten auf die leeren Kassen Berlins. Längst jedoch ist die Parade ein Image- und Wirtschaftsfaktor für Berlin, der Geld in die Kassen spült.
Natja Mau vom Karnevalsbüro hofft, dass die Aufgabe dieser prominenten Formation ein Umdenken im Senat bewirkt. Afoxé Loni fordert die Einsetzung eines Karnevalfonds, an den Förderanträge gestellt werden können. Ansonsten würden auch andere Gruppen ihrem Beispiel bald folgen müssen.

Service und Tipps zum Karneval der Kulturen