Paul McCarthy: The Box
Ein Leben in der Kiste
Zweifellos zählt Paul McCarthy zu den einflussreichsten Künstlern der Gegenwart. Und dennoch ist das Werk des 1945 geborenen US-Amerikaners in Berlin bisher selten zu sehen gewesen. McCarthy hat keine Galerie in Berlin, war kaum in wichtigen Ausstellungen vertreten, und kein Stipendium hat ihn je in die Stadt gebracht. Jetzt aber zeigt die Neue Nationalgalerie eine Arbeit des Performance- und Videokünstlers, Malers und Bildhauers: „The Box“ von 1999, eine große Holzkiste, die ganz allein im gläsernen Erdgeschoss des Museums steht.
McCarthys Karriere begann Ende der 1960er-Jahre mit Performances, die sowohl in der Tradition des Wiener Aktionismus‘ wie in der der Pop Art standen. Körperbetonte Aktionen, die oftmals sexuell aufgeladene Handlungen vorexerzierten, setzte der Künstler damals aggressiv und spielerisch zugleich in Szene. Traten bei den Wiener Aktionisten noch leibhaftig agierende Körper inklusive Sperma oder Blut auf, so sind es bei McCarthys Performances plastische Requisiten, stereotyp spielende Akteure und industriell gefertigte Substanzen wie Ketchup und Mayonnaise.
Heidi in Wien
Universelle Entfremdung statt subjektiver Existenzialismus ist auch in den späteren Installationen und Videos ein zentrales Moment. Der American Dream wird dem Künstler zum absurden Albtraum, die „dunklen Seiten“ von konsumzentriertem Kapitalismus, rigider Gesellschaftsmoral und nur scheinbar fröhlicher Pop-Kultur geben den Hintergrund ab für seine Kunst. Etwa in der Arbeit „Heidi“, die er 1992 gemeinsam mit Mike Kelley inszenierte. In einem Setting aus Performance, Video und Installation wird die bekannte Geschichte von Johanna Spyri erzählt, also die von dem lieben Mädel, das in einer Berghütte bei ihrem Großvater aufwächst. Diese Idylle ist von den beiden Künstlern in eine „American Bar“ in Wien verlegt worden, im Hintergrund hängt ein gemaltes Alpenpanorama, davor ist Heidi als Popstar Madonna in einer Wiege aufgebahrt, nackte Puppen liegen herum. Autoritäre Männerfantasien und deren warenförmige Umsetzung geben in dieser Version von „Heidi“ den Ton an.
In den letzten Jahren ist McCarthys Arbeit skulpturaler, ja architektonischer geworden. In reduzierter Form und fast monumentaler groß stellt etwa „Chocolate Blockhead, 2000“ die Märchenfigur Pinocchio dar. Die geometrisch-klobige Form betont den phallischen Charakter der überdimensionierten Nase. Auch „The Box“ weist architektonische Bezüge auf, die geometrische Form der überdimensionierten Holzkiste korrespondiert mit dem ebenfalls geometrisch klar strukturierten Museumsbau von Mies van der Rohe. Geht man aber um McCarthys Box herum, dann kommt man auf einer Stirnseite zu einem Fenster, und durch dieses blickt man in das Innere, genauer: auf das um 90 Grad gekippte Studio des Künstlers.
Statt am Boden sind lange Holztische, übersät mit Arbeitsutensilien, an der rechten Wand zu sehen, auch Puppenteile, alte Schreibmaschinen, Reste von Skulpturen und Leuchtkästen kann der Besucher durch das Fenster erspähen. Doch dem Voyeur sind klare Grenzen gesetzt. Da es nur dieses eine „Schlüsselloch“ gibt, bleibt der hintere Teil des Ateliers für die Besucher terra incognita. Nur ahnen kann man, was hier einst geschah. Und das ist gut so.
Bis 4.11.: Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Tiergarten, S + U Potsdamer Platz, Di, Mi + Fr 10-18, Do 10-22, Sa/ So 11-18 Uhr, Eintritt 10/ erm. 5 Euro
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