Interview: Peter Morgan, Regisseur von "360"
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Peter Morgan auf dem Filmfest München
Taugt Arthur Schnitzlers fast hundert Jahre alter „Reigen“ noch als Inspiration? Ja. Schnitzlers Reigen-Motiv – das Leben dreht sich immer weiter und alles ist miteinander verbunden – war für mich sehr wichtig. Als ich mit dem Schreiben anfing, hatten wir die große Banken-Katastrophe, die Schweinegrippe-Hysterie und andere Krisen weltweit. Es war verrückt: Da nieste jemand in Mexiko, und in New York oder Sydney trugen alle Mundschutz-Masken. Hinzu kam, dass Steven Soderbergh „Contagion“ über eine Virus-Epidemie drehte. Für mich ist „360“ auch ein Film über einen Virus. Aber statt mit Bakterien hat er mit der Verantwortung von Menschen füreinander zu tun. Und wie nah wir einander sind. Und es ist auch ein Film über die Liebe.
Ist für Sie Liebe ein Virus? Ja, sicher. Ich meine damit vor allem die Übertragbarkeit von Liebe: Heute liebe ich diese Frau, morgen verliebe ich mich in eine andere – und gebe meine Liebe an sie weiter. Liebe verändert sich ständig – auch innerhalb einer Beziehung. Aber bei Schnitzler geht es ja in erster Linie um Sex, Lust, Begierde. In „360“ geht es dagegen vor allem um Menschlichkeit. Und um das Desaster, Mensch zu sein.
Welches Desaster? Wir sind doch alle so voller Lust, Sehnsüchte und Emotionen, dass wir beim Versuch, diese Dinge auszuleben, zwangsläufig enttäuscht und erniedrigt werden. Wir alle werden fast ständig von unseren primären Bedürfnissen getrieben, von Angst, Lust, Wut. Ein Roboter hätte diese Probleme nicht. Wie gesagt: Mensch zu sein, ist ein Desaster. Andererseits liegt für mich gerade darin der Antrieb, kreativ tätig zu werden. Ich habe herausgefunden, dass ich mich mit dem Leben am besten schreibend auseinandersetzen kann.
Reflektieren Ihre Drehbücher Ihr Inneres? Als ich das Drehbuch zu „360“ schrieb, ging es mir sehr schlecht. Meine Mutter lag im Sterben. Aber Themen wie Verlust kommen im Film nicht vor. Im Gegenteil, es geht um Liebe, Untreue, Begierde. So gesehen hat mir das Schreiben dabei geholfen, nicht ständig an den Tod denken zu müssen.
Unter welchen Bedingungen würden Sie für sich Untreue akzeptieren? Ich habe mit meiner Frau ein Seitensprung-Abkommen. Sollte ich auf einem Flug wegen eines Schneesturms irgendwo notlanden und dort mit völlig fremden Passagieren in einem Hotel übernachten müssen, dürfte ich mit einer Frau Sex haben. Da ich seither vergeblich auf Schneestürme warte, schrieb ich eben so eine Episode für „360“.
Haben Sie bisher alle Ideen in Drehbüchern verwertet? Es gibt ein, zwei Ideen, die ich noch nicht aufgeschrieben habe. Bei einer handelt es sich um eine Frau in London, die seit 20 Jahren nach ihrer großen Liebe sucht. Eines Sommertages kauft sie sich in der Mittagspause ein Sandwich. Aber alle Bänke im Park sind besetzt. Also geht sie in eine Kirche. Dort begegnet sie einem Mann, der sich auch mit seinem Sandwich zurückgezogen hat. Sie verlieben sich ineinander. Das wäre nie geschehen, wenn sich vorher nicht all diese Umstände ereignet hätten. Oder eine andere Geschichte: Ein Frau ist so frustriert, dass sie beschließt, immer das Gegenteil von dem zu machen, was sie eigentlich tun wollte. Das führt natürlich in ein furchtbares Chaos. Was passiert, wenn Menschen aus der Bahn geworfen werden? Das interessiert mich brennend.
Zufall oder Vorbestimmung – woran glauben Sie? An Zufall. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Leben voller unvorhergesehener Momente ist. Ich glaube nicht an einen göttlichen Master-Plan und erfreue mich täglich an den Irregularitäten des Lebens und den Möglichkeiten, die sie eröffnen.
Dann sind Sie auch rein zufällig Drehbuchautor geworden? Ich bin es geworden, weil ich dafür bezahlt wurde.
Erzählen Sie bitte. Ich habe meine Karriere als Theaterschauspieler begonnen. Aber dieses Lampenfieber: Ich bin fast gestorben, bevor ich auf die Bühne musste. So wollte ich den Rest meines Lebens nicht verbringen. Also habe ich mich am Theater nach einem anderen Job umgesehen. Bald habe ich bei Aufführungen Regie geführt und wurde zu den Festspielen nach Edinburgh eingeladen. Allerdings stand kein Geld zur Verfügung, um Rechte für ein Stück bezahlen zu können. Also schrieb ich aus reiner finanzieller Not heraus ein Theaterstück. Also nicht etwa, weil ich mich so toll fand oder etwas Großartiges zu sagen hatte. Das Stück wurde zu meiner Überraschung ein Erfolg. Von da an kamen weitere Angebote, Stücke und Drehbücher zu schreiben. Ich war Anfang 20. Nie hätte ich gedacht, dass ich damit meinen Lebensunterhalt bestreiten könnte.
Macht es einen Unterscheid, ob Sie über fiktive Personen oder über Menschen der Zeitgeschichte schreiben, wie etwa die Queen, Richard Nixon oder Idi Amin? Für mich fühlt es sich gleich an. Okay, bei der Adaption eines historischen Stoffes bin ich in der ersten Woche total auf das Buch fokussiert. Ich mache mir Notizen, was für den Film wichtig sein könnte. Dann baue ich mir ein Handlungs-Skelett. Von diesem Moment an ist es völlig gleichgültig, ob es sich um Fakten- oder Fiction-Material handelt. Und es ist auch egal, ob daraus ein Theaterstück, eine TV-Serie oder ein Kinofilm wird. Oder ob ich für Hollywood schreibe oder einen europäischen Auftraggeber. Schreiben ist Schreiben.
Stört es Sie, wenn Schauspieler sich nicht genau an Ihren Text halten? Ich drohe ihnen, sie auf der Stelle zu erschießen, wenn sie das noch einmal machen. Das wirkt ziemlich gut. Es gibt vor dem Drehen meist ausführliche Proben. Da können die Schauspieler von mir aus alles versuchen, was sie wollen. Und wenn es gut ist, arbeite ich es in den Text ein. Zum Beispiel die Szene von „360“, in der Anthony Hopkins beim Anonymen-Alkoholiker-Treffen seinen langen Monolog hat: Den Teil über das Treffen mit dem Priester hat er von vorne bis hinten improvisiert. Aber er hat die Kurve zu meinem Text sehr elegant hinbekommen. So etwas lässt man natürlich stehen, denn das ist Gold wert.
Was ist das Geheimnis eines guten Dialogs? Keine Ahnung. Man hört einfach, ob es echt klingt – oder eben nicht.
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