Vater Staat gibt einen aus: Projekträume in Berlin
Dickes Tuch verhängt die Fenster, Scheinwerfer strahlen auf eine junge Frau. Sie soll sagen, wie sie sich ihr Künstlerdasein im Jahr 2084 vorstellt. In welcher Währung wird bezahlt, und gibt es dann noch Museen? Im Kreuzberger Projektraum Or Gallery soll ein Film über die Zukunft der Kunst entstehen.
Der Künstler Anton Vidokle aus New York, Mitbegründer des weit verbreiteten Kunstnewsletter e-flux, hat mit der Soziologin Pelin Tan Kollegen eingeladen, an dem Dreh mitzuwirken. Von Künstlern geführte Nonprofit-Räume, meinen sie, steckten seit langem in dem Dilemma fest, sich entweder vom Staat oder vom Markt finanzieren zu lassen. Beides beschneidet die Freiheit. Der Staat setzt Förderrichtlinien fest, der Markt bedient Sammlergeschmack. Was aber wäre die Alternative?
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Berliner Projekträume |
Bevor Kerstin Karge und Nina Korolewski über eine Alternative nachdenken können, nehmen sie, was sie bekommen: 210.000 Euro. Die beiden Kulturmanagerinnen beteiligen sich am „Netzwerk der Berliner Projekträume und -initiativen“ und haben nach über zwei Jahren Lobbyarbeit erreicht, dass Berlin nun sieben Projekträume mit je 30.000 Euro fördern will. Das Geld, über das eine Jury entscheidet, wird als Preisgeld, als Auszeichnung vergeben.
Ganz glücklich wirkt man beim Netzwerk darüber nicht. „Es ist nicht das, was wir wollten, aber es zeigt, dass etwas möglich ist,“ sagt Korolewski. Das Netzwerk hatten den Bedarf auf 2 Millionen Euro geschätzt. Zudem eine hatte es Bedarf für eine neue zweiteilige Förderstruktur angemeldet, die mehrjährige Infrastrukturfinanzierung mit kurzfristiger Anschubhilfen kombiniert und Honorare für Künstler und Kuratoren einschließt.
Davon ist der Preis weit entfernt. „Leuchtturmförderung“, so spotteten einige Teilnehmer eines Treffens zum Thema Anfang August, Geld erhalte nur, was bereits strahlt. Zudem kritisierten sie die Wettbewerbsidee des Preises, der der Neigung von Projekträumen zu Kooperationen und Netzwerken zuwider laufe. Doch Geld vom Staat abzulehnen, ist das die Alternative?
Nur 25 Prozent der Berliner Projekträume, die die französische Soziologin Séverine Marguin 2011 befragte, bezogen überhaupt öffentliche Mittel. Fast alle Betreiber der rund 150 Berliner Projekträume zahlen die Ausstellungen aus eigener Tasche.
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Aktuell in Projekträumen
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Auch der Markt scheint kein Gegenmodell zu bieten. „Die interdisziplinäre, diskursive Kunst, die in den Projekträumen entsteht, wird vom Kunstmarkt ignoriert“, sagt Christian de Lutz. Gemeinsam mit Regine Rapp führt er das 2006 gegründete Art Laboratory Berlin, einen Projektraum in Wedding. Für eine Ausstellung erhielten sie jüngst Förderung vom Hauptstadtkulturfonds, für eine Kunstbuch-Präsentation mit Sol LeWitt zahlte ein Sammler. Manchmal beteiligen sich Kulturinstitute und Stiftungen. Fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit, sagen die beiden, verwenden sie für Förderanträge. „Wenn wir Geld bekommen, können das 15.000 Euro sein, oft weniger. Das deckt knapp oder nicht ganz die Kosten für eine Ausstellung“.
Kulturpolitiker anderer Länder schätzen die freie Szene weit höher. Die Or Gallery wird seit langem vom Canada Council for the Arts und der Stadt Vancouver unterstützt, das Geld reicht sogar für die Dependance in Berlin. Direktor Jonathan Middleton ist Vorstandsmitglied der Pacific Association of Artist Run Spaces, die im Oktober eine ebenfalls öffentliche geförderte Konferenz für Projekträume in Vancouver ausrichtet. Der Verband bündelt seit fast 25 Jahren die Interessen der von Künstlern geleiteten Räume und soll sich auch für „bessere Finanzierung, Vergütung und Arbeitsbedingungen“ einsetzen, wie Middleton sagt.
Mit seinen rund 150 Projekträumen hat Berlin ein Alleinstellungsmerkmal in der Kunstwelt. Doch kein Vertreter all der Berliner Räume ist gekommen, als Anton Vidokle im Juli zum Dreh seines Films lud, den er in Vancouver zeigen will. Stattdessen ist Shuddhabrata Sengupta aus Delhi zugegen, Mitglied des international bekannten Raqs Media Collecitive, das in Galerien, auf Biennalen, Messen und Konferenzen auftritt und sich an der Gründung des Centre for the Study of Developing Societies in Delhi beteiligte. Angst vor Markt, Staat und Institutionen kennt das Kollektiv nicht. „Mit Selbstbeschreibungen wie ,radikal‘ oder ,off‘ machen wir uns zur ewigen Alternative“, sagt Sengupta. „Wir sollten aber ins Zentrum.“
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