Literatur: Reise durch die Berliner Salonkultur
Gottfried Keller bescheinigte der Saloniere Rahel Varnhagen eine „absolute Natur, Wahrheit und Genialität“; liest man die neue und komplette Ausgabe ihrer Briefe, so kommt noch etwas anderes dazu: Varnhagen leidet, sie leidet gerne, sie leidet viel – und sie spricht auch gerne darüber. Bei ihren „geselligen Abenden“ trafen sich zwischen 1790 und 1806 Denker, Künstler und Aristokraten unterschiedlicher Politik- und Glaubensrichtungen. Stammgäste waren unter anderem die Dichter Ludwig Tieck und Friedrich de la Motte Fouqué, Prinz Louis Ferdinand von Preußen und seine Geliebte Pauline Wiesel. Ihr Salon wurde zum Mittelpunkt des Berliner Geistesadels der Romantik. „Sie war eine Art Außenseiterin unter den Salonnièren. Sensibel, extrem selbständig im Denken, auch unkonventionell“, sagt die Historikerin Petra Wilhelmy-Dollinger.
„Hier konnten unterschiedliche Stände miteinander in einer freien, konventionsbefreiten Art über kulturelle Angelegenheiten kommunizieren“, sagt der Kulturwissenschaftler Peter Seibert. Und natürlich waren diese Salons auch die Orte, an denen sich das Bürgertum seiner neuen Macht – politisch und kulturell – bewusst wurde.
Literarische Salons gab es schon vor Varnhagen. Um 1700 hatte Königin Sophie Charlotte den ersten in ihrem Schloss gegründet. Doch erst von 1780 bis ungefähr zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden knapp 100 Berliner Salons. Fast alle wurden von Frauen geführt, wie Bettina von Arnim, Marie von Radziwill oder Sabine Lepsius. „Salongeselligkeit definiert sich traditionell von den Frauen her“, sagt Petra Wilhelmy-Dollinger. „Die Frauen, die aus dem öffentlichen literarischen und gelehrten Leben weitgehend ausgeschlossen waren, holten sich die res publica litteraria ins eigene Haus. Durch ihren Charme, ihre literarischen Interessen und ihre Konversation schufen sie ein Gegenbild zur eher pedantischen offiziellen Literatenwelt der Männer.“
Später dienten die Salons auch dem bürgerlichen Rückzug ins Private. Der 1. Weltkrieg ließ die literarischen Salons langsam verschwinden. Die Literaten blieben lieber unter sich, wollten sich von den Lesern ihrer Bücher nicht reinreden lassen. Ausnahmen, wie der legendäre sonntägliche „jour fixe“ des Kultursoziologen Nicolaus Sombart, bildeten da eher eine Ausnahme. Hier versammelte sich rund um Sombarts Divan die politische, wissenschaftliche und kulturelle Elite des alten West-Berlin. Erst mit Wende, Wiedervereinigung und dem damaligen „Berlin Hype“ wurde die Hauptstadt auch wieder kultureller Mittelpunkt. Cornelia Saxe sprach in ihrem Buch „Das gesellige Canapé“ sogar von einer Renaissance der literarischen Salons. Viele davon existieren heute schon nicht mehr.
1995 eröffnet die damalige Germanistikstudentin Britta Gansebohm ihren literarischen Salon im Atelier eines Malers. Da saßen die Zuschauer auf Bierkisten und die Abende „endeten nicht selten morgens um sechs“, erinnert sich Gansebohm. Heute ist ihr literarischer Salon eine Institution, die abwechselnd im Kreuzberger BKA-Theater und in der etwas raueren Z-Bar stattfindet. In ihrem „öffentlichen Wohnzimmer“ gibt es runde kleine Tische, „um die Leute besser ins Gespräch zu bringen.“ Peter Wawerzinek, Jan Peter Bremer, Ulrich Peltzer, Alexa Henning von Lange und Judith Hermann haben hier ihre Bücher vorgestellt.
Eine moderne, hybride Form des literarischen Treffens ist der Berliner Ableger des jungen internationalen Netzwerks PenTales, das 2009 in New York gegründet wurde. Die beiden Initiatorinnen Saskia Miller und Stephanie Hodges wollen „ein lebendiges Lexikon konstruieren, gebaut aus Geschichten“. Jede Ausgabe hat ein Thema und jeder Teilnehmer erzählt eine Geschichte mit Texten, Musik, Theater oder Film. Die Berliner Treffen finden unregelmäßig statt und sind nomadisch: „Bisher waren wir in Bars in Mitte, Privatwohnungen in Neukölln und in einem Keller in Kreuzberg“, sagt Louisa Löwenstein, die 26-jährige Journalistin und Organisatorin der Berliner Treffen. Auf der Facebook-Seite tauschen täglich Teilnehmer der ganzen Welt Lesungen und Ideen aus. Ein anderer Salon findet (noch) in der obersten Etage des Treptower Allianz-Turms statt. Fünf Mal pro Jahr lesen hier ausgesprochen junge Autoren. Nicht nur wegen des spektakulären Blicks über den Fluss und die Stadt einer der interessantesten Salons. Sehr romantisch! Rahel Varnhagen hätte es gemocht.
Details. Rahel Levin Varnhagen: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Hg. von Barbara Hahn, Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 6 Bände, 3.070 Seiten, 69 Euro
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